Zeugnisse des Widerstands

Das Haus der Kulturen der Welt in Berlin stellt das Lebenswerk der indigenen kanadischen Filmemacherin Alanis Obomsawin vor

  • Von Tom Mustroph
  • Lesedauer: 5 Min.
Vorhang auf für Alanis Obomsawin, eine unermüdliche Aufklärerin über Rassismus und Gewalt.
Vorhang auf für Alanis Obomsawin, eine unermüdliche Aufklärerin über Rassismus und Gewalt.

Rassismus kennt viele Sprachen. In Kanada wird rassistische Unterdrückung oft auf Englisch oder Französisch ausgeübt. Die Ausstellung »The Children Have to Hear Another Story« im Haus der Kulturen der Welt (HKW) stellt das Lebenswerk der indigenen Sängerin, Performerin und Filmemacherin Alanis Obomsawin vor. Sie war selbst als Angehörige der Abenaki früh Repressalien ausgesetzt. Ihre zunehmende Popularität als Künstlerin nutzte sie zur Sichtbarmachung vieler Probleme auf nationaler Ebene. Als Dokumentarfilmerin schuf sie ein beeindruckendes Werk über Unterdrückung und Widerstand. Viele ihrer Filme sind in der Ausstellung zu sehen. Sie enthält auch Zeichnungen, die in den Filmen verwendet wurden, und zahlreiche dokumentarische Materialien. Auf der Website des HKW sind für die Dauer der Ausstellung auch alle Langfilme von Obomsawin eingestellt.

Die Ausstellung beginnt mit einem filmischen Porträt der damals noch sehr jungen Künstlerin. Es wurde bereits in den 1960er Jahren im kanadischen Fernsehen ausgestrahlt. Man sieht eine attraktive Frau, die mit einer Art Krone auf dem Kopf eine Bühne betritt. Sie wird beklatscht und bewundert. Diese Bilder der damals 33-jährigen Obomsawin werden gegengeschnitten mit Fotos aus den 1930er und 1940er Jahren, die indigene und weiße Kinder zeigen. Eine Erzählerstimme rekapituliert dabei die Demütigungen, denen Obomsawin während ihrer Schulzeit als einziges indigenes Kind in der Klasse ausgesetzt war. Sie hatte, das muss man annehmen, im Vergleich zu vielen Kindern gleichen Alters aus indigenen Familien allerdings sogar noch Glück. Denn anders als sie, die bei ihren Eltern aufwachsen durfte, wurden viele indigene Kinder vom kanadischen Staat in Internatsschulen geschickt, fernab der Familien. Ihnen wurde dort verboten, die eigene Sprache zu sprechen. Sie wurden ganz bewusst ihrer Herkunftskultur entfremdet. Man müsse »im Kinde den Indianer töten«, lautete das von einem kanadischen Politiker in ein sehr drastisches Bild gepackte Ziel dieser sogenannten Bildungskampagne. Obomsawin brachte diese Thematik früh in die kanadische Öffentlichkeit ein. In dem Porträt konstatierte sie, dass zumindest ihr als anerkannter Künstlerin die kanadische Öffentlichkeit inzwischen anders begegne als noch ihre Mitschüler und deren Eltern drei Jahrzehnte zuvor. Eine wirkliche Nähe und Akzeptanz sei aber noch immer nicht erreicht.

Bereits zu jenem Zeitpunkt profilierte sie sich als Aktivistin, sammelte etwa Spendengelder, damit auf dem Gelände eines Reservats ein Schwimmbad gebaut werden konnte. Der Fluss, in dem die Einwohner*innen früher badeten, war verschmutzt. Das Schwimmbad in der benachbarten Stadt stand Indigenen nicht offen. Das war ganz deutlicher Rassismus.

Inzwischen ist es so, dass die Nachfahren der Rassisten vom Erfolg antirassistischen Aktivist*innen ebenfalls profitieren. Denn als kürzlich das Bad der Stadt geschlossen wurde, baten Gemeindevertreter den Community-Rat der Reservation um Schwimmmöglichkeiten für die eigenen Kinder. Die Ältesten der indigenen Gemeinschaft stimmten dem Anliegen zu. Es ist eine schöne Pointe eines langen Kampfes.

Obomsawins Filme selbst beleuchten vor allem die düsteren Seiten und die Schwere der Kämpfe. In ihrem Film »Incident at Restigouche« zeigt sie etwa, wie schwer bewaffnete Polizeieinheiten mit Einsatz von Hubschraubern ein Reservat stürmen - angeblich, um die Einhaltung der Fangquoten beim Lachsfang zu kontrollieren. Man sieht Fischer bei ihrer Arbeit und die massiv ausgerüsteten Polizisten. Obomsawin arbeitet auch mit Zeichnungen, die den Lachsfang eingebettet in die indigene Lebensweise zeigen. Die Absurdität des Polizeieinsatzes wird auch in Zahlen über die Fangzahlen jenes Jahres deutlich: Indigene Fischer kamen insgesamt auf 22 Tonnen Lachs, Sportfischer im gleichen Gebiet auf 867 Tonnen und nicht indigene kommerzielle Fischer auf 109 Tonnen. Vor den Gewässern Kanadas zogen internationale Fangflotten nach Recherchen von Obomsawin gewaltige 3285 Tonnen Lachs an Bord. Diese Zahlen recherchierte die Filmemacherin.

Im Film »Richard Cardinal: Cry from a Diary of a Métis Child« steht das Foto eines am Baum erhängten Jugendlichen im Mittelpunkt. Anhand von Tagebuchaufzeichnungen erzählt Obomsawin die Geschichte des Jungen. Er wurde seiner Familie weggenommen, auch von seinen Geschwistern getrennt und trat eine Odyssee durch mehr als ein Dutzend Pflegefamilien und diverse Heime an. Er war dabei physischer und psychischer Gewalt ausgesetzt und nahm sich schließlich das Leben. Der Film stieß in Kanada eine Debatte über Gewalt in Pflegefamilien und vor allem die Praxis der Internate und Internatsschulen an. Die Diskussion flammte kürzlich wieder neu auf, als auf dem Gelände einer einstigen Internatsschule 215 Kinderleichen gefunden wurden. Sie kamen vermutlich während ihrer Schulzeit dort um und wurden heimlich vergraben, ohne dass die Familienangehörigen je die Todesursache erfuhren noch vom Ort der Bestattung wussten. Weil von mehreren Tausend indigenen Kindern immer noch jede Spur fehlt, sind auch auf dem Areal anderer ehemaliger Internatsschulen Suchoperationen nach Grabstellen im Gange.

Teil der Ausstellung sind auch Lernmaterialien. Obomsawin entwickelte sie vor allem in den 70er Jahren selbst, um einerseits indigenen Kindern, die in den Internaten steckten, ein Wissen über ihre Wurzeln zu vermitteln. Anderseits bestritt sie damit Informationsveranstaltungen mit weißen Kindern, um ihnen Kultur und Lebensweise der First Nations nahezubringen - und so zumindest in der nächsten Generation für mehr Nähe und Verständnis zu sorgen.

Überhaupt standen Kinder oft im Zentrum ihrer Arbeit. Ihren ersten Film, »Christmas at Moose Factory«, gestaltete sie vor allem mit Kinderzeichnungen, die das Leben in einer Gemeinschaft der Cree sowie in den Internatsschulen beschreiben. Auf grafische und zeichnerische Elemente griff Obomsawin auch später zurück, was ihren Filmen oft eine besondere poetische Tiefe verlieh.

Dass Obomswain den Film als künstlerisches Medium entdeckte, verdankte sie einer Anstellung beim kanadischen Film-Board (National Film Board of Canada). Zunächst war sie dort als Beraterin für Filme über die First Nations angestellt, später wurde sie dort Produzentin und Autorin.

Für den April ist ein Besuch der mittlerweile 90-jährigen Künstlerin in Berlin geplant. Es erscheint auch eine Publikation über ihr Lebenswerk.

»The Children Have to Hear Another Story - Alanis Obomsawin«, bis 18. April im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Berlin.

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