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  • Geflüchtete aus der Ukraine

Rassismus an der polnisch-ukrainischen Grenze

Vor wenigen Wochen bekamen geflüchtete People of Color nur ein 15-tägiges Visum für Polen. Doch mittlerweile hat sich die Situation verbessert.

  • Von Julia Trippo, Przemyśl
  • Lesedauer: 4 Min.
Aurang Khan ist seit dem 4. März in der polnischen Grenzstadt Przemyśl und hilft hier aus der Ukraine geflüchtete People of Color.
Aurang Khan ist seit dem 4. März in der polnischen Grenzstadt Przemyśl und hilft hier aus der Ukraine geflüchtete People of Color.

Seit dem 4. März sind Sie als Freiwilliger in Polen, um aus der Ukraine Geflüchteten zu helfen. Was sind Ihre Eindrücke von der aktuellen Lage?

Hier in Przemyśl gibt es zwei Grenzübergänge, einer in Medyka und einer in Korczow. Dann gibt es noch zwei Geflüchtetenlager, beide davon in polnischen Einkaufszentren. Die Menschen, die aus der Ukraine kommen, suchen Schutz. Am Anfang gab es dafür noch kein richtiges System und es wurden freiwillige Helfer*innen gesucht. Deshalb bin ich hergekommen.

Ich versuche den Menschen bei allem, was sie brauchen behilflich zu sein, sei es Unterkunft, Transport und Weiterreise oder auch die Besorgung einer SIM-Karte.

Sie legen einen spezifischen Fokus auf Geflüchtete of Color und Menschen ohne ukrainische Staatsbürgerschaft. Warum ist das gerade so wichtig?

Wenn People of Color nach Polen, Deutschland oder andere Länder kommen, erfahren viele Rassismus oder Diskriminierung. Für sie ist es beispielsweise noch schwerer, eine Unterkunft zu finden. Es ist schon passiert, dass Leute ihr Angebot eines Schlafplatzes zurückgezogen haben, als sie die Hautfarbe der Menschen herausgefunden haben. Das ist ein großes Problem.

Ukrainerinnen schminken sich in einer polnischen Flüchtlingsunterkunft
Ukrainerinnen schminken sich in einer polnischen Flüchtlingsunterkunft

An der polnisch-ukrainischen Grenze gab es anfänglich außerdem Visaprobleme, das Grenzpersonal hat Menschen ohne ukrainische Staatsbürgerschaft oft nur ein 15-tägiges Visum für Polen ausgestellt. Und auch bei dem Thema Transport gibt es Diskriminierung: Menschen mit ukrainischem Pass oder Personalausweis können kostenlos mit der Deutschen Bahn von Polen nach Deutschland fahren und auch innerhalb Deutschlands reisen. Für andere aus dem Land Geflüchtete ohne ukrainische Staatsbürgerschaft geht das nicht, sie müssen für ihre Tickets bezahlen.

Gibt es eine Begegnung während Ihres Einsatzes, die einen nachhaltigen Eindruck auf Sie gemacht hat?

Ich sehe sehr viele Menschen bitterlich weinen. Das passiert am Grenzübergang oft. Sie verstehen, dass sie ihr Land und ihr zu Hause verlassen haben. Und wenn sie dann in die Geflüchtetenunterkunft kommen und das Chaos und Trauma von anderen sehen, dann kommen auch oft die Tränen. Es ist eine neue, stressige Situation. Alles, was ich dann tun kann, ist bei ihnen zu sein und ihnen Trost zu spenden; ihnen vielleicht eine Schulter zum Anlehnen oder ein Lächeln schenken. Ich habe auch ein psychologisches Training erhalten, wie ich andere und auch mir selbst am besten helfen kann.

In der ganzen Dramatik der Situation gibt es auch schöne Szenen: Am Morgen sehe ich diese Frauen, die auf ihren Betten sitzen und sich schminken. Man merkt, dass es sie glücklich macht. Es ist der Versuch, eine Normalität in diese Situationen zu bringen.

Aber es gibt auch schlimme Vorfälle: Einmal habe ich eine Mutter gesehen, die ihren Teenager-Sohn heftig geschlagen hat und sehr aggressiv mit ihm umgegangen ist. Das war kein normales Verhalten, sondern kam von einer Person, die gerade aus einer Kriegszone geflüchtet und völlig traumatisiert ist.

Es wird berichtet, dass das Grenzpersonal People of Color sehr schlecht behandelt.

Hilfe wird auch für Geflüchtete angeboten, die keine ukrainische Staatsbürgerschaft haben
Hilfe wird auch für Geflüchtete angeboten, die keine ukrainische Staatsbürgerschaft haben

Ja, das war am Anfang so, aber jetzt ist es besser geworden. Am Anfang wurde besonders diese Gruppe von nicht-Ukrainer*innen diskriminiert. Aber jetzt ist alles besser organisiert. In der Vergangenheit war die polnische Regierung Geflüchteten gegenüber nicht sehr aufgeschlossen. Doch die öffentliche Meinung spricht sich für die Aufnahme aller aus der Ukraine kommenden Menschen aus. Deshalb ist auch das Miteinander besser geworden. Das liegt auch daran, dass sich die Pol*innen mit den Geflüchteten austauschen. Viele Ukrainer*innen wollen in Polen bleiben, wegen der geschichtlichen Verbundenheit der Länder und einer ähnlichen Sprache. Aber 70 Prozent der Geflüchteten wollen nach Deutschland. Gerade aus Berlin bekommen wir da enorme Hilfe.

Woher kamen die meisten Menschen ohne ukrainische Staatsbürgerschaft, die Sie bisher getroffen haben?

Ich würde sagen, die meisten kamen aus Pakistan, Indien und Afghanistan. Ich habe aber auch Menschen aus Vietnam und zentralasiatischen Ländern wie Tadschikistan und Aserbaidschan getroffen.

Außerdem ist die Mehrheit der Ankommenden jung, auch Familien oder alte Menschen. Es gibt außerdem viele Leute, die aus dem Ausland in die Ukraine gekommen sind, um zu studieren – wie etwa Medizin – und jetzt auch flüchten müssen.

Weg vom Krieg, hin zum Krieg: Tausende Soldaten aus aller Welt reisen an die polnische Grenze, um im Ukraine-Krieg zu kämpfen. Doch was ist ihre Motivation?

Gibt es etwas, dass Sie in der medialen Berichterstattung über die derzeitige Situation in Przemyśl stört?

Ich habe beobachtet, dass die Kamerateams vor den Flüchtlingsunterkünften sich auf weiße Geflüchtete konzentrieren. Das kann an meiner eigenen Wahrnehmung liegen, aber da ist ihr Fokus. Es gibt aber natürlich auch nicht-weiße Menschen, die aus der Ukraine gekommen sind, mit Fluchterfahrung.

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