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Türkei bereitet Militäroffensiven vor

Im Schatten des russischen Überfalls auf die Ukraine verstärkt Ankara seinen Krieg gegen die Kurden

  • Von Tim Krüger
  • Lesedauer: 4 Min.
Soldaten von der Türkei unterstützten Syrischen Nationalarmee nehmen an einer Militärübung in Syrien teil
Soldaten von der Türkei unterstützten Syrischen Nationalarmee nehmen an einer Militärübung in Syrien teil

Während die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf den Krieg in der Ukraine gerichtet ist, dauern die Angriffe der türkischen Armee und ihrer Verbündeten auf kurdische Gebiete weiter an. Im Schatten des russischen Überfalls lässt das Regime des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zivile und militärische Ziele in Syrien und im Irak bombardieren. Außerdem bereiten die Türken neue Offensiven vor.

Am Abend des 2. Februars bombardieren türkische Kampfflugzeuge Ziele in Nordostsyrien und dem Nordirak. Über mehrere Stunden hinweg erschüttern schwere Detonationen das selbstverwaltete Flüchtlingslager Maxmur sowie mehrere jesidische Dörfer im Sengal-Gebirge im Nordirak. Auch die Region Derik im Nordosten der Autonomen Selbstverwaltung wurde getroffen. Die Angriffe erfolgten nur einen Tag, nachdem die Demokratischen Kräfte Syriens, ein kurdisch-arabisches Militärbündnis, die erfolgreiche Niederschlagung der Gefängnisrevolte von Mitgliedern der Terrormiliz »Islamischer Staat« in Al-Hasakah verkündeten.

Die Türken begannen ihre Bombardements, noch während die Demokratischen Kräfte Syriens eine Anti-Terror-Operation gegen Schläferzellen des »Islamischen Staates« im Dreieck zwischen Deir-az-Zor, Al-Hasakah und der ehemaligen Hauptstadt des Khalifats Ar-Raqqa im syrischen Norden, durchführten. Das legt die Vermutung nahe, dass der Moment der Angriffe des türkischen Militärs nicht zufällig gewählt war. Denn schon seit mehreren Monaten ist eine verstärkte Aktivität von Zellen des »Islamischen Staates« zu verzeichnen. In Nordostsyrien befürchten viele ein Wiedererstarken der Dschihadisten. Die türkischen Angriffe leisten den Islamisten dabei willkommene Unterstützung, schüren Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung und binden Kräfte, die im Kampf gegen die Schläfer des »Islamischen Staates« dringend benötigt würden. Noch während die ersten Nachrichten über den Kriegsbeginn in der Ukraine am Morgen des 24. Februar die Runde machten, bombardierte eine türkische Kampfdrohne einen zivilen Kleinbus auf der Straße zwischen Qamislo und Amude im syrisch-türkischen Grenzgebiet. Die Rakete verfehlte den Bus nur knapp. Deswegen waren nur materieller Schaden und vier Verletzte zu beklagen. Im Morgengrauen feuerte die türkische Armee laut Angaben des lokalen »Minbic-Militärrats«, welcher als Teil der Demokratischen Kräfte Syriens die Stadt und das Umland Minbics verteidigt, zahlreiche Artilleriegranaten auf das Dorf Hisan im Nordosten der Stadt ab.

Insbesondere die Gebiete entlang der Frontlinien sind von nahezu täglichem Beschuss betroffen. Dabei werden die Angriffe aus der Luft und vom Boden ausgeführt. So ist vor allem die Region Sehba und die Stadt Til Rifat im Südosten des von der Türkei im Jahr 2018 besetzten Kantons Afrin in Nordsyrien ein stetes Ziel türkischer Angriffe. Schon am 27. Februar zielte ein türkischer Drohnenschlag auf eine Stellung der syrischen Armee in der Stadt und am 15. März ereignete sich laut der lokalen Nachrichtenagentur ANHA ein weiterer Angriff in der Stadt, welcher lediglich materiellen Schaden verursachte. Auch die nordsyrische Frontstadt Eyn Issa kommt nicht zur Ruhe. Hier mehren sich seit der Eskalation in Osteuropa ebenfalls die Angriffe der türkischen Armee und ihrer dschihadistischen Verbündeten. Nebst alltäglichen Artillerieangriffen, bei welchen zuletzt am 12. März drei Kinder und Jugendliche im Dorf Al-Hisha schwer verletzt wurden, kommt es hier zu Angriffen durch bewaffnete Drohnen. So wurde laut einer Stellungnahme des Medienzentrums der Demokratischen Kräfte Syriens am 16. März ein ziviles Fahrzeug im Dorf Hoshan von einer Rakete getroffen. Zu Verletzten oder Toten wurden keine Angaben gemacht.

Auch in Südkurdistan spitzt sich die Lage weiter zu. Der Beginn des Frühlings und die einsetzende Schneeschmelze markieren wie in jedem Jahr den Start eine neue Runde der Auseinandersetzung zwischen der Guerilla und der türkischen Armee. Die Volksverteidigungskräfte (HPG) erwarten neue Vorstöße der türkischen Armee in den kommenden Wochen. Bedrohlich ist, dass sich auch die mit der Türkei verbündete PDK (Demokratische Partei Kurdistans), welche derzeit unter de Führung der Familie Barzani, den nördlichen Teil der Autonomieregion Kurdistans im Irak kontrolliert, in Stellung gegen die Guerilla gebracht hat. So berichten lokale Quellen von Truppenverschiebungen und Panzerfahrzeugen in der Region Heftanin im Nordirak. Schon im vergangenen Jahr kam es vermehrt zu Hinterhalten der PDK-Truppen gegen Verbände der Guerilla. Viele befürchten einen direkten Kriegseintritt der PDK und damit einen innerkurdischen »Bruderkrieg«.

Dass verschiedene Akteure versuchen, die Situation für sich auszunutzen, zeigt auch der iranische Raketenangriff auf die südkurdische Hauptstadt Erbil in der Nacht auf den 13. März. Die iranischen Revolutionsgarden hatten erklärt, sie hätten dort eine israelische Geheimdienstbasis angegriffen. Die Attacke sei ein Vergeltungsakt für mutmaßliche israelische Angriffe in Syrien. Der Gouverneur von Erbil, Umid Khuschnau, bezeichnete diese Behauptungen als haltlos. Zudem hätten die Raketen ihre Ziele verfehlt. Laut Khuschnau wurden zwei Zivilisten leicht verletzt.

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