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  • Fußball in der DDR

Ein bisschen Licht in die Nische DDR-Fußball

Zwei neue Bücher lassen Helden der Vergangenheit plaudern und durchleuchten merkwürdige Hintergründe von Spielertransfers

  • Frank Willmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Die DDR-Nationalspieler Harald Irmscher (l.) und Eberhard Vogel (r.) wurden in der Oberliga einst aus Zwickau und Karl-Marx-Stadt nach Jena delegiert.
Die DDR-Nationalspieler Harald Irmscher (l.) und Eberhard Vogel (r.) wurden in der Oberliga einst aus Zwickau und Karl-Marx-Stadt nach Jena delegiert.

»Zeitreisen. Spieler und Trainer erinnern sich an die DDR-Oberliga«, nennt der sächsische Wahlsalzburger Maik Großhäuser sein Buch zum DDR-Fußball. In mühevoller Kleinarbeit interviewte er fast zwei Jahre lang knapp 60 Idole seiner Jugend. Sein Buch ist zudem versehen mit mehr als 250 Fotos und ziemlich genial gestaltet - dem Grafiker gebührt höchstes Lob! Immerhin schaffte es der Schreibamateur, einstige Stars wie Matthias Döschner, Jan Rziha, Thomas Töpfer, Jürgen Raab, Bodo Rudwaleit, André Sirocks, Uwe Bredow, Ulli Thomale oder Harald Mothes und viele andere von seiner Idee zu überzeugen. Am Ende hatte er 240 Stunden Interviewmaterial und baute daraus einen schönen Interviewband.

Es ist ein Fanboy-Buch der 80er Jahre, mit viel Liebe zu seinen Protagonisten angerichtet und weitestgehend frei von Systemkritik oder sportpolitischen Zusammenhängen. Trotzdem ist es eine feine Fleißarbeit, die dank vieler Details durchaus den Diskurs belebt. Die ehemaligen Spieler und Trainer reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und bringen ihre Erlebnisse im DDR-Fußball wirklichkeitsnah zum Besten. Großhäuser sagt, es ging ihm »nicht um Bewertung und Rechenschaft, sondern eher um das persönliche Gespräch und das Redenlassen«.

Schwierigkeiten im »goldenen Westen«

Viele Spieler schafften es nach der Wende nur sehr mühsam, im neuen System Fuß zu fassen. Das versucht der Autor immer wieder zu hinterfragen, wenn er nach den »Leiden« beim Zurechtfinden im »goldenen Westen« fragt. Sein Buch erschien im Eigenverlag, weil er es »von A bis Z ohne ein Einmischen von außen« zu Papier bringen wollte. Die 1. Auflage umfasst 1000 Stück, wer eins haben möchte, sollte sich ranhalten.

Die in den »Zeitreisen« fehlenden sportpolitischen Aspekte bestimmen dagegen sehr deutlich »Die Delegierten: Verdeckte Transfergeschäfte im DDR-Fußball«. In fast 40 Kapiteln beleuchten die beiden Sportjournalisten Jürgen Schwarz und Frank Müller detailreich und sachkundig die gelegentlich doch extrem merkwürdigen Wechselarien in der DDR.

Weil es hier bekanntlich keinen Profitsport gab (ist natürlich Humbug, weil hintenrum immer Geld und Naturalien flossen), wurden Spielertransfers offiziell über ein Prinzip der Delegierungen abgewickelt. Das bedeutete meist: Spieler A spielte in einer schwachen Mannschaft B. Die starke Mannschaft C möchte gern Spieler A verpflichten, um zum Wohle des Sozialismus und der Arbeiterklasse (ja, auch des Bauernstandes) noch besser spielen und beispielsweise kapitalistische Mannschaften noch höher - oder überhaupt - schlagen zu können.

Gute Spieler waren überall begehrt

Normalerweise wurde der Fußballverband der DDR (DFV) bemüht, der die Sache abwickelte. In der Praxis war es so einfach nicht, weil gute Spieler überall Begehrlichkeiten weckten und dies Kombinatsdirektoren oder andere Bonzen aus Partei- und Staatsführung dazu bewog, in bestimmten Situationen ein bis fünf Augen zuzudrücken. So ähnlich wie heute, spielten Geld und Einfluss bei manchen Wechseln eine große Rolle, und das Buch schafft es wunderbar, den ganz normalen Wechselirrsinn in der DDR halb parodistisch zu beleuchten.

»Die Delegierten« und »Zeitreisen« sind für DDR-Nostalgiker und Fußball-Supernerds (zu denen ich mich selbst zählen möchte) gleichermaßen interessant, weil sie im Nischenfeld DDR-Fußball Fehlstellen ausmerzen und dazu im Plauderton gut unterhalten. Und wer besondere Lust am Plaudern hat, kann an diesem Mittwoch ab 18 Uhr im DDR-Museum, in der Berliner Karl-Liebknecht-Straße bei der Buchpremiere der »Delegierten« einem Gespräch von Autor Frank Müller mit dem ehemaligen Stürmer Frieder Andrich lauschen.

Frank Müller, Jürgen Schwarz: Die Delegierten. Verdeckte Transfergeschäfte im DDR-Fußball. Verlag Neues Leben, 208 S., br. 18 €.

Maik Großhäuser: Zeitreisen. Spieler und Trainer erinnern sich an die DDR-Oberliga. SUMA-Eigenverlag, 460 S., 250 Fotos, geb., 29,90 €. Zu beziehen nur unter: bestellung.buch@yahoo.com

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