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»Das Ziel ist ein islamistisches Regime«

Bestseller-Autor Ahmed Rashid über die Taliban in Afghanistan und Pakistan

  • Ramon Schack
  • Lesedauer: 4 Min.

Die pakistanische Regierung ist bemüht zu betonen, dass ihr Einfluss auf die Taliban-Regierung im benachbarten Afghanistan sehr begrenzt ist, im Gegensatz zu westlichen Einschätzungen. Stimmen Sie dieser These zu?
In gewisser Weise, ja. In der Vergangenheit, als die Taliban noch nicht in Kabul an der Macht waren, mussten diese Pakistan als Rückzugsraum nutzen, für den Transport von Waffen beispielsweise. Damals hatte die pakistanische Regierung dadurch natürlich einen gewissen Einfluss auf die afghanischen Taliban. Inzwischen haben die Taliban in Afghanistan ja ihr eigenes Land, können importieren, was sie möchten, weshalb sie viel weniger auf die pakistanische Regierung angewiesen sind.

Stellen die heutigen Taliban in Afghanistan denn einen monolithischen Block dar wie 2001, oder gibt es verschiedene Subgruppen?
Auch 2001 waren die Taliban kein monolithischer Block, weder in Afghanistan noch in Pakistan, auch wenn es in den internationalen Medien so dargestellt wurde. Die Unterschiede zwischen afghanischen und pakistanischen Taliban wurden nicht reflektiert, weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart.

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Um welche Unterschiede handelt es sich bei den Taliban in Afghanistan und in Pakistan?
Die pakistanischen Taliban unterscheiden sich beträchtlich von denen in Afghanistan. Die in Pakistan haben eine ganz andere politische Strategie als die in Afghanistan, nämlich das Ziel, ein islamistisches Regime im Lande zu installieren. Sie verfügen über viele Brückenköpfe und Stützpunkte in zahlreichen Regionen Pakistans. Schon seit langer Zeit setzen sich die pakistanischen Taliban nicht mehr nur aus Paschtunen zusammen. Inzwischen haben sie sich zu einer nationalen Bewegung entwickelt, in der man alle Volksgruppen findet – ganz im Gegensatz zu Afghanistan, wo mehr als 90 Prozent der Taliban der Volksgruppe der Paschtunen angehören.

Ahmed Rashid, 1948 in Pakistan geboren und in Großbritannien aufgewachsen, ist Autor und Publizist. Er schreibt unter anderem für das »Wall Street Journal«. Rashid gilt als Taliban-Experte, sein 2000 veröffentlichtes Buch »Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad« stand über einen Monat auf der Bestsellerliste der »New York Times«.
Ahmed Rashid, 1948 in Pakistan geboren und in Großbritannien aufgewachsen, ist Autor und Publizist. Er schreibt unter anderem für das »Wall Street Journal«. Rashid gilt als Taliban-Experte, sein 2000 veröffentlichtes Buch »Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad« stand über einen Monat auf der Bestsellerliste der »New York Times«.

Welche Auswirkungen haben die Ereignisse in Afghanistan auf die politische Stabilität Pakistans?
Pakistan und Afghanistan sind schicksalhaft miteinander verbunden, basierend auf dem demografischen Gewicht Pakistans und dessen Einfluss auch auf die afghanischen Paschtunen im Süden des Landes, vor allem aber durch die geografische Nachbarschaft und die lange gemeinsame Grenze. Dadurch gelang es den afghanischen Taliban, sich teilweise auf pakistanisches Territorium zurückzuziehen, in die unzulänglichen Bergregionen Waziristans – ein Gebiet, das kaum von den pakistanischen Behörden kontrolliert werden kann. Natürlich genießen die afghanischen Taliban dort auch den Schutz ihrer pakistanischen Alliierten, basierend auf dem Paschtunwali, dem Sittenkodex der Paschtunen.

Vor zwölf Jahren warnten Sie schon in diesem Zusammenhang vor einer »Talibanisierung der pakistanischen Gesellschaft«. Sehen Sie das immer noch so?
Natürlich, die Gefahr ist heute sogar viel größer, da die Taliban in Afghanistan jetzt die Macht besitzen und fast das ganze Land beherrschen. Die drohende »Talibanisierung« Pakistans bleibt eine reale Gefahr. Das liegt auch daran, dass die afghanischen Taliban sich nicht an das Übereinkommen von Doha gehalten haben, in dem sie versprochen hatten, extremistische Gruppen, die in Afghanistan Zuflucht suchen und eine Gefahr für Pakistan darstellen, zu entwaffnen. Selbst in Lahore, meiner Heimatstadt, bestimmen junge Absolventen der Koranschulen die Gesetze auf den Straßen, zwingen Frauen den von ihnen propagierten Kleidungsstil auf, attackieren Vertreter eines anderen Lebensstils.

Natürlich gibt es noch eine starke urbane Mittelschicht, die aber zunehmend ins Fadenkreuz gerät. Bisher bin ich nicht der Überzeugung, dass diese Militanten den Großstädten ihr Gedankengut aufzwingen können, leider gibt es aber zu wenig Widerstand, was mir Sorgen bereitet. Ich möchte aber betonen, dass die pakistanische Armee sich den Taliban entgegenstellt und dort kaum Sympathien zu finden sind für diese Gruppierung.

Sie erwähnten gerade die Armee in Pakistan, die ja jahrzehntelang die Geschicke des Landes bestimmte. Fürchten Sie, die Armee könnte, angesichts der innenpolitischen Turbulenzen in Pakistan, wieder die Macht übernehmen?
Das halte ich momentan kaum für möglich, da sich die Turbulenzen, die von Premierminister Imran Khan verursacht werden, im Rahmen eines gewissen, für Pakistan üblichen politischen Spannungsfeldes bewegen. Ob Khan wiedergewählt wird, kann ich zur Stunde nicht beurteilen, er hat viele seiner Anhänger verprellt, aber immer noch viel Zuspruch unter der Jugend. Es bleibt also spannend.

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