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Zu viele Krisen schaffen Hunger

Auf ökologischen Vorrangflächen soll wegen des Ukraine-Krieges angebaut werden dürfen

  • Von Haidy Damm
  • Lesedauer: 5 Min.
Klimakrise, Artensterben, Kriege – in der Politik gibt es unterschiedliche Vorstellungen wie die industrielle Landwirtschaft darauf reagieren soll.
Klimakrise, Artensterben, Kriege – in der Politik gibt es unterschiedliche Vorstellungen wie die industrielle Landwirtschaft darauf reagieren soll.

Der Krieg gegen die Ukraine gefährdet die weltweite Versorgung mit Getreide, besonders in Ländern, die teilweise komplett von Importen aus der Ukraine und Russland abhängig sind. So importieren die Länder Ostafrikas bis zu 90 Prozent ihres Weizens aus der Ukraine und Russland. Die Entwicklungsorganisation Oxfam warnte jüngst, dass dort bis zu 28 Millionen Menschen von extremem Hunger bedroht sind. Auch das UN-Welternährungsprogramm bezieht einen Großteil seines Getreides aus der Ukraine. In Nordafrika gehen die Importe zurück, das treibt die Preise vor Ort hoch. In Deutschland gibt es keine Versorgungslücke, aber auch hier steigen die Preise - insbesondere für Futtermittel, Sonnenblumenöl und Dünger.

Wegen der Auswirkungen des Krieges auf Ernten und Agrarmärkte hat die EU-Kommission vor zwei Wochen vorgeschlagen, die bisher für den Artenschutz vereinbarten ökologischen Vorrangflächen in Europa für den Anbau freizugeben. Auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist erlaubt. Ob diese Ausnahmen auch im kommenden Jahr gelten, soll später beschlossen werden. Zudem wurden geplante Maßnahmen der Farm-to-Fork-Strategie, dem landwirtschaftlichen Teil des EU Green Deals, verschoben. Liquiditätsengpässe der europäischen Landwirt*innen sollen aufgefangen werden durch die Freigabe einer Krisenreserve von 500 Millionen Euro, die von den Staaten aufgestockt werden kann. Auf Deutschland würden davon rund 60 Millionen Euro entfallen.

Während die Krisenreserven einhellig begrüßt wurden, streiten die Agrarminister*innen der Länder in Deutschland über die Freigabe der Brachflächen. Am Freitag soll der Bundesrat darüber entscheiden.

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) will - ebenso wie die grünen Landesminister*innen - die Flächen allein für den Anbau von Futtermitteln freigeben. Er hält das zusätzliche Ertragspotenzial für überschätzt, es läge Berechnungen zufolge nur bei 0,6 Millionen Tonnen bei einer Getreideernte von 45 Millionen Tonnen. Die unionsgeführten und SPD-geführten Länder haben sich dafür ausgesprochen, die Brachflächen temporär auch für den Anbau von Lebensmitteln freizugeben. Man müsse in einer Ausnahmesituation differenzieren und priorisieren, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Agrarminister Till Backhaus (SPD). »Klar ist, wenn der Krieg weiter andauert, werden wir auf eine globale Hungerkrise zusteuern. Wir können und müssen helfen, indem wir zum Beispiel die ökologischen Vorrangflächen für die Nahrungs- und Futtermittelproduktion freigeben.« Das heiße aber nicht, dass man sich von Klimazielen verabschiede.

Genau das befürchtet Özdemir und warnt davor, Krisen gegeneinander auszuspielen. »Auch wenn manche das gerne ausblenden, Klimakatastrophe und Artensterben sind real existierende Probleme, die wir lösen müssen«, sagte der Agrarminister. Und auch die haben Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit. So sind die Ernten in Westafrika aktuell durch eine Dürre bedroht. Özdemir kündigte an, Deutschland werde bis zu 200 Millionen Euro zusätzlich für das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen bereitstellen. Die UN-Organisation rechnet wegen des Ukraine-Krieges mit bis zu 47 Millionen Menschen mehr in Hunger und Armut. Bisher haben weltweit 811 Millionen Menschen nicht genug zu essen. »Die Frage ist nicht, ob es eine globale Nahrungsmittelkrise gibt, sondern wie sehr sie sich verschärft«, sagt Oxfam-Agrarexpertin Marita Wiggerthale. Die Bundesregierung solle sich für ein Sondertreffen des Welternährungsausschusses zur Ernährungssituation einsetzen.

Agrarwissenschaftler*innen bezweifeln zudem, dass die Freigabe der Vorrangflächen einen entscheidenden Unterschied macht für die Ernährungssicherheit, auch wenn die Maßnahme kurzfristig begrüßt wird. »Viele Brachflächen befinden sich auf den schlechteren Ackerstandorten, das heißt, wenn diese Flächen in die Produktion genommen würden, wäre der Ertrag unterdurchschnittlich und nicht auf jedem dieser Standorte könnte qualitativ hochwertiges Getreide erzeugt werden«, sagt Sebastian Lakner, Agrarökonom der Universität Rostock.

So zeigt eine Analyse von Agrarökonom*innen im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung, dass von rund sechs Millionen Hektar Stilllegungsflächen in der EU allein die Hälfte in Spanien liegt. Expert*innen gehen wohl zu Recht davon aus, dass es sich hierbei nicht um fruchtbare Böden handelt. Die Analyse kommt zu dem Schluss, »eine Reduktion der Stilllegungsfläche in der EU hätte nur einen geringen Effekt auf den Weltmarktpreis für Getreide, da im globalen Maßstab nur eine geringe zusätzliche Getreidemenge auf den frei werdenden Flächen produziert werden könnte«.

In einem internationalen Aufruf drängen rund 600 Wissenschaftler*innen stattdessen auf die weitere Transformation der Landwirtschaft. Sie sehen vor allem eine Reduktion des Fleischverzehrs, der Lebensmittelabfälle und der Nutzung von Bioethanol als wichtige Chance, zunehmende Mangel- und Unterernährung zu verhindern. Globale Lebensmittelknappheit rühre nicht von mangelnder Produktion, sondern daher, dass Lebensmittel ungleich verteilt und ineffizient genutzt würden. Neben mehr Geld für das Welternährungsprogramm müsste in reichen Staaten ein sozialer Ausgleich geschaffen werden, denn auch hier leiden arme Menschen unter den hohen Preisen für Lebensmittel. Auch das bundeseigene Thünen-Institut analysiert, in den Industrienationen könne ein veränderter Konsum mit reduziertem Fleischverbrauch und weniger Lebensmittelverschwendung dazu beitragen, die Märkte zu stabilisieren.

Die Landwirt*innen in Deutschland sind gespalten. Für Martin Schulz von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) zeigen die Folgen des Krieges in der Ukraine »abermals die enormen Abhängigkeiten unseres exportorientierten Agrarsystems«. Für die Landwirt*innen bedeute dies aktuell stark gestiegene Produktionskosten. »Zu glauben, dass die kurzfristige Rücknahme von Maßnahmen für den Klima- und Umweltschutz hierfür eine Lösung ist, ist Augenwischerei.« Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, hat dagegen kein Verständnis dafür, »dass die Vorgaben aus Brüssel zur verstärkten Nutzung von Brachen und ökologischen Vorrangflächen nicht vollumfänglich in Deutschland umgesetzt werden«.

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