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Giffeys Testballon

Bildungsgewerkschaft GEW fordert vom Senat, an den verbliebenen Infektionsschutzmaßnahmen an Berlins Schulen festzuhalten

  • Von Rainer Rutz
  • Lesedauer: 4 Min.
Ungeliebt, nicht immer treffsicher, aber nach dem Wegfall der Maskenpflicht die einzige verbindliche Infektionsschutzmaßnahme an den Schulen: Coronatests.
Ungeliebt, nicht immer treffsicher, aber nach dem Wegfall der Maskenpflicht die einzige verbindliche Infektionsschutzmaßnahme an den Schulen: Coronatests.

Wenn am Montag nach den Osterferien die Schule wieder beginnt, heißt es für Berlins Schüler und Lehrkräfte wieder: testen, testen, testen, jeden Morgen, die komplette erste Unterrichtswoche durch. Im Anschluss soll das Testregime wieder auf das Normalmaß von drei Tests pro Woche zurückgeschraubt werden. Seit der Abschaffung der Maskenpflicht Anfang April müssen sich dabei auch Geimpfte und Genesene testen.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert nun, dass das auch erst mal so bleibt. »Wir wissen, dass das Testen unsere Kolleginnen und Kollegen in den Schulen auch viel Zeit und Nerven raubt. Aber wir sehen nicht, dass wir darauf momentan verzichten werden können«, sagt Berlins GEW-Chef Tom Erdmann zu »nd«.

Genau das hatte in der vergangenen Woche Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) - etwas nebenbei - in Aussicht gestellt. »Sollten die Zahlen weiter runtergehen, ist natürlich klar, dass wir an einem bestimmten Punkt auch sagen, wir machen das Testen nicht mehr in der Intensität oder lassen es ganz sein«, sagte Giffey auf der letzten Senatspressekonferenz. Das Haus von Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) werde hierzu »Anfang Mai auch einen Plan vorlegen, wie dann im Mai weiter zu verfahren ist«. Das wäre in gut zwei Wochen.

Gewerkschafter Erdmann sagt, er halte ein Aufweichen, gar ein Ende der Testpflicht für deutlich verfrüht. »Das geben die Zahlen einfach noch nicht her.« Tatsächlich war die Zahl der positiven Coronatests an Berlins Schulen in der Woche vor den Osterferien nach Angaben der Bildungsverwaltung stark zurückgegangen.

Die in der ersten Aprilwoche erfassten rund 3350 positiven Tests bei den Schülern und fast 790 beim Schulpersonal seien aber eben immer noch eine Baustelle, sagt Erdmann. Es sei zudem davon auszugehen, dass die Zahlen nach den Osterferien - wie bislang nach jeder unterrichtsfreien Zeit - wieder anziehen. »Hinzu kommt, dass viele Schülerinnen und Schüler, die vor den Ferien noch dem Aufruf zum freiwilligen Masketragen gefolgt sind, auch um einen Urlaub nicht zu gefährden, nun darauf verzichten könnten«, sagt Erdmann. Da könne man jetzt nicht auch noch die Testpflicht entsorgen.

Marcel Hopp, der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, sieht das ähnlich. »Wenn schon eine so zentrale und wirksame Schutzmaßnahme wie die Maskenpflicht durch die Änderung des Infektionsschutzgesetzes durch den Bundestag den Bundesländern nicht mehr als Basisschutz zur Verfügung steht, dann ist es umso wichtiger, dass wir das Testen weiter aufrechterhalten, um Infektionen im Klassenraum frühzeitig zu erkennen und eine potenzielle Weiterverbreitung in der Klassengemeinschaft zu unterbinden«, sagt Hopp zu »nd«. Das sei aus gesundheitlichen Gründen wichtig, »aber eben auch um weitere Lernlücken und zusätzliche Belastungen auf Seiten der Schüler*innen und deren Familien durch Quarantänisierungen zu vermeiden«.

»Ich weiß nicht, inwiefern es sich bei solchen Ankündigungen nicht immer auch etwas um einen Testballon handelt, um zu prüfen, ob es hierfür Gegenwind gibt oder nicht«, sagt Landeselternsprecher Norman Heise mit Blick auf das von Franziska Giffey bewusst im Vagen gelassene tendenzielle Ende der Testpflicht. Ob es mit den Ferien zusammenhing oder mit inzwischen als dringender angesehenen Problemen im Berliner Schulkosmos wie der Integration geflüchteter Schüler aus der Ukraine: Der Gegenwind ist jedenfalls ausgeblieben. Giffeys Worte gingen nahezu unter. Bis jetzt zumindest.

Auch er persönlich, sagt Heise zu »nd«, sei momentan »etwas unsicher, wie die Infektionslage einzuschätzen ist«. Nicht zuletzt, weil es aufgrund der geringen Meldeaktivitäten keine verlässliche Datengrundlage mehr gebe. »Dass Ferien sind, macht die ganze Sache in ihrer Unübersichtlichkeit nicht besser.« Schon deshalb plädiert auch Heise dafür, vorerst weiter auf Nummer sicher zu gehen: »Ich glaube nicht, dass man gänzlich auf das Testen verzichten sollte.«

Was die Stimmung in der - in Befürworter und Gegner von Infektionsschutzmaßnahmen teilweise hart gespaltenen - Elternschaft betrifft, sagt Heise: »Wir haben aus beiden ›Lagern‹ relativ wenige Rückmeldungen. Man hat fast das Gefühl, dass die jeweilige Hardlinerigkeit etwas abebbt.«

Der Bildungsverwaltung dürfte das recht sein, versucht man hier doch den Ball flachzuhalten. »Wichtig ist, dass in der kommenden Woche fünfmal und danach dreimal getestet wird, um einer möglichen Ausbreitung des Virus aufgrund der Reiseaktivitäten in den Ferien einen Riegel vorzuschieben«, heißt es auf nd-Anfrage. Ansonsten befinde man sich »mit allen entscheidenden Akteuren, also auch den Schulleiter- und Elternverbänden, im Austausch«. Dem wolle man nicht über die Presse vorgreifen.

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