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  • Berlin
  • Befreiung vom Faschismus

Französinnen in Ravensbrück

Neue KZ-Ausstellung zeigt 30 von 7000 Biografien

  • Von Andreas Fritsche, Fürstenberg/Havel
  • Lesedauer: 6 Min.
Historikerin Hannah Sprute (l.) und Romanistin Machthild Gilzmer in der Ausstellung »Widerstand - Verfolgung - Deportation. Frauen aus Frankreich im KZ Ravensbrück«
Historikerin Hannah Sprute (l.) und Romanistin Machthild Gilzmer in der Ausstellung »Widerstand - Verfolgung - Deportation. Frauen aus Frankreich im KZ Ravensbrück«

Wir sind alle zum Sterben verurteilt, also lasst uns menschlich handeln, solange wir noch am Leben sind», sagt die Französin Adélaïde Hautval (1906-1988). Sie ist Psychiaterin. Sie ist keine Jüdin. Aber wegen der Verfolgung der Juden trägt sie während des Zweiten Weltkriegs als Zeichen der Solidarität den Davidstern, den zu tragen die Faschisten jüdische Mitbürger zwingen. Das lassen sich die Nazis von Hautval nicht bieten. Sie deportieren die Ärztin in die Konzentrationslager Auschwitz und Ravensbrück, wo sie im Krankenrevier Häftlinge versorgt und sich weigert, an Menschenversuchen mitzuwirken. In Israel wird Hautval 1965 als «Gerechte unter den Völkern» ausgezeichnet.

Adélaïde Hautvals Biografie ist eine von 30 Biografien, die in der neuen Wanderausstellung «Widerstand - Verfolgung - Deportation. Frauen aus Frankreich im KZ Ravensbrück» vorgestellt werden. Die Schau wird diesen Samstag um 14 Uhr in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück im alten Wasserwerk des Lagers eröffnet. Mit dabei sein werden die Überlebenden Lili Leignel und Marie Vaislic. Beide lebten als Kinder in Ravensbrück. Lili Leignel, geboren als Lili Keller-Rosenberg, kam mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Brüdern dorthin. Da war sie elf Jahre alt. Die Eltern waren ungarisch-jüdischer Herkunft und hatten sich 1920 in Nordfrankreich niedergelassen. Im Oktober 1943 wurde die Familie verhaftet, der Vater kam ins KZ Buchenwald. «Wir hatten aufgegeben, wir weinten nicht einmal mehr», erinnert sich Lili Leignel. Doch schließlich gelangten Mutter und Kinder ins KZ Bergen-Belsen und wurden dort von britischen Truppen herausgeholt. Das KZ Ravensbrück befreiten im April 1945 sowjetische Soldaten. Der Jahrestag wird diesen Sonntag in der Gedenkstätte gefeiert. Dabei soll auch Lili Leignel sprechen.

Die Ausstellung wird voraussichtlich bis Mitte September in Ravensbrück gezeigt und soll ab Herbst in Frankreich auf Tour gehen. 9000 Frauen wurden zwischen Januar 1942 und September 1944 aus dem besetzten Frankreich nach Deutschland verschleppt. 7000 von ihnen kamen nach Ravensbrück und von dort oft in ein Außenlager. Mehr als 1500 der Frauen überlebten das nicht.

Um daran zu erinnern, erarbeiteten die Historikerin Hannah Sprute und die Romanistin Mechthild Gilzmer die neue Ausstellung. 30 Lebenswege stehen beispielhaft für 7000. «Die Herausforderung bestand darin, exemplarisch auszuwählen», berichtet Gilzmer am Freitag. Sie betont: «Wir wollen die Geschichte als eine europäische Geschichte erzählen.» Denn es sind nicht nur Französinnen aus Frankreich deportiert worden, sondern auch die Italienerin Teresa Noce (1900-1980), die als 17-Jährige als Dreherin in den Fiat-Autowerken von Turin anfing und 1921 zu den Mitgründern der Kommunistischen Partei Italiens gehörte. Vom faschistischen Regime Benito Mussolinis verfolgt, ging sie mit ihrem Mann ins Exil - erst in die Sowjetunion und dann nach Frankreich, wo sie dann Widerstand gegen die Nazis leistete und 1943 festgenommen wurde.

Dann gibt es auch noch die Spanierin Neus Català (1915-2019). Während des Spanienkriegs geht das Bauernmädchen nach Barcelona, schließt sich dort einer kommunistischen Partei an und beginnt eine Ausbildung als Krankenschwester. Als das antirepublikanische Heer von General Francisco Franco 1939 die Stadt erobert, bringt Neus Català 180 Kinder über die Grenze nach Frankreich in Sicherheit. Später schmuggelt sie für eine Widerstandsgruppe Waffen und Dokumente. «Eine anscheinend leichte Arbeit, die aber höchst gefährlich war», bemerkt Català. Im November 1943 wird sie von der Gestapo verhaftet, komm nach Ravensbrück und von da in ein Außenlager, in dem sie Munition fertigen muss. Ein Foto der Ausstellung zeigt Català in ihrer gestreiften Häftlingskleidung. So hat sie sich 1945 nach der Befreiung ablichten lassen. Das Bild stellte nun ihre Tochter Margarita Català van Amsterdam zur Verfügung.

Gedenkstättenleiterin Andrea Genest ist dankbar, «dass viele Familien der Verfolgten ihre privaten Archive für uns geöffnet haben und dem Ausstellungsteam mit Rat und Tat zur Seite standen». Damit die wertvollen Originale in der Wanderausstellung keinen Schaden nehmen, werden allerdings nur Kopien gezeigt. Geholfen hat außerdem die Berliner Ernst-Litfaß-Schule, ein Oberstufenzentrum für Mediengestaltung und -technologie. Fachpraxislehrer Ingo Grollmus engagiert sich mit seinen Schülern schon lange für das Gedenken in Ravensbrück. Diesmal fertigte die Bildungsstätte für die Wanderausstellung Kopien von zwei Stempeln, mit denen der französische Widerstand Papiere fälschte. Diese Stempel dürfen Besucher auf ein weißes Blatt drücken und sich das dann mitnehmen.

Auch ein gefälschter Pass von 1939 wird gezeigt. Er lautet auf den Namen Marie-Pauline Felten aus Luxemburg. Nichts davon stimmte. Diesen Ausweis benutzt illegalerweise die deutsche Kommunistin Else Fugger, die nach Frankreich geflüchtet ist. Sie wird auch als Marie-Pauline Felten ins KZ Ravensbrück eingeliefert. Die SS bekommt nie heraus, mit wem sie es hier wirklich zu tun hat.

Ähnlich liege der Fall bei der polnischen Kommunistin Chana Bayau, die in Frankreich festgenommen wurde, weil sie im Widerstand aktiv war, erzählt Historikerin Sprute. Dass Bayau Jüdin war, erfuhr die SS nicht. Dann wäre die Frau vielleicht ermordet worden. 80 Prozent der aus Frankreich deportierten Frauen konnten gerettet werden, bei den Männern waren es nur 55 Prozent. Es gebe die Vermutung, dass untereinander geübte große Solidarität der französischen Widerstandskämpferinnen dazu beitrug, dass so vergleichsweise viele durchgehalten haben, erläutert Romanistin Gilzmer.

Was die Frauen im KZ erlebt und durchgemacht haben, ließ sie ihr Leben lang nicht mehr los. In der Résistance entwickelten sie Selbstbewusstsein und waren nach dem Krieg nicht bereit, sich mit einer Rolle als Hausfrau zufrieden zu geben oder sich in der Politik hinter den Männern einzureihen. In Anerkennung der Leistungen der Frauen im Widerstand führte die provisorische Regierung der Republik Frankreich 1944 das Frauenwahlrecht ein, das es in anderen Staaten schon früher gegeben hatte. Die Ravensbrückerin Martha Desrumaux (1897-1982) - sie war 1929 das erste weibliche Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Frankreichs - stieg nach der Befreiung zur stellvertretenden Bürgermeisterin von Lille und zur Abgeordneten der Nationalversammlung auf.

Insgesamt zählte das Frauen-KZ Ravensbrück in seiner Geschichte etwa 120 000 Häftlinge. «Die Französinnen bildeten nach den Frauen aus Polen und der Sowjetunion die drittgrößte nationale Haftgruppe im KZ Ravensbrück. Durch die alljährlichen Pilgerfahrten der Überlebenden und ihrer Familien zur Gedenkstätte nehmen sie bis heute auch in der Erinnerungskultur einen bedeutenden Stellenwert ein», ordnet Gedenkstättenleiterin Genest die Bedeutung der Ausstellung ein. Bisher habe der politische Widerstand gegen die deutsche Besatzung im Vordergrund gestanden. Nun werde genauso gezeigt, dass Frauen auch aus anderen Gründen ins KZ kamen - etwa, weil französische Zwangsarbeiterinnen im Betrieb angeblich bummelten oder weil sie wie die junge Edmonde G., die bei Siemens in Berlin beschäftigt war, bei einem Ladendiebstahl ertappt wurden. Für so einen Diebstahl wäre unter normalen Verhältnissen maximal eine Geldbuße zu zahlen gewesen. Niemals wäre Edmonde G. dafür eine Haftstrafe aufgebrummt worden. Aber die Verhältnisse in der Nazizeit waren nicht normal, die faschistische Justiz war hart und ungerecht.

Ausstellung «Widerstand - Verfolgung - Deportation. Frauen aus Frankreich im KZ Ravensbrück 1942 bis 1945, voraussichtlich bis Mitte September, Gedenkstätte Ravensbrück, Straße der Nationen in Fürstenberg/Havel, täglich außer montags von 10 bis 16.30 Uhr, letzter Einlass 15.30 Uhr

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