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»Habe alle Titel gewonnen«

Babett Peter beendet im Sommer ihre Karriere und will auch danach dem Frauenfußball helfen

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 7 Min.
Kapitänin von Real Madrid: Die 33-jährige Babett Peter beendet im Sommer ihre lange und erfolgreiche Karriere.
Kapitänin von Real Madrid: Die 33-jährige Babett Peter beendet im Sommer ihre lange und erfolgreiche Karriere.

Sie haben beschlossen, Ihre lange Karriere als Fußballerin nach der Saison zu beenden. Was sind die Gründe?
Ich möchte gerne selbst bestimmen, wann ich aufhöre – und jetzt ist der Zeitpunkt nach einer sehr erfolgreichen Saison als Kapitänin von Real Madrid gekommen. Ich hatte die letzten drei Jahre hier eine wunderbare Zeit, bin vor drei Jahren zu CD Tacon gekommen (dessen Spielrecht Real Madrid 2020 übernahm, Anm. d. Red.) und wollte mit Real Madrid in der Champions League spielen. Jetzt haben wir uns im Viertelfinale gegen den FC Barcelona wahnsinnig gut verkauft und sogar noch die Chance, ins spanische Pokalfinale zu kommen. Meine Aufbauarbeit habe ich in Spanien also erfüllt und in Deutschland sowie auf internationaler Bühne alle Titel gewonnen, von denen ich geträumt habe.

Ist es eher der Körper oder der Kopf, der Ihnen zum Schlussstrich rät?
Es ist bei mir kein körperliches Problem, aber ich habe für mich reflektiert, dass ich mich mit bald 34 Jahren in einem anderen Lebensstadium befinde: Ich habe ein Kind, mache ein Studium und besitze Verantwortung. Ich fühle, dass ich aus dem aktiven Fußball rauswachse. Meine Mitspielerinnen sind 13, 14 Jahre jünger, und weil man so viel Zeit miteinander verbringt, merkt man deutlich, dass sich das Leben bei mir um andere Dinge dreht. Dazu kam, dass uns als Familie bereits im Januar eine unerwartete Möglichkeit angeboten wurde, sich ab Sommer gemeinsam in den USA zu verwirklichen.

Ihre Lebensgefährtin Ella Masar, eine ehemalige US-amerikanische Spielerin, die Sie in deren Zeit beim VfL Wolfsburg kennengelernt haben, arbeitet bereits als Co-Trainerin in der National Women’s Soccer League bei Kansas City Current. Sie gehen also mit?
Was ich sagen kann: Ich freue mich sehr, dass ich die Chance auf einen fließenden Übergang zwischen aktiver und zweiter Karriere geboten bekomme. Natürlich möchte in meinem zukünftigen Job dann auch wieder voll durchstarten, Erfahrungen sammeln und viel bewegen. Das amerikanische Franchise-System im Sport kennenzulernen, kann uns nur helfen. Ich werde im Oktober mein Master-Studium im Sportbusiness abschließen, insofern passt das sehr gut.

Was ist mit Ihrem Sohn?
Ella ist schon im Februar in die USA gezogen, unser Sohn Zykane war bis April bei mir, jetzt ist auch er bereits drüben. Wir möchten die nächsten drei, vier Jahre noch viele Erfahrungen über den Fußball sammeln, bis der Kleine in die Schule kommt. Danach wollen wir sesshaft werden, und es ist eigentlich für uns zu 95 Prozent klar, dass wir bis dahin wieder in Deutschland leben möchten, wo ich viel Entwicklungspotenzial im Frauenfußball sehe. Da habe ich große Lust, wieder bei einem guten Projekt mitzuarbeiten.

Sie sind Weltmeisterin, Europameisterin, Olympiasiegerin, dazu Champions-League-Siegerin, mehrfache deutsche Meisterin und Pokalsiegerin. Was ragt aus Ihrer Titelsammlung heraus?
Das ist nach fast 18 Jahren wirklich schwierig. Aber natürlich gab es Highlights, die man sein Leben lang nie vergessen wird. Das Champions-League-Finale mit Turbine Potsdam 2010 war sicher eines der emotionalsten Endspiele, die ich bestritten habe. Besonders war für mich auch die olympische Goldmedaille 2016 in Rio de Janeiro, denn vorher hatte ich viel Verletzungspech. Aber das, was wirklich hängen bleibt, sind die tollen Menschen, die ich durch den Fußball kennenlernen durfte. Oft große Persönlichkeiten, manche davon sind heute meine besten Freundinnen. Das ist es, was den Sport ausmacht – eine Trophäe alleine hochzuheben, macht irgendwie nicht so viel Spaß.

Sie waren bereits dabei, als Deutschland in China 2007 Weltmeister wurde.
Ich war noch sehr, sehr jung (19 Jahre, Anm. d. Red.), und wenn man so früh einen solchen Titel gewinnt, denkt man zunächst, es geht in der Karriere nur noch nach oben. In dem Moment kann man das vielleicht gar nicht so wertschätzen, weil man nur die Sonnenseite sieht.

Eine Schattenseite war sicher zehn Jahre später die Europameisterschaft 2017 in den Niederlanden.
Ja, dieses Turnier gehörte zu meinen größten sportlichen Enttäuschungen, weil ich eine starke Form und eine wichtige Rolle im Team hatte. Das war ein Rückschlag für die ganze Frauenfußball-Nation Deutschland. Einer von vielen Gründen war sicherlich die Unerfahrenheit des Trainerteams (um Bundestrainerin Steffi Jones, Anm. d. Red.), aber auch wir Spielerinnen tragen eine große Verantwortung dafür. Wir sind verdient gegen Dänemark im Viertelfinale ausgeschieden.

Was ist Ihnen von der WM 2011 in Deutschland geblieben?
Es mögen ja viele negativ an diese WM zurückdenken: Ich erinnere mich an viele positive Erfahrungen: das Eröffnungsspiel im ausverkauften Berliner Olympiastadion oder die Aufmerksamkeit über das gesamte Turnier. Darauf war vor elf Jahren niemand vorbereitet, und das hat sicher ein bisschen gelähmt. Vielleicht war der Frauenfußball dem damals noch nicht gewachsen.

Die Nationalspielerinnen der USA oder auch Norwegens haben in langwierigen Auseinandersetzungen mit ihren Verbänden erreicht, dass Männern und Frauen die gleichen Prämien gezahlt werden. Fühlen Sie sich rückblickend für Ihre Leistungen und Erfolge unterbezahlt?
Man muss immer schauen, mit wem und womit man sich vergleicht. Die Lücke zwischen Männern und Frauen ist unbestritten groß, unstrittig ist aber auch, dass das Interesse am Frauenfußball noch bei Weitem nicht an das im Männerfußball heranreicht. Also ich bin sicher niemand, der sich aus dem Fenster lehnt, um nach gleicher Bezahlung zu rufen, doch der Frauenfußball ist auf einem guten Weg, muss aber in der Breite noch wachsen. Es hilft, salopp gesagt, nicht so viel, wenn zweimal beim FC Barcelona mehr als 90 000 Zuschauer sind, wenn woanders nicht wenigstens auch mal 20 000 oder 30 000 kommen. Denn die wöchentliche Realität in den Stadien sieht noch ganz anders aus.

Sie haben die gigantische Kulisse im Camp Nou angesprochen: Was hat das für Sie bedeutet, Real Madrid als Kapitänin in diesen Clásico der Frauen zu führen?
An dieses Champions-League-Spiel werde ich immer gerne zurückdenken, gerade nach dem steinigen Weg in Madrid. In meinem Leben hatte ich noch nie so viele Spiele verloren wie in meiner ersten Saison bei Real – dann kam auch noch Corona dazu. Ein großes Kompliment an den FC Barcelona, der eine absolute Vorreiterrolle eingenommen hat. Sie machen ganz viele Sachen richtig, wobei es hilft, dass sich in Spanien die Leute noch mal extremer mit den Klubs identifizieren. In zwei, drei Jahren wird die spanische Frauenliga Europa dominieren.

Was bedeutet das in Hinsicht auf die EM in England, wenn Deutschland im zweiten Gruppenspiel auf Spanien trifft?
Man merkt, dass der Kern bei Barcelona seit fünf Jahren zusammenspielt und der Verein einen klaren Plan verfolgt. Spanien gehört auf jeden Fall mit England oder Schweden zu den Titelfavoriten, weil auch dieses Team über die Jahre immer besser zusammengewachsen ist. Deutschland ist vielleicht kein Topfavorit, gehört aber immer zu diesem Kreis dazu.

Welchen Rat hätten Sie denn, wenn ein Frauen-Bundesligist oder der DFB Sie fragen würde?
Mut haben! Ich glaube, dass man mit vergleichsweise wenig Aufwand bei einem Frauen-Bundesligisten viel erschaffen kann. Ich bin mir sicher, dass es in den nächsten Jahren noch eine große Entwicklung geben kann; das Potenzial ist auf jeden Fall da. Einfach mehr wagen, das haben Lyon, Chelsea, Wolfsburg oder Barcelona nicht anders gemacht, die mit einem langen Vorlauf in den Frauenfußball investiert haben. Das zahlt sich jetzt aus. Mein Wunsch wäre es, dass ich in einigen Jahren daran auf Managementebene mitwirke und den Frauenfußball aktiv mitgestalten kann.

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