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Heiteres zu düstrer Weltlage

«Der Erwählte»: Thomas Manns unterschätzter und politisch geschmähter Roman, in der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe

Er wollte etwas Heiteres und dann teilte ihm die »Süddeutschen Zeitung« mit, dass er nicht mehr zu »uns« gehöre
Er wollte etwas Heiteres und dann teilte ihm die »Süddeutschen Zeitung« mit, dass er nicht mehr zu »uns« gehöre

Sei­nem klei­nen Buch, schrieb Tho­mas Mann im Sep­tem­ber 1951, gin­ge es bei­na­he wie der schö­nen Hele­na: «Bewun­dert viel und viel geschol­ten.» Es war noch die mil­des­te Art, Ent­täu­schung, Ärger und pures Ent­set­zen in Wor­te zu fassen.

Mona­te vor­her, als nach und nach die Rezen­sio­nen zu sei­nem Roman «Der Erwähl­te» ein­tra­fen, hat­te alles ganz anders geklun­gen. Da war von «gräu­li­cher Lek­tü­re» die Rede und bösem, mons­trö­sem Wider­wil­len, den sei­ne Erzäh­lung aus­ge­löst hat­te. «Hel­les Ent­zü­cken und spei­en­der Wider­wil­le», schrieb er ins Tage­buch, «ste­hen ein­an­der unbe­greif­lich schroff neben­ein­an­der.» Er wun­der­te sich: «Mit 76 noch sol­chen Mei­nungs­tu­mult zu erre­gen, ist kuri­os.» Die­sen Furor, ja den Hass, der ihm ent­ge­gen­schlug, hat­te er sich nicht vor­stel­len kön­nen. Aber er war mit­ten in den Kal­ten Krieg gera­ten, in den USA, wo er noch leb­te, ver­däch­tigt, kom­mu­nis­ti­schen Ideen anzu­hän­gen, im Wes­ten Deutsch­lands als Deutsch­land-Has­ser attackiert.

Etwas Leich­tes hat­te er schrei­ben wol­len, ein Buch zur Erho­lung nach den Anstren­gun­gen, die der «Dok­tor Faus­tus» gekos­tet hat­te. «Das Komi­sche», schrieb er im Okto­ber 1947 an sei­ne ame­ri­ka­ni­sche Mäze­nin Agnes E. Mey­er, «das Lachen, der Humor erschei­nen mir mehr und mehr als Heil der See­le; ich dürs­te danach … und mache mich anhei­schig, bei düs­te­rer Welt­la­ge das Hei­ters­te zu erfinden.»

Der «Faus­tus» war Mona­te vor­her, im Febru­ar, fer­tig gewor­den. Seit­dem such­te er nach dem Gegen­stand fürs nächs­te Buch. Er fand ihn in Hart­mann von Aues mit­tel­al­ter­li­cher Gre­go­ri­us-Legen­de, die er schon als Zwan­zig­jäh­ri­ger ken­nen­ge­lernt hat­te. Es ist die unglaub­li­che Geschich­te vom guten Sün­der, der, her­vor­ge­gan­gen aus einer Geschwis­ter­be­zie­hung, aus­ge­setzt und damit der gött­li­chen Fügung über­las­sen, geret­tet und von einem Abt erzo­gen wird. Und der schließ­lich auf­bricht, sei­ne Eltern zu suchen, ins kriegs­ver­wüs­te­te Land sei­ner inzwi­schen ver­wit­we­ten Mut­ter kommt, den Feind besiegt, Her­zog wird und die eige­ne Mut­ter hei­ra­tet. Erst nach Jah­ren erfährt er von sei­ner Her­kunft. Er ent­sagt nun der Herr­schaft, sucht ange­ket­tet Buße auf einem kah­len Mee­res­fel­sen, wo ihn ein dün­ner Trank aus einer Boden­spal­te am Leben hält, wird aus sei­ner Ernied­ri­gung erlöst und nach sieb­zehn Jah­ren unter lau­tem Glo­cken­schwall zum Papst gewählt.

Das alles lässt Tho­mas Mann vom iri­schen Mönch Cle­mens im Klos­ter St. Gal­len erzäh­len, und der wahrt augen­zwin­kernd und mit sprach­li­cher Fines­se die Distanz zu der hoch­dra­ma­ti­schen und aber­wit­zi­gen Geschich­te, gibt sich locker und ver­spielt, geizt nicht mit Iro­nie und ver­schafft der Legen­de von Inzest, Buße, Gna­de, Erlö­sung und Ver­ge­bung den humor­vol­len Unter­ton. Der Roman, ein fili­gra­nes Meis­ter­stück, ist tat­säch­lich eine der hei­ters­ten Pro­saar­bei­ten des Autors gewor­den, aber auch eine, die im Schat­ten der ande­ren Roma­ne steht.

Jetzt, in der Gro­ßen kom­men­tier­ten Frank­fur­ter Aus­ga­be, erhel­len Hein­rich Dete­ring und Maren Ermisch erst­mals in die­sem Umfang und die­ser Inten­si­tät Vor­aus­set­zun­gen, Hin­ter­grün­de, Ent­ste­hung, die reli­giö­sen, his­to­ri­schen, kul­tur­ge­schicht­li­chen, psy­cho­lo­gi­schen und sprach­li­chen Bezü­ge der Geschich­te, nicht zuletzt ihre zeit­ge­nös­si­sche Reso­nanz. Auf 550 Sei­ten bie­ten sie im Kom­men­tar­band (der den Text­band im Umfang deut­lich über­ragt) alles, was zum Ver­ständ­nis (und zum Genie­ßen) die­ser Pro­sa mit ihrer Fül­le an Anspie­lun­gen nötig ist.

Das Span­nends­te, zugleich Erschüt­ternds­te ist dabei ein Kapi­tel, in dem aus­führ­lich die damals kon­tro­ver­se Auf­nah­me des «Erwähl­ten» vor allem in West­deutsch­land doku­men­tiert ist. Dem Lob und der Bewun­de­rung stan­den die Stim­men mili­tan­ter Tho­mas-Mann-Geg­ner gegen­über, die, an Wucht, Schär­fe und Bös­ar­tig­keit nicht zu über­bie­ten, bald die Debat­te domi­nier­ten. «Der Tumult der Mei­nun­gen ist in einem Aus­maß poli­tisch bestimmt», schrei­ben die Her­aus­ge­ber, «der heu­te kaum noch vor­stell­bar ist.» Noch ein­mal fei­er­ten nam­haf­te, oft NS-belas­te­te Kri­ti­ker ihren Sieg über den Emi­gran­ten und «ehe­ma­li­gen Lands­mann». Ihr Vor­wurf: Vater­lands­ver­rat.
Selbst Wil­helm E. Süs­kind, der ein­mal mit Klaus und Eri­ka Mann befreun­det war, mein­te in der «Süd­deut­schen Zei­tung», dass Tho­mas Mann nicht mehr zu «uns» gehö­re. Er bekräf­tig­te, was im Som­mer 1947 die US-Mili­tär­be­hör­de in Bay­ern unter mehr als acht­zig Befrag­ten, meist Bil­dungs­bür­ger mit Dok­tor­ti­tel, ermit­telt hat­te. Auf die Fra­ge: «Wollt ihr Tho­mas Mann wie­der­ha­ben?» ant­wor­te­te eine kla­re Mehr­heit mit Nein.

«Der Clan Mann», hieß es 1950 in der FAZ, «ist eine Gift­zis­ter­ne gewor­den» und Tho­mas Mann der «Expo­nent einer bis zur Dumm­heit gehen­den Abnei­gung gegen Deutsch­land». Nun­mehr, bei Betrach­tung des «Erwähl­ten», warf man ihm Grei­sen­lüs­tern­heit, Sprach­ver­hun­zung, eit­le Selbst­be­spie­ge­lung, mora­li­sche Halt­lo­sig­keit und unwi­der­ruf­li­che Welt­ver­schlos­sen­heit vor. Der Ger­ma­nist Hans Schwer­te, der noch Hans Schnei­der war, als er bei der SS dien­te, sprach von «Jon­gleur-Vir­tuo­si­tät» und «Skan­dal­pi­kan­te­rien», unter­stell­te Tho­mas Mann eine Mit­schuld an der «all­ge­mei­nen Glau­bens- und Wert­zer­stö­rung der ›Neu­zeit‹» und erkann­te zwi­schen ihm und sei­nem «Bru­der Hit­ler» gar eine «Bru­der­schaft des Has­ses». Im Klar­text: Der Roman bewir­ke, so die Her­aus­ge­ber, «mit sei­nen lite­ra­ri­schen Mit­teln das­sel­be Zer­stö­rungs­werk wie Hit­ler in Krieg und Konzentrationslagern.»

War­um haben Sie den «Erwähl­ten» geschrie­ben, frag­te Ende 1951 Eber­hard Hil­scher, ein jun­ger DDR-Ger­ma­nist, Tho­mas Mann in einem Brief, und der reagier­te mit einer Gegen­fra­ge: «Und wenn ich nun ant­wor­te­te: ›Ich woll­te ein­fach eine schö­ne Geschich­te erzäh­len‹ – wür­de es sehr fri­vol klin­gen? Habe ich sie etwa nicht schön erzählt und sie aus­ge­schmückt, wie es der Viel­ge­schmäh­ten noch nie gesche­hen war?» Er habe das Mythisch-Ent­fern­te unter Nut­zung aller Mit­tel nur «etwas genau­er» gemacht, es «ver­wirk­licht», schrieb er. Und: «Ich müß­te mich ganz und gar ver­schrie­ben haben, wenn nicht auch die­ses Buch mein Grund­ver­hält­nis zum Sein und zum Leben aus­drück­te: Sym­pa­thie. Ich habe die Men­schen nie zu ver­wir­ren gesucht, son­dern habe gesucht, sie zu befrie­di­gen, zu trös­ten – und zu erhei­tern. Erhei­te­rung tut ihnen gut, sie löst den Haß und die Dumm­heit …» Es sei ihm über­haupt nur dar­um gegan­gen, bekann­te er auch an ande­rer Stel­le, der Welt «etwas höhe­re Hei­ter­keit zu brin­gen, denn »die­se höhe­ren Spä­ße … las­sen am bes­ten Gram und Grau­en der Zeit vergessen«.

»Der Erwähl­te«, im März 1951 in zehn­tau­send Exem­pla­ren bei S. Fischer erschie­nen, kam bald auch in den USA und in meh­re­ren euro­päi­schen Län­dern her­aus. Nur im katho­li­schen Irland fand man ihn so anstö­ßig, dass er ver­bo­ten wur­de. In der DDR, behaup­ten die Her­aus­ge­ber, konn­te man ihn erst 1985 lesen, was nun gern kol­por­tiert wird, aber nicht stimmt. 1955 stand der klei­ne Roman erst­mals in der Aus­ga­be der Gesam­mel­ten Wer­ke, die der Auf­bau-Ver­lag zum 80. Geburts­tag Tho­mas Manns vor­leg­te (und die Wal­ter Jan­ka dem Jubi­lar in Kilch­berg über­reich­te), es gab ihn natür­lich eben­so in wei­te­ren Auf­la­gen sowie in der zehn­bän­di­gen Samm­lung der Roma­ne und Erzäh­lun­gen von 1975, eben­falls bei Auf­bau ediert. 1985 (und noch ein­mal 1989) erschien er dann bei Reclam in Leip­zig, dies­mal als Ein­zel­aus­ga­be. Da hat­ten ihn auch in der DDR schon vie­le gelesen.

Tho­mas Mann: Der Erwähl­te, Gro­ße kom­men­tier­te Frank­fur­ter Aus­ga­be Bd. 11/1: Text und 11/2: Kom­men­tar, hg. von Hein­rich Dete­ring und Maren Ermisch, S. Fischer, zusam­men 857 Sei­ten, geb., 139 €.

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