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Der Mann, der einen Krieg verhinderte

Siegfried Prokop schaut noch einmal auf die Ära von Walter Ulbricht zurück

Ein behelfsmäßiger Personalausweis mit Fingerabdruck von Walter Ulbricht, der 2017 in Hamburg versteigert wurde. Foto: Christian Charisius/dpa
Ein behelfsmäßiger Personalausweis mit Fingerabdruck von Walter Ulbricht, der 2017 in Hamburg versteigert wurde. Foto: Christian Charisius/dpa

Kei­ne his­to­risch-sys­te­ma­ti­sche Dar­stel­lung von DDR-Geschich­te will Sieg­fried Prokop mit sei­nem neu­en Buch bie­ten, son­dern rele­van­te Pro­ble­me einer beson­ders kom­pli­zier­ten Zeit dis­ku­tie­ren, die – zumin­dest für unvor­ein­ge­nom­me­ne Leser – auch heu­te noch von beson­de­rem Inter­es­se sein dürf­ten. Es geht um jene zwei Jahr­zehn­te, in denen Wal­ter Ulb­richt die Geschi­cke des ost­deut­schen Staa­tes bestimm­te. Und es geht um Gescheh­nis­se und Ent­schei­dun­gen an einer beson­ders sen­si­blen Gren­ze zwei­er sich kon­trär gegen­über­ste­hen­den, hoch­ge­rüs­te­ten Weltsysteme.

Der ehe­ma­li­ge Pro­fes­sor für Zeit­ge­schich­te an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin, in den 90er Jah­ren Vor­sit­zen­der der von Wolf­gang Harich gegrün­de­ten Alter­na­ti­ven Enquete­kom­mis­si­on, lie­fert mit dem neu­en Band wei­te­re Mosa­ik­stei­ne für das noch unvoll­ende­te Bild jenes Staa­tes, der einst gar im poli­ti­schen Feuil­le­ton der Bun­des­re­pu­blik als der »inter­es­san­tes­te in Nach­kriegs­eu­ro­pa« bezeich­net wur­de. Beson­ders her­vor­he­bens­wert ist die Nut­zung neu erschlos­se­ner Archi­va­li­en, durch die hier reflek­tier­te Ereig­nis­se und Per­so­nen kon­kre­te­re Gestalt gewinnen.

Inter­es­sant vor allem die Aus­zü­ge aus Inter­views mit Her­mann Axen und Alfred Neu­mann. Sei­ne Gespräch mit Letz­te­rem hat Prokop bereits vor Jah­ren in einem Band unter dem viel­sa­gen­den Titel »Pol­ter­geist im Polit­bü­ro« ver­öf­fent­licht. Neu­mann war, so Pro­kops Ver­mu­tung, von Ulb­richt als mög­li­cher Nach­fol­ger aus­er­ko­ren wor­den, nach­dem ihm die ziem­lich all­sei­ti­ge poli­ti­sche Unfä­hig­keit sei­nes Zieh­soh­nes Erich Hon­ecker bewusst gewor­den war. Hon­ecker kam dem zuvor, in dem er sei­nem Zieh­va­ter mit einer Intri­ge in den Rücken fiel und am 3. Mai stürzte.

In drei Kapi­teln unter­glie­dert, stellt Prokop – gestützt auf einen Erkennt­nis­schatz aus 50-jäh­ri­ger wis­sen­schaft­li­cher Tätig­keit – sei­ne Sicht auf die Pro­ble­me dar, die jene zwei Dez­en­ni­en unter Ulb­richt geprägt oder zumin­dest tan­giert hat­ten. Dies geschieht teils in sehr knap­per Form, teils in aus­führ­li­che­rer Län­ge, je nach Rele­vanz. Das Buch hat den Cha­rak­ter eines Nach­schla­ge­wer­kes auch und gera­de für jun­ge und jün­ge­re Leser, die wis­sen möch­ten, wie es sich bei­spiels­wei­se mit dem Mehr­par­tei­en­sys­tem ver­hielt, was jüdi­sches Leben in der DDR aus­mach­te, was am 17. Juni 1953 wirk­lich geschah, was sozia­lis­ti­sche Kul­tur bedeu­te­te, wie die Mode aus­sah und bei der Bevöl­ke­rung ankam oder war­um DDR-Bür­ger so ver­ses­sen auf FKK waren. Auf­schluss­reich sind auch die hier auf­ge­nom­me­nen Statistiken.

Ärger­lich ist die lei­der etwas ober­fläch­li­che Lek­to­rie­rung, was an etli­chen Tipp­feh­lern und Wie­der­ho­lun­gen ersicht­lich wird. Pro­kops Buch regt zu neu­en oder erneu­ten wis­sen­schaft­li­chen Debat­ten an, etwa über die Harich-Affä­re oder dar­über, dass die kol­lek­ti­ve Mos­kau­er Füh­rung (und nicht nur KGB-Chef Beri­ja) den Ver­kauf der DDR schon 1953 beschlos­sen hat­te, wie auch über das Reform­kon­zept des DDR-Öko­no­men Fritz Beh­rens und ande­res mehr. Bei Wirt­schafts­his­to­ri­kern könn­te Pro­kops sehr posi­ti­ve Wer­tung der Rol­le des RGW (Rat für­ge­gen­sei­ti­ge Wirt­schafts­hil­fe) sowie des (recht wider­sprüch­li­chen) Füh­rungs­stils von Ulb­richt auf Ein­spruch stoßen.

Bei aller Fül­le meist völ­lig berech­tig­ter Kri­tik an Ulb­richt folgt Prokop schluss­end­lich der Ein­schät­zung Neu­manns, die der Rezen­sent in sei­ner »Klei­nen Geschich­te der SED« (2020) eben­falls äußer­te: »Ulb­richt hin­ter­ließ sei­nem Nach­fol­ger einen intak­ten Staat an der Schwel­le der welt­wei­ten völ­ker­recht­li­chen Aner­ken­nung, eine intak­te sozia­lis­ti­sche Par­tei in einem halb­wegs funk­tio­nie­ren­den Mehr­par­tei­en­sys­tem (CDU, DBD, LDPD und NDPD). Die DDR war nicht nen­nens­wert ver­schul­det … In alle­dem unter­schied sich das Ende der Ära Ulb­richt vom Ende der Ära Hon­ecker.« Ergän­zen könn­te man hier: Bei­de Peri­oden unter­schie­den sich auch in Bezug auf das Ende der sie reprä­sen­tie­ren­den Poli­ti­ker: Für den toten Ulb­richt gab es ein beein­dru­cken­des Trau­er­ge­leit der Ber­li­ner. Hon­eckers Fahrt von der JVA Moa­bit ins Pfarr­haus von Lobe­tal war von wüten­den Men­schen­mas­sen beglei­tet; er starb ein­sam im chi­le­ni­schen Exil.

Zu Recht hebt Prokop die Leis­tung der sei­ner­zeit die USA und die UdSSR füh­ren­den Poli­ti­ker her­vor, John F. Ken­ne­dy und Niki­ta Chruscht­schow, die zwei der gefähr­lichs­ten Kon­flik­te jener Zeit, die Ber­lin-Kri­se 1958/61 und die Kuba-Kri­se 1962, fried­lich lös­ten. Ange­sichts heu­ti­ger Hys­te­rie auf dem inter­na­tio­na­len Par­kett kann man nur mit Respekt zurück­bli­cken, als Diplo­ma­tie noch als Mit­tel zur Erlan­gung von Kom­pro­mis­sen ver­stan­den wur­de. Dem ent­sprang auch das mit den Namen von Wil­ly Brandt und Egon Bahr ver­bun­de­ne Kon­zept »Wan­del durch Annä­he­rung«. Das Ver­dienst einer Dees­ka­la­ti­on gebührt aber auch Ulb­richt, den Sieg­fried Prokop mal wie­der aus der Ver­ges­sen­heit holt.

Siegfried Prokop: Probleme der Geschichte der DDR. Die Ulbricht-Ära. Trafo, 400 S., 34,80 €.

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