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»Ich muss mit bewaffneten Gruppen sprechen«

Dalia Mina Valencia ist Präsidentin des Selbstverwaltungsrates der Schwarzen Gemeinden am Fluss Yurumanguí. Sie kämpft für Frauenrechte

  • Von Gabriel Engelbart
  • Lesedauer: 8 Min.
Wandbild in der Gemeinde am Yurumanguí-Fluss
Wandbild in der Gemeinde am Yurumanguí-Fluss

Was bedeu­tet es, als Frau eine Füh­rungs­rol­le in der Gemein­de einzunehmen?

Zual­ler­erst heißt das, ein Vor­bild im poli­ti­schen Pro­zess zu sein. Wenn ich gefragt wer­de, was ich per­sön­lich durch mei­nen Akti­vis­mus dazu­ge­lernt habe, dann sind das vor allem zwei Din­ge: Erkennt­nis und Aner­ken­nung. Die blo­ße Tat­sa­che, als Frau Prä­si­den­tin des Gemein­de­rats in die­sem Ter­ri­to­ri­um zu sein, bedeu­tet, dass wir Frau­en eine Men­ge Wis­sen ange­sam­melt haben und von unse­ren Gemein­de­mit­glie­dern aner­kannt werden.

Was sind die wesent­li­chen Her­aus­for­de­run­gen in Bezug auf die Frau­en­rech­te in Yuru­m­an­guí und am kolum­bia­ni­schen Pazifik?

Die Stig­ma­ti­sie­rung der Schwar­zen Frau­en und der Chau­vi­nis­mus unse­rer Män­ner sind die größ­ten Pro­ble­me. Manch­mal glau­ben die Män­ner, dass wir nicht in der Lage sind, Ent­schei­dun­gen für unse­re Gemein­schaft zu tref­fen, doch wir bewei­sen ihnen tag­täg­lich das Gegen­teil. Oft hal­ten unse­re männ­li­chen Akti­vis­ten wun­der­schö­ne Reden, aber wir Frau­en sind es, die die Reden run­ter­bre­chen und in die Tat umsetzen.

Der Kon­flikt am Pazi­fik hat sich mit Unter­zeich­nung des Frie­dens­ab­kom­mens zwi­schen der Regie­rung und der Guer­ril­la FARC-EP im Jahr 2016 ste­tig ver­schärft. Wie hat sich das auf die Frau­en im Kon­flikt­ge­biet ausgewirkt?

Mich als Prä­si­den­tin des Gemein­de­rats ein­zu­set­zen war eine Stra­te­gie des Zusam­men­schlus­ses afro­ko­lum­bia­ni­scher Gemein­den (PCN), um die »ver­brann­ten« Män­ner aus der Schuss­li­nie zu neh­men. Die bewaff­ne­ten Grup­pen respek­tie­ren uns als Frau­en mehr, weil wir glaub­wür­di­ger sind. Ich erin­ne­re mich an einen kon­kre­ten Fall. Eine neue bewaff­ne­te Grup­pe tauch­te in unse­rem Ter­ri­to­ri­um auf und woll­te mit uns spre­chen. Wir haben sie ein­ge­la­den, und als der Kom­man­dant vor die ver­sam­mel­te Grup­pe aus aus­schließ­lich Frau­en trat, war er offen­sicht­lich überrascht.

Sie haben den Grund­satz der Dis­tink­ti­on zwi­schen Zivi­len und Bewaff­ne­ten erwähnt. Was sind die wich­tigs­ten Schrit­te, um den momen­ta­nen Kon­flikt­zu­stand zu überwinden?

Wir bit­ten die Men­schen­rechts- und die huma­ni­tä­ren Orga­ni­sa­tio­nen dar­um, mit den bewaff­ne­ten Akteu­ren Gesprä­che auf­zu­neh­men und auf die­se ein­zu­wir­ken, dass sie unse­re zivi­len Gemein­den aus dem Kon­flikt her­aus­hal­ten. Sie müs­sen über das huma­ni­tä­re Völ­ker­recht auf­ge­klärt wer­den. Oft wis­sen sie nicht ein­mal von des­sen Exis­tenz. Mit den neu­en Stra­te­gien im mili­tä­ri­schen Kon­flikt wer­den die Gemein­den immer tie­fer mit hineingezogen.

Die Lager der bewaff­ne­ten Grup­pen befin­den sich in Reich­wei­te unse­rer Dör­fer. Des­halb sind eine per­ma­nen­te Beglei­tung und Beob­ach­tungs­mis­si­on von enor­mer Bedeu­tung. Wir ver­lan­gen außer­dem von der Regie­rung, den Men­schen eine grund­stän­di­ge Aus­bil­dung zu garan­tie­ren und Ein­kom­mens­mög­lich­kei­ten zu bie­ten. Auf­grund man­geln­der Zukunfts­aus­sich­ten ist es für bewaff­ne­te Akteu­re oder Dro­gen­händ­ler eine ein­fa­che Ange­le­gen­heit, sie gegen eine gerin­ge Bezah­lung für ihre Geschäf­te zu gewinnen.

Wel­che Berufs­per­spek­ti­ven haben die Jugend­li­chen hier?

Die Beschäf­ti­gungs­mög­lich­kei­ten sind mini­mal. In den Ber­gen ist die ein­zi­ge Mög­lich­keit der Berg­bau und die Arbeit in den Minen. Wenn die Jugend­li­chen wei­ter unten am Fluss Glück haben, dann arbei­ten ihre Fami­li­en im Holz­ge­wer­be und sie hel­fen beim Ein­schlag von Tro­pen­holz. Wir brau­chen Garan­tien, dass die Jugend­li­chen ihr Abitur machen und zur Uni­ver­si­tät gehen kön­nen. Außer­dem, dass die Stu­di­en­in­hal­te mit ihrem Her­kunfts­ge­biet zu tun haben, damit sie zu ihrer Gemein­de am Pazi­fik zurück­keh­ren können.

Zahl­rei­che Aktivist*innen haben auf der Kara­wa­ne die Bedeu­tung eines huma­ni­tä­ren Abkom­mens her­vor­ge­ho­ben. Was haben Sie dies­be­züg­lich in Yuru­m­an­guí erreicht?

Das huma­ni­tä­re Abkom­men hängt damit zusam­men, was wir als Gemein­den seit Jahr­zehn­ten vor­an­trei­ben: den Ver­such der Selbst­ver­wal­tung in unse­rem kol­lek­ti­ven Ter­ri­to­ri­um. Unab­hän­gig von der Prä­senz lega­ler oder ille­ga­ler bewaff­ne­ter Akteu­re gehört die­se Auto­no­mie zu unse­rem poli­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis. Oft ver­gisst man, dass hier auch zivi­le Per­so­nen leben. Wenn ich gefragt wer­de, ob ich schon mal mit bewaff­ne­ten Akteu­ren gespro­chen habe, dann ant­wor­te ich: Ja, tau­send Mal. Mir bleibt als Akti­vis­tin, die die Rech­te der Schwar­zen Gemein­den ver­tei­digt, gar kei­ne ande­re Wahl. Ein huma­ni­tä­res Abkom­men bedeu­tet für mich vor allem die Garan­tie des Ver­bleibs der Gemein­den auf ihrem ange­stamm­ten Territorium.

Was bedeu­tet für Sie der kol­lek­ti­ve Selbst­schutz der Gemeinden?

Vor allem geht es dar­um, nicht nur die Sprecher*innen oder sicht­ba­re Repräsentant*innen zu schüt­zen, son­dern das Kol­lek­tiv. Und umge­kehrt sind das Kol­lek­tiv und das kol­lek­ti­ve Gemein­de­land der Antrieb unse­res Kamp­fes. Wenn das Risi­ko für uns dar­in besteht, auf die­sem Ter­ri­to­ri­um zu leben, und die­ses Ter­ri­to­ri­um gleich­zei­tig unse­re Exis­tenz­be­rech­ti­gung ist, dann benö­ti­ge ich von der Regie­rung weder einen gepan­zer­ten Wagen mit Leib­wäch­ter für die Stadt noch eine schutz­si­che­re Wes­te. Was wir brau­chen, sind Garan­tien vom Staat, hier am Fluss Yuru­m­an­guí genau wie unse­re Ahnen und Vor­fah­ren leben und über­le­ben zu können.

Wie lau­tet Ihre Bot­schaft an die kolum­bia­ni­sche Regierung?

Unse­re Bot­schaft an die Regie­rung lau­tet: Es gibt eine Schwar­ze Gemein­de mit dem Namen Yuru­m­an­guí, die sich im Wider­stand gegen mecha­ni­schen Berg­bau und den Dro­gen­an­bau befin­det. Die Bau­ern benö­ti­gen Alter­na­ti­ven, um ihre Fami­li­en ernäh­ren zu können.

Wir benö­ti­gen vor allem Unter­stüt­zung bei der Grün­dung von Klein­un­ter­neh­men und bei der Ver­mark­tung von Land­wirt­schafts­pro­duk­ten. Wir bau­en bei­spiels­wei­se Süß­kar­tof­feln an und pro­du­zie­ren Mehl, aber uns fehlt der Marktzugang.

Wel­chen Traum haben Sie für Yurumanguí?

Nun ja, ich träu­me davon, dass es Haus­bau­pro­jek­te zur Ver­bes­se­rung der Lebens­qua­li­tät gibt. Wei­ter­hin erträu­me ich, dass die Jugend­li­chen ihr Abitur oder eine Berufs­aus­bil­dung in der Regi­on machen kön­nen, ohne in die Stadt abwan­dern zu müs­sen. Wir stel­len uns eine Agrar­uni­ver­si­tät auf dem Land vor, die west­li­che Erkennt­nis­se und unser tra­di­tio­nel­les Wis­sen mit­ein­an­der ver­bin­det und lehrt.

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