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Das Himmelbeet auf Erden

Urbane Gärten leisten viel für Berlin, zeigt ein wissenschaftliches Projekt. Doch häufig werden sie verdrängt

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 11 Min.
Noch viel zu tun: Pauline Schlautmann und Marion De Simone vor der Baustelle des zukünftigen Himmelbeets
Noch viel zu tun: Pauline Schlautmann und Marion De Simone vor der Baustelle des zukünftigen Himmelbeets

Noch erin­nert das klei­ne Stück Wie­se zwi­schen Gar­ten- und Grenz­stra­ße, in der Nähe des Volks­parks Hum­boldt­hain in Gesund­brun­nen, eher an eine Bau­stel­le als an einen Gar­ten. Palet­ten­sta­pel, Holz­kis­ten, Pla­nen, ein­zel­ne Blu­men­töp­fe und ein paar Pflänz­chen sind rund um einen gro­ßen Erd­hü­gel ver­teilt und von einem Bau­zaun umge­ben. Etwas ent­fernt davon ist schon ein Holz­häus­chen auf­ge­baut, das Café des Gemein­schafts­gar­tens Himmelbeet.

Zum Jah­res­wech­sel ist der Gar­ten mit all sei­nem Mate­ri­al inklu­si­ve der Erde von sei­nem alten Stand­ort in der Ruhe­platz­stra­ße in Wed­ding hier­her umge­zo­gen; in den kom­men­den Wochen soll mit dem Auf­bau begon­nen wer­den. »Seit 2017 waren wir auf der Suche nach einer Ersatz­flä­che. Das war mit sehr inten­si­ven Dis­kus­sio­nen ver­bun­den«, sagt Mari­on De Simo­ne, die seit fünf Jah­ren beim Him­mel­beet arbei­tet, zu »nd«. Im Früh­jahr 2016 mel­de­te die sozia­le Ein­rich­tung Aman­dla beim Bezirks­amt Mit­te Inter­es­se an, ein Fuß­ball-Bil­dungs­zen­trum für Kin­der und Jugend­li­che auf­zu­bau­en – auf der Flä­che, auf der sich eigent­lich seit drei Jah­ren das Him­mel­beet befand. Ursprüng­lich vor­ge­se­hen war das Gelän­de für einen Sport­platz, und das Him­mel­beet konn­te sich nur des­we­gen dort ansie­deln, weil die Flä­che zuvor brach gele­gen hat­te. Das Pro­blem: »Gemein­schafs­gär­ten sind kei­ne Kate­go­rie, die in Flä­chen­nut­zungs­plä­nen vor­kommt, sie zäh­len auch nicht als Grün­flä­che«, erklärt De Simone.

Vie­le urba­ne Gemein­schafts­gär­ten müs­sen sich daher von einem befris­te­ten Nut­zungs­ver­trag zum nächs­ten han­geln. »In sich immer wei­ter ver­dich­ten­den Städ­ten ist der Raum oft knapp. Vie­le Gär­ten befin­den sich auf per­spek­ti­vi­schem Bau­land und müs­sen irgend­wann wei­chen«, sagt Lea Kliem zu »nd«. Sie ist wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin am Insti­tut für öko­lo­gi­sche Wirt­schafts­for­schung (IÖW) in Ber­lin und Co-Autorin einer Stu­die im Rah­men des Pro­jekts »Gar­ten-Leis­tun­gen«, das den Wert öffent­lich zugäng­li­cher Grün­flä­chen für eine nach­hal­ti­ge Stadt­ent­wick­lung anhand ver­schie­de­ner Klein- und Gemein­schafts­gär­ten sowie Mie­tä­cker in Ber­lin und Stutt­gart unter­sucht hat, dar­un­ter auch das Him­mel­beet. In der Haupt­stadt gibt es ins­ge­samt rund 200 Gemein­schafts­gär­ten und mehr als 1000 Klein­gar­ten­an­la­gen mit einer Gesamt­flä­che von knapp 3000 Hekt­ar, mehr als in allen ande­ren deut­schen Groß­städ­ten. Doch vie­le von ihnen sind von Ver­drän­gung bedroht, aktu­ell zum Bei­spiel die Gär­ten Pracht­to­ma­te und Peace of Land. Ein ande­rer, der Prin­zes­sin­nen­gar­ten, ist bereits umge­zo­gen.

»Wir woll­ten mit unse­rer Stu­die auf­zei­gen, wel­chen unglaub­lich gro­ßen Mehr­wert urba­ne Gär­ten für die Stadt­ge­sell­schaft haben. Sie sind Mul­ti­ta­len­te«, sagt Kliem. Einer­seits haben sie einen öko­lo­gi­schen Nut­zen, da sie Regen­was­ser auf­fan­gen, die Stadt abküh­len, CO2 spei­chern, Bio­di­ver­si­tät för­dern und Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren. Ande­rer­seits sind mit urba­nen Gär­ten sozia­le und kul­tu­rel­le Wer­te wie Erho­lung, Gemein­schaft, Ehren­amt und Umwelt­bil­dung ver­bun­den. »Es ist ein Treff­punkt für die Nach­bar­schaft, den alle mit­ge­stal­ten kön­nen«, sagt Mari­on De Simo­ne über das Him­mel­beet. Ihre Kol­le­gin Pau­li­ne Schlaut­mann fin­det »die Mul­ti­co­die­rung der Flä­che am span­nends­ten«, also eine Mehr­fach­nut­zung. Das Him­mel­beet sei mehr als ein Gar­ten. Unter ande­rem gebe es auch eine Selbst­hil­fe-Fahr­rad­werk­statt und einen Lehm­back­ofen, an dem regel­mä­ßig Back­kur­se ange­bo­ten wurden.

Um die Flä­chen­si­che­rung für urba­ne Gär­ten zu stär­ken, schlägt Lea Kliem vom IÖW unter ande­rem vor, deren Mul­ti­funk­tio­na­li­tät wei­ter zu för­dern und sie zum Bei­spiel mit Sport­stät­ten zu kom­bi­nie­ren. Das woll­te auch das rund 15-köp­fi­ge Team der gemein­nüt­zi­gen GmbH des Him­mel­beets ver­su­chen und erar­bei­te­te Kon­zep­te, nach denen der Gar­ten auf dem Dach oder am Rand der geplan­ten Sport­hal­le hät­te wei­ter exis­tie­ren kön­nen. Die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Bezirks­amt sei jedoch schwie­rig gewe­sen, unter ande­rem wegen feh­len­der Ansprechpartner*innen, sagt Mari­on De Simone.

Laut dem Bezirks­amt Mit­te muss­te die Unter­brin­gung auf dem Dach als »logis­tisch und finan­zi­ell nicht ver­tret­bar ver­wor­fen wer­den. Für bei­de Pro­jek­te war am Stand­ort nicht genug Platz«, sagt Chris­ti­an Ziel­ke, Spre­cher des Bezirks­amts, auf nd-Anfra­ge. Laut ihm habe das Him­mel­beet einen bezirk­li­chen Ansprech­part­ner gehabt. Eine offi­zi­el­le Anlauf­stel­le für Gemein­schafts­gär­ten an sich gebe es im Bezirks­amt Mit­te aber nicht, son­dern nur für das Gärt­nern auf nicht öffent­li­chen Flä­chen. Dass das Him­mel­beet Bestand haben muss, sei jedoch immer »erklär­tes Ziel« gewe­sen, so Ziel­ke. »Allein die Iden­ti­fi­zie­rung alter­na­ti­ver Flä­chen hat Zeit in Anspruch genom­men.« Bis Ende ver­gan­ge­nen Jah­res konn­te die Zwi­schen­nut­zung des alten Gelän­des immer wie­der ver­län­gert wer­den, bis das Bezirks­amt den jet­zi­gen, ein­ein­halb Kilo­me­ter ent­fern­ten Stand­ort als neue Flä­che anbot.

Feh­len­de Zustän­dig­kei­ten in der Ver­wal­tung nennt auch Lea Kliem eines der Haupt­pro­ble­me urba­ner Gär­ten. Die Ber­li­ner Senats­um­welt­ver­wal­tung sei in die­ser Hin­sicht jedoch bereits aktiv gewor­den, indem sie eine Stel­le für Pro­duk­ti­ves Stadt­grün und Gemein­schafts­gärt­nern geschaf­fen und ein Gemein­schafts­gar­ten-Pro­gramm ins Leben geru­fen hat. Hier­bei wer­den in einem Par­ti­zi­pa­ti­ons­pro­zess gemein­sam mit den urba­nen Gärtner*innen För­de­run­gen erar­bei­tet und poten­zi­el­le Flä­chen für neue urba­ne Gär­ten erschlos­sen. Das sei aber vor allem des­we­gen pas­siert, »weil es in Ber­lin so vie­le Gär­ten gibt, die Druck machen«, sagt Pau­li­ne Schlaut­mann vom Him­mel­beet. »Das ging von der Zivil­ge­sell­schaft aus«, ergänzt Mari­on De Simone.

Die mehr als vier Jah­re Unsi­cher­heit sei­en für das Him­mel­beet eine gro­ße Her­aus­for­de­rung gewe­sen, »weil wir nichts pla­nen konn­ten und viel Zeit mit der Flä­chen­su­che ver­bracht haben«, so De Simo­ne. Das neue Gelän­de sei mit 1400 Qua­drat­me­tern zwar viel klei­ner als das alte in Wed­ding und eigent­lich wegen der zahl­rei­chen Bäu­me ein wenig zu schat­tig für den Gemü­se­an­bau. »Aber wir haben unse­re Ansprü­che run­ter­ge­schraubt. Es ist wich­ti­ger, über­haupt eine Flä­che zu haben, als die per­fek­te Flä­che«, sagt sie.

Dem Pro­jekt sei nicht die not­wen­di­ge Prio­ri­tät ein­ge­räumt wor­den, kri­ti­siert die Wis­sen­schaft­le­rin Lea Kliem: »Gär­ten müs­sen als ein Bau­stein für eine sozi­al-öko­lo­gi­sche Trans­for­ma­ti­on und nach­hal­ti­ge Stadt­ent­wick­lung aner­kannt wer­den.« Sie gehö­ren zu den weni­gen urba­nen Orten, an denen Obst und Gemü­se ange­baut wird, das deut­lich kli­ma­freund­li­cher ist als sol­ches mit lan­gen Lie­fer­ket­ten, bei des­sen Trans­port oft vie­le Emis­sio­nen ent­ste­hen. Der­zeit decken urba­ne Gär­ten laut dem Pro­jekt »Gar­ten-Leis­tun­gen« zwar nur 1,36 Pro­zent des Gemü­se- und Kar­tof­fel­be­darfs der Ber­li­ner Bevöl­ke­rung. Min­des­tens genau­so wich­tig sei jedoch, dass der Bezug zum eige­nen Anbau die Wert­schät­zung für regio­na­le pflanz­li­che Lebens­mit­tel erhöhe.

Außer­dem sei die Diver­si­tät von Gemü­se­sor­ten in Gemein­schafts­gär­ten in der Regel grö­ßer als in der Land­wirt­schaft, in der meist mit weni­gen Hoch­er­trags­sor­ten gear­bei­tet wird, weil oft ver­schie­de­ne, auch mal älte­re Sor­ten gepflanzt wer­den oder Saat­gut unter den Gärtner*innen getauscht wird. »Das erhält die Sor­ten­viel­falt«, erklärt Kliem. Schließ­lich wür­den pri­va­te Gärtner*innen für gewöhn­lich nach­hal­ti­ge Metho­den zum Anbau und gegen Schäd­lin­ge nut­zen. »Wir gärt­nern öko­lo­gisch, ohne che­mi­schen Dün­ger, mit torf­frei­er Erde und ver­mit­teln das auch wei­ter«, bestä­tigt Pau­li­ne Schlautmann.

Ein beson­de­res Pro­jekt im Him­mel­beet, das gemein­sam mit der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Ber­lin ent­wi­ckelt wur­de, ist der Salat­turm: Hier wach­sen die Salat­köp­fe nicht neben­ein­an­der aus der Erde, son­dern über­ein­an­der aus einer Säu­le, die mit Was­ser und Nähr­stof­fen gefüllt ist. Dafür wird Regen­was­ser vom Café-Dach gesam­melt, sodass sowohl Flä­che als auch Was­ser ein­ge­spart wer­den kön­nen. Einen ähn­li­chen Turm gibt es auch im Gleis­drei­eck-Park in Kreuz­berg, für den aller­dings das Was­ser aus den Duschen der Sport­an­la­gen gerei­nigt und zur Bewäs­se­rung wei­ter­ge­nutzt wird. Mit sol­chen platz­spa­ren­den »Ver­ti­kal­far­men« könn­te ganz Ber­lin auf einer Flä­che von 26 Hekt­ar mit Salat ver­sorgt wer­den – im klas­si­schen Feld­an­bau wären es 836 Hektar.

In den nächs­ten Wochen sol­len der Salat­turm, genau wie Pacht- und Gemein­schafts­bee­te, ein Gewächs­haus mit Jung­pflan­zen­ver­kauf sowie eine Ter­ras­se und das Café, im neu­en Him­mel­beet in Gesund­brun­nen wie­der auf­ge­baut wer­den. Lang­fris­tig gesi­chert ist aber auch die­ser Stand­ort nicht – fürs Ers­te hat das Him­mel­beet auch hier nur einen Zwi­schen­nut­zungs­ver­trag über fünf Jahre.

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