Vorher sind alle dagegen

Kommt jetzt das Duell wieder in Mode wie in Europa der Angriffskrieg? Rayk Wielands satirischer Roman »Beleidigung dritten Grades«

Und irgendwann stellt sich die Frage: wo gibts die Pistolen?
Und irgendwann stellt sich die Frage: wo gibts die Pistolen?

Rayk Wieland ist »Titanic«-Autor, war Redakteur bei »Junge Welt«, »Konkret« und dann beim Fernsehen. Romane verfasst er auch. »Beleidigung dritten Grades« heißt sein neuester, der satirisch angelegt ist und der – wie es der Satire heute oft passiert – von der Wirklichkeit eingeholt zu werden droht. Galt doch das Duell, um das es in dem Roman geht, in Europa bis vor Kurzem als so ausgestorben wie der Angriffskrieg. Vielleicht kommt das gepflegte Töten unter Männern ja auch wieder in Mode?

Zunächst aber ist es nur die Fiktion, in der sich der Antiquar Alexander Schill intensiv für die Geschichte dieses Metiers zu interessieren beginnt. Er fängt an, alles an Büchern und Devotionalien zu sammeln, was für ihn zum Thema erreichbar ist. Er tapeziert die Wände seiner Küche mit Abbildungen berühmter Showdowns und beunruhigt damit seine Freundin Constanze immer mehr. Sie leidet zunehmend unter Schlafstörungen, wirft nach einer Weile das Handtuch und verlässt ihn. Als Schill herausbekommt, dass ihr neuer Lover ihr Psychiater und Schlaf-Coach, Oskar B. Markov, ist, fordert Schill den Nebenbuhler zum Duell.

Die fachgerechte Durchführung eines Duells ist aber in der heutigen Zeit gar nicht so einfach. Als Erstes wäre da das Problem der Waffenbeschaffung. Auf einer Militaria-Auktion, an der Schill teilnimmt, wird eine Kiste mit den Hinterlassenschaften des letzten deutschen Duells versteigert. Zwei SS-Männer hatten sich im Oktober 1937 im brandenburgischen Hohenlychen duelliert. Dabei bekam der eine einen Bauchschuss und verstarb ein paar Tage später im Krankenhaus.

Doch der Preis für die Kiste mit Dokumentation, Pistolen und einem Kinderschuh liegen weit über Schills finanziellen Möglichkeiten. Völlig außer Rand und Band geraten, bietet er trotzdem mit, kommt aber bei 75000  Euro wieder zu sich und gibt auf. Ersteigert wird das Konvolut für 76 000 Euro von seinem Nachbarn, dem russlanddeutschen Militariahändler Nicolai Lorenz. Der erkennt in Schill einen Geistesverwandten und lädt ihn nach der Auktion zu sich nach Hause ein.

Es ist schwer zu sagen, ob die Beschreibung der Familie von Nicolai Lorenz, seiner Frau Palina, seinem Onkel Wenzel, sowie von Rauhhaardackel Quiz satirisch übertrieben oder realistisch ist. Schills Problem zumindest, dass ihn alle für einen Spinner halten, sein stilles Leiden unter dem allgemeinen Desinteresse an der Erschießung unter Männern, trifft hier auf Verständnis und Interesse. Nicht nur, dass Onkel Wenzel nach Schills anregendem Vortrag über die Geschichte des Duells dem Duellanten in spe vor Begeisterung zwei Karten für Tschaikowskis Duell-Oper »Eugen Onegin« schenkt; Nicolai Lorenz ist sogar bereit, die zwei Pistolen aus der SS-Kiste für das Duell mit Markov zu Verfügung zu stellen. Auch das Problem, dass bei den Waffen zwecks legaler Weiterverbreitung als »Ausstellungstücke« der Schlagbolzen entfernt wurde, löst sich in der russlanddeutschen Familie in Luft auf: Ein Freund von Lorenz vertreibt für die betagten Modelle separat – ebenfalls ganz legal – die Schlagbolzen.

Das alles ist über weite Strecken unterhaltsam und informativ. Wer wusste schon, dass 1967 beim letzten französischen Duell, das zwei Parlamentsabgeordnete mit Degen ausfochten, einer der Sekundanten Jean-Marie Le Pen war, der rechtsradikale Vater jener bisher erfolgreichsten Frau in der französischen Politik, der rechtsradikalen Marie Le Pen? Oder dass eigentlich alle halbwegs intelligenten Männer, die sich im Lauf der Zeit duelliert haben, vor ihrem eigenen Duell grundsätzlich gegen Duelle waren?

Wegen des satirischen Charakters des Romans erfährt der Leser aber nur wenig über das Innenleben der Figuren. Ihre äußeren Handlungen, vor allem die Frage, was sie zum Duell treibt, bleiben deshalb rätselhaft. Wenn denn das Duell, wie der Angriffskrieg, nicht mehr völlig absurd erscheint und wieder in den Männeralltag Einzug hält, würde man sich komplexer geschilderte Romanfiguren wünschen. Und Erklärungen, die über die von Palina, Nicolai Lorenz’ Frau, hinausgehen: »Ich denke, jeder Mann will im Geheimen ein Held sein, und Held sein bedeutet todesmutig sein. Schon als Kind spielen sie Krieg und Indianer. Männer müssen immer kämpfen, sonst fehlt ihnen die Idee.«

Rayk Wieland: Beleidigung dritten Grades. Verlag Antje Kunstmann, 320S., geb., 24€.

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