Schwesternschaft in Cannes

Drei iranische Schauspielerinnen begegnen sich im Wettbewerb des diesjährigen Filmfestivals an der Côte d’Azur

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 9 Min.
Die drei iranischen Schauspielerinnen gingen unterschiedliche Wege, um heute an demselben Ort, auf der Bühne des Cannes-Festivals, zu stehen: (v.l.n.r.) Zahra (Zar) Amir Ebrahimi, Taraneh Alidoosti und Golshifteh Farahani
Die drei iranischen Schauspielerinnen gingen unterschiedliche Wege, um heute an demselben Ort, auf der Bühne des Cannes-Festivals, zu stehen: (v.l.n.r.) Zahra (Zar) Amir Ebrahimi, Taraneh Alidoosti und Golshifteh Farahani

Die 80er-Generation im Iran ist als die gebrandmarkte bekannt. Es sind die Kinder, die nach der Revolution (1979) und während des Iran-Irak-Kriegs (1980-1988) geboren wurden und in der Nachkriegszeit zur Schule gegangen sind. Es herrschte eine beängstigende Atmosphäre in der Gesellschaft, militärische Disziplin in den Schulen; ihr ganzes Dasein war geprägt von Verboten und Kontrollen.

Heute sind sie erwachsene Menschen, in ihren 30ern oder 40ern, manche sind noch im Land, etliche jedoch ausgewandert. Golshifteh Farahani, Taraneh Alidoosti und Zahra (Zar) Amir Ebrahimi sind drei Frauen aus jener Generation. Die drei iranischen Schauspielerinnen begegnen sich dieses Jahr im Wettbewerb des Cannes-Filmfestivals, das momentan, bis zum 28. Mai, zum 75. Mal stattfindet. Zwei von ihnen leben zurzeit im französischen Exil und eine kommt direkt aus dem Iran. Sie gingen unterschiedliche Wege, um heute an demselben Ort, auf der Bühne des Cannes-Festivals, zu stehen. Ihre individuellen Geschichten erzählen über die Kontroversen eines Landes, das ständig daran scheitert, ein homogenes Bild von sich zu zeigen.

Zu weit gegangen

Golshifteh Farahani, die international Berühmteste von den dreien, die es bis nach Hollywood geschafft hat, ist 1983 in Teheran geboren. Sie wollte gar nicht Schauspielerin werden und besuchte erst mal eine Musikschule. Doch mit 14 Jahren spielte sie die Hauptrolle in »Der Birnbaum« (1998) des Regisseurs Dariush Mehrjui, einer der bekannten Filmemacher des Iranischen Neue-Welle-Kinos. Danach wurde ihr Leben ein anderes, und sie spielte in 17 weiteren Filmen mit.

2008 war sie bereits eine erfolgreiche Schauspielerin – die schon mit vielen renommierten iranischen Regisseuren gearbeitet hat –, als sie eine Rolle im US-Film »Body of Lies« von Ridley Scott bekam und mit Leonardo DiCaprio und Russell Crowe spielte. Das war der Beginn ihres internationalen Durchbruchs. Doch dies konnte die iranische Obrigkeit nicht verkraften. Der Staat hatte kaum Kontrolle über diese US-Produktion, und das gefiel ihm natürlich nicht. Kunst war ja nur dann erlaubt, solange er deren Rahmen bestimmen konnte. Lange war in der Gesellschaft gestritten worden, ob die Szenen mit Farahani in diesem Hollywood-Film mit oder ohne Hijab gedreht werden sollten. Diese Frau sei einfach zu weit gegangen.

Als sie nach den Dreharbeiten von »Body of Lies« in den Iran zurückkam, wurde ihr Pass von den iranischen Behörden konfisziert, sieben Monate wurde sie immer wieder verhört. In einem Interview mit »Spiegel Online« sagte sie: »Meine Arbeit in Hollywood wurde mit einer Kollaboration mit der CIA gleichgesetzt. Als ›Body of Lies‹ ins Kino kam, haben sie mich sogar beschuldigt, die CIA habe mich angeheuert, um das Ansehen des Islam zu zerstören!«

Einige Monate später erhielt sie ein Angebot für die Hauptrolle in einer weiteren Hollywood-Produktion, Mike Newells »Prince of Persia«. Als sie für das Casting nach London fliegen wollte, wurde sie an der Ausreise gehindert. »Die Behörde bot mir an, gegen Geld den Pass für 24 Stunden zu bekommen, um für den Kameratest nach London und zurück zu fliegen. Ich habe mich darauf eingelassen. Aber dann bekam ich ihn sechs Stunden zu spät. Der Flieger war weg. Und meine Rolle wurde umbesetzt«, so Farahani. Der Film erschien 2010, und statt Golshifteh Farahani spielte die Britin Gemma Arterton an der Seite von Jake Gyllenhaal die Rolle der persischen Prinzessin Tamina.

Der letzte Film, in dem Farahani im Iran spielte, war Asghar Farhadis »Alles über Elly«. Das Werk gewann bei der Berlinale 2009 den Silbernen Bären für die beste Regie. Auf dem Roten Teppich und beim Foto-Call in Berlin konnte man sehen, dass sie separat empfangen wurde, dass der Rest des Casts versuchte, sich von Farahani zu distanzieren. Angst vor gemeinsamen Fotos? Alles war überschattet von ihrer Mitwirkung in jenem US-Film. Die Repräsentantinnen Irans sollen auch außerhalb des Landes das offizielle Frauenbild (mit Körper- und Haar-Bedeckung) zeigen. Dass sie in einigen Szenen von »Body of Lies« doch ohne Kopftuch zu sehen war, wurde im Iran zum Skandal – vor allem von den rechten Medien geschürt. Dazu ging sie noch, wieder ohne Kopftuch, zur Premiere des Filmes in den USA. Alle spekulierten über die Konsequenzen. Viele dachten, dass nun sogar »Alles über Elly« wegen ihr im Iran verboten werde. Das geschah nicht, aber Farahani verließ das Land nach all den Schikanen und Verhören. Seit 2009 lebt sie in Paris.

Im französischen Exil hat sie von vorne begonnen. Seitdem spielte sie in weiteren 24 Filmen, darunter in Jim Jarmuschs »Paterson« (2016) mit Adam Driver in der Hauptrolle. Auf dem diesjährigen Cannes-Festival ist Golshifteh Farahani neben Marion Cotillard im französischen Drama »Frère et stur« (»Bruder und Schwester«) von Arnaud Desplechin zu sehen. Es handelt von den Geschwistern Alice and Louis, die sich jedoch hassen und seit mehr als 20 Jahren nichts miteinander zu tun haben. Der Tod ihrer Eltern zwingt sie, einander zu begegnen. 

Im Namen der Moral terrorisiert

Zahra (Zar) Amir Ebrahimi ist im Ausland noch nicht so bekannt. Die 1981 in Teheran Geborene war eine TV-Schauspielerin, die durch eine Fernsehserie (2006) gerade etwas Berühmtheit erlangt hatte, als ein privates Sex-Video von ihr im Internet landete. Über Nacht wurde ihr Leben ruiniert.

Allein innerhalb von zwei Monaten wurden etwa 100 000 Kopien in Umlauf gebracht. Der Staat begann mit den Untersuchungen. Sie, ihre Familie, ihre Bekannten, auch ihr damaliger Freund wurden verhört. Sie sah sich mit unterschiedlichen Vorwürfen konfrontiert, etwa dass sie selbst an der Produktion und Verbreitung des Videos beteiligt sei. Allein schon Sex mit einem Freund, der nicht mit ihr verheiratet war, stand unter Strafe. Aus Angst vor Konsequenzen und verschieden Strafen leugnete sie anfangs, überhaupt die Frau im Video zu sein.

Einige Jahre hatte sie Reiseverbot, ihre Karriere als Schauspielerin wurde auf Eis gelegt, doch viel mehr machte sie sich Sorgen, was überhaupt mit ihr passieren würde. Sie musste eine Kaution hinterlegen (üblicherweise ist es im Iran eine Immobilie), um sich bis zum Gerichtsurteil im Land frei bewegen zu können. Sie hatte Angst, allein auf die Straße zu gehen, da eine ganze Gesellschaft sie und ihr Privatleben nicht in Ruhe ließ. Das Video wurde auf dem Schwarzmarkt millionenfach verkauft – und zwar in einem Land, in dessen staatlichen Fernsehserien die Frauen mit Kopftuch ins Bett gehen. Die Menschen waren gierig danach, das Sexleben einer jungen Schauspielerin zu beglotzen, und sahen sich dabei noch in der Lage, sie moralisch zu verurteilen, zu drangsalieren, zu terrorisieren, ihr das Schuldgefühl zu geben, ein Leben zu führen. Manche Zeitungen haben sogar geschrieben, dass sie sich umgebracht habe. Dieses Szenario passte jedenfalls dieser patriarchalischen Gesellschaft gut: Solch ein »Skandal« sollte am besten durch den Selbstmord der Frau beseitigt werden, und sie sollte am besten sofort wieder vergessen werden, damit sich die Gesellschaft – nachdem sie sich genug ergötzt hat – ohne schlechtes Gewissen wieder »normal« fühlen kann.

Auch Amir Ebrahimi verließ schließlich das Land und ging nach Frankreich. Erst 2019, 13 Jahre nach jenem Zwischenfall, sprach sie in einem Interview in London öffentlich darüber, dass es ihr privates Video war und durch einen Bekannten, einen Theaterschauspieler, im Internet kursierte. Dieser war bei ihr auf einer Party, fand auf ihrem Computer das Video und machte sich heimlich eine Kopie. Der Theaterschauspieler hatte sich schuldig bekannt. Er wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt, wurde trotzdem nach ein paar Monaten freigelassen und hat im Iran als Schauspieler weiter gearbeitet. All diese Jahre habe sie sich vor allem wegen ihrer Eltern, die noch im Iran sind, nicht geäußert. Aber jetzt, da der Fall verjährt ist, könne sie ihr Schweigen brechen.

Im Exil hat sie Französisch gelernt, noch mal studiert und in ein paar Filmen gespielt, darunter einige deutsche Produktionen wie »Teheran Tabu« (2017) und »Morgen sind wir frei« (2019). Nun steht sie als Hauptdarstellerin im Film »Holy Spider« im Wettbewerb des Cannes-Festivals. Die Regie hat der iranische, in Skandinavien arbeitende Regisseur Ali Abbasi geführt. Schweden, Dänemark, Deutschland und Frankreich waren an der Produktion beteiligt. Die Geschichte wurde von dem Fall eines realen Serienmörders inspiriert, der zwischen 2000 und 2001 insgesamt 16 Frauen in der iranischen religiösen Stadt Mashhad ermordete; dort befindet sich die Grabstätte des achten schiitischen Imams Reza. Der Mörder, bekannt als »Spinnenmörder«, erklärte selber seine »moralische« Mission: die »heilige« Stadt von Straßenprostituierten zu »säubern«. 13 Frauen hat er vor deren Ermordung vergewaltigt. Er wurde 2002 hingerichtet. Zahra Amir Ebrahimi spielt im Film eine Investigativ-Journalistin, die den Fall erforscht.

Eine Figur der MeToo-Bewegung im Iran

Taraneh Alidoosti ist derzeit eine der bekanntesten und beliebtesten Schauspielerinnen Irans. Die Tochter des Fußballnationalspielers Hamid Alidoosti ist 1984 in Teheran geboren. Allein ihr erster Film, »I’m Taraneh, 15« (2002), brachte ihr einen Leopard für die beste Darstellerin auf dem Filmfestival von Locarno ein. Es folgten einige erfolgreiche Filme – vor allem mit dem Regisseur Asghar Farhadi, darunter »The Salesman«, der 2016 auf dem Cannes-Festival den Preis für das beste Drehbuch und 2017 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann. Die Oscarverleihung hat Alidoosti jedoch boykottiert: »Trumps Visa-Verbot für iranische Menschen ist rassistisch«, twitterte sie damals, »Aus Protest werde ich nicht an den #AcademyAwards 2017 teilnehmen.«

Sie arbeitet hauptsächlich im Iran, ist verheiratet und hat eine Tochter. Neben ihrer Karriere als Schauspielerin schreibt und übersetzt sie gelegentlich. Sie engagiert sich außerdem für Frauenrechte und Frauensport und versucht dadurch, etwas im Land zu bewegen. Sie ist auch dafür bekannt, sich häufig zu politischen und gesellschaftlichen Themen in sozialen Netzwerken zu äußern. Über manche Äußerung oder Aktivität von ihr gab es schon Kontroversen in der iranischen Gesellschaft, die ab und zu noch zu einigen Problemen mit den Behörden führten. Ein Tattoo (ein Frauenpower-Zeichen) auf ihrem Unterarm, das auf einer Pressekonferenz in Teheran kurz zu sehen war, löste eine Feminismus-Debatte aus. Als Reaktion darauf postete sie auf Instagram: »Beruhigt euch! Ja, ich bin eine Feministin!«

Alidoosti wurde zu einer der wichtigsten Figuren der MeToo-Bewegung ihres Landes. Vor Kurzem hat sie mit etwa 800 anderen Akteurinnen der Film-Szene im Iran ein Statement gegen sexualisierte Gewalt in der Kino-Branche veröffentlicht. Sie wollten unter anderem, dass ein unabhängiges und professionelles Gremium gebildet wird, das sich um die Fälle der Opfer der sexualisierten Gewalt kümmert.

Im Wettbewerb des diesjährigen Cannes-Festivals wird sie im iranischen Drama »Leila’s Brothers« des Regisseurs Saeed Roustaee zu sehen sein, in dem sie die 40-jährige Leila spielt, die versucht, ihre Eltern und ihre vier Brüder aus der Armut zu befreien, und plant, ein Familienunternehmen zu gründen.

Kurz nachdem die Wettbewerbsfilme offiziell bekannt gegeben wurden, waren die sozialen Medien voll von gemeinsamen Fotos der drei Schauspielerinnen. Es hieß, die drei Iranerinnen würden nun um den Preis für die beste Darstellerin miteinander konkurrieren. Doch daraufhin schrieb Golshifteh Farahani auf Instagram: »Team-Mitglieder konkurrieren nicht miteinander. Der Cannes-Festival-Preis ist für mich bloß dieses Foto, auf dem wir alle drei nun nach Jahren in einem Rahmen zu sehen sind.« Die anderen beiden haben ebenfalls jenes gemeinsame Foto geteilt und von Schwesternschaft gesprochen. 

Das Cannes-Festival mag für manche ein Ort von Glamour und Selbstdarstellung sein, für diese drei Frauen aus einer Kriegsgeneration scheint es jedoch ein Ort des Zusammenhalts.

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