Der Selbstdenker

Lob der Geistfunken: Friedrich Dieckmann zum 85. Geburtstag

Bloch, Zola, Brecht - und Wagner: Friedrich Dieckmann denkt in Widersprüchen, nicht in Gegensätzen
Bloch, Zola, Brecht - und Wagner: Friedrich Dieckmann denkt in Widersprüchen, nicht in Gegensätzen

Jede Gegenwart hat die Tendenz, sich Vergangenheit wie Zukunft gleichermaßen zu entfremden. Sie ist eine blind-taube Unterwerfungsmaschine – und wer in ihr als Individuum überleben will, der muss zuerst in sich selbst Geistfunken zum Leuchten bringen. Dann erst eröffnen sich auch so dringend notwendige Perspektiven über das Hier-und-Jetzt hinaus.

Der Berliner Publizist Friedrich Dieckmann, Sohn des DDR-Volkskammerpräsidenten der ersten Stunde Johannes Dieckmann, geboren 1937 in Landsberg an der Warthe, lebt seit über sechzig Jahren das Leben eines unabhängigen Intellektuellen. Erst in der DDR, nun im vereinigten Deutschland. Seine Texte etwa für »Sinn und Form«, seine zahlreichen Bücher über Brecht, Schiller, Schubert, Wagner, Luther, Beethoven, thematische wie »Weltverwunderung« oder den Bühnenbildner Karl von Appen, zeigen einen universal gebildeten Autoren, der sich jedoch nie auf einen professoralen Habitus der Wissensausbreitung zurückzog. Nein, seine Bücher sind allesamt ebenso Welt- wie Selbsterkundungen.

In Leipzig studierte Dieckmann Philosophie bei Ernst Bloch, diesem starken Inspirator eines unorthodoxen Marxismus, dessen »Prinzip Hoffnung« heute mehr denn je ein Horizontöffner sein könnte, der uns selbst inmitten der Geschichte neu verstehen lehrt. Einfache Fragen, die schwer wiegen, angesichts etwa des Krieges in der Ukraine: Was kommt danach? Dauerhafte Abschottung gegen Russland, eine Art Limes gen Osten, wie sie die von der SPD geführte Bundesregierung betreibt, die im Expresstempo alle Einsichten ihrer einstigen Entspannungspolitik vergisst?

Bereits 2018 hatte Dieckmann in dem Aufsatz »Ratloses Erschrecken. Zum Stand der deutsch-russischen Beziehungen« das eigentliche Übel in einer herrschenden »Geschichtsvergessenheit« erblickt. »Eklatante Missstände im heutigen Russland« dürfe man nicht übersehen, zu denen »die Behinderung historischer Aufklärungsarbeit« gehört: Putins Russland habe »die leninistischen Machtstrukturen durch oligarchisch-monopolistische ersetzt und tat es an wiedererwachter Kirchenfrömmigkeit den USA beinahe gleich«. Jedoch dürfe darüber eines nicht aus dem Blick geraten, weiß der östlich des Eisernen Vorhangs sozialisierte Intellektuelle: »Das Problem ist nur, dass es die Politik des Westens war, die den neuen russischen Nationalismus begünstigt, ja geradezu herausgefordert hat.«

Solche Wahrheiten auszusprechen, erfordert Mut, ohne den jedoch der Intellektuelle seine Existenzberechtigung verlöre. Der Intellektuelle: In allen Gesellschaften ein Antipode der Macht, der dieser nicht genehm sein kann. Doch zur demokratisch verfassten Kultur des Umgangs gehört, dass die politisch Mächtigen einsehen, dass sie selbst ohne diesen beharrlichen Widerspruch niemals eine verantwortungsvoll gestaltende Politik, sondern bloß Machtsicherung betreiben könnten.

Dieckmann lesen, heißt, die Dinge von ihrer anderen Seite sehen lernen, einer Seite, die gerade nicht Konjunktur hat. Etwa den Beitrag der Ostdeutschen zur gesamtdeutschen Wiedergutmachung für Hitlers verbrecherischen Angriffskrieg auf die Sowjetunion betreffend. Das ging weit über die immensen Reparationsleistungen hinaus, förderte echte Beziehungen, sogar freundschaftliche. War das etwa falsch, wie die ewigen Kalten Krieger jetzt behaupten, die immer Feinde der Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr waren? In Dieckmanns Aufsatz »Was war die DDR?« (erschienen in seinem Suhrkamp-Band »Was ist deutsch?«) heißt es bündig: »Die DDR war der gelungene Versuch, die Deutschen an ihre neue Ostgrenze zu gewöhnen. … Bedenkt man, dass die vollständige und rückhaltlose Anerkennung der deutschen Ostgrenze von Seiten der Westrepublik erst 1990 erfolgt ist, so wird die Tragweite dieser Frage vollends deutlich.«

Mit Zola hat Dieckmann den Gestus des eingreifenden Denkens kultiviert – jenseits aller politischen Parteien und immer im Bewusstsein Walter Benjamins, dass in der Geschichte etwas an Zukunft voreilig begraben liegen könnte, was unserer Wiederentdeckung harrt. Das setzt eine Erwartung voraus, dass die Zukunft unserer Gestaltung obliegt, eine bessere werden muss. Misslingt diese Veränderung, droht der globale Supergau.

Der Selbstdenker folgt seiner Neugier, etwas im Althergebrachten neu zu entdecken, was für den Autor die Herausforderung des Entgrenzens (auch der einzelnen Genres untereinander) bedeutet. Warum sind die Dinge so wie sie sind und nicht anders? Blochs Utopie resultiert aus der Hochschätzung der Kategorie der Möglichkeit. Die Lust am Widerspruch, den es erst noch zu formulieren gilt. Darin zeigt sich die Kunst des Essayisten. Von Bloch gelernt hat Dieckmann auch das Ziehen von Linien durch verschiedenste Zeiten und Weltgegenden. In dem bei Aufbau erschienen Band »Wer war Brecht?« erfahren wir im Prolog, was es heißt, fruchtbar – also jenseits aller Originalitätssucht – zu denken und scheinbar nicht Zusammengehöriges zusammenzubringen. Ein Bogenschlag von Wagner zu Brecht: »Ein Bühnenautor, der wie Wagner als Inszenator sein Werk einer widerstrebenden Welt nahebrachte, indem er sein eigenes Theater gründete. Ein Vertriebener der Gegenrevolution, der, als er nach fünfzehnjährigem Exil nach Deutschland zurückkehrte, den Koffer so voll mit neuartigen Theaterstücken hatte, wie Wagner nach dreizehnjähriger Verbannung. Der andere deutsche antikapitalistische Weltdramatiker.«

Dem Widerspruch, der nur kurzzeitig zu verdrängen, nie dauerhaft zu lösen ist, folgt Dieckmann meisterlich bis ins historische und biographische Detail. Wir leben in einer als Einheit zu begreifenden Welt, auch im Geistigen; Frontstellungen und Teilungsfuror dagegen sind immer nur ideologisch-kurzschlüssig. Dafür mit dem eigenen Leben ein Beispiel zu setzen, denkend in ein noch unbekanntes Offenes zu verweisen, ist die Aufgabe des Intellektuellen – Dieckmann nimmt diese Aufgabe bis heute ernst, ohne dabei die Lust am Spiel mit den Worten zu verlieren.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal