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Nach dem Klassenerhalt beginnt bei Hertha das Stühlerücken

Im Relegations-Rückspiel von Hamburg retten die Berliner eine katastrophale Saison

  • Von Matthias Koch, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.
Hertha-Retter: Kevin-Prince Boateng am Ball
Hertha-Retter: Kevin-Prince Boateng am Ball

Um 4 Uhr in der Nacht erreichte der Mannschaftsbus von Hertha BSC das heimische Trainingsgelände. In Charlottenburg war am Dienstagmorgen kein einziger Fan zugegen, obwohl die Profis wenige Stunden zuvor den Klassenerhalt in der Bundesliga sichern konnten.

Zu feiern haben die Herthaner nach dieser Saison, die sowohl sportlich als auch in der Außendarstellung katastrophal verlief, sowieso wenig. Doch nach dem 2:0-Erfolg im Relegations-Rückspiel beim Hamburger SV konnte zumindest die 0:1-Heimpleite vom Hinkampf am Donnerstag kaschiert und der Supergau des siebenten Abstieges aus dem Oberhaus vermieden werden. »Ich bin überglücklich. Beide hätten es verdient, in der 1. Liga zu spielen. Wir waren die Glücklicheren«, sagte Hertha-Trainer und HSV-Legende Felix Magath.

Sein Team zeigte vor 55 000 Besuchern im ausverkauften Volksparkstadion eine der besten Saisonleistungen. Ein frühes Kopfballtor (4.) von Kapitän Dedryck Boyata nach Eckstoß von Marvin Plattenhardt verlieh den Gästen Sicherheit und dämpfte die Euphorie beim HSV.

Im zweiten Abschnitt hatte erneut Plattenhardt eine zündende Idee. Einen Freistoß schnippelte er von der rechten Außenbahn aus in die linke obere Ecke über den verdutzten Torwart Daniel Heuer Fernandes zum 2:0 ins Netz (63.). Zwei Jahre lang musste Plattenhardt auf ein Pflichtspieltor warten. Ausgerechnet in dieser wichtigen Partie schlug er zu.

Hertha wirkte tatsächlich ausnahmsweise mal wie eine Einheit. Diesmal experimentierte Magath auch nicht mit U19-Spielern in der Startelf. Erfahrung war Trumpf. Magath hörte sich sogar an, was »Anführer« Kevin-Prince Boateng zu sagen hatte. »Ich muss dem Trainer sehr viel Respekt zollen. Er hat mir freie Hand gegeben. Er hat mit gesagt, dass ich aussuchen kann, wer spielt«, sagte Boateng. »Mit ihm zusammen haben wir gut aufgestellt. Riesenkompliment an alle. Das war eine andere Hertha.«

Den kostbaren Zwei-Tore-Vorsprung brachte die »Alte Dame« auch über die sechsminütige Nachspielzeit. Selbst eine gelb-rote Karte für Lucas Tousart Sekunden vor dem Abpfiff fiel nicht mehr ins Gewicht. Sekunden später jubelte der Hertha-Tross inklusive der 6000 mitgereisten Anhänger als gäbe es kein Morgen mehr.

Torwart Oliver Christensen, der durch die Verletzungen von Alexander Schwolow und Marcel Lotka in der Relegation zu seinen ersten Pflichtspielen für die Hertha-Profis kam, riss sich das Trikot vom Leib und brüllte seine Emotionen heraus. In den folgenden Minuten feierten Spieler und Anhänger ausgiebig den Klassenerhalt.

Die Polizei- und Ordnerketten im Innenraum, die sicherheitshalber wegen der befürchteten Platzstürme vor beiden Fankurven aufmarschiert waren, mussten nicht eingreifen. Die Hamburger bedachten ihre Elf trotz des Verharrens in Liga zwei mit viel Beifall: »Ich bin stolz auf meine Mannschaft. Wir haben es mit den Zuschauern und dem Verein geschafft, über die Saison etwas entstehen zu lassen. Wir sind immer noch nicht am Ende, auch wenn momentan Leere entsteht«, sagte HSV-Trainer Tim Walter.

Bei Hertha wird und kann es nicht so weitergehen. Das große Stühlerücken begann bereits in Hamburg. Magath stieg gar nicht mehr ein in den Mannschaftsbus nach Berlin. Er erklärte seine Mission mit dem Klassenerhalt für beendet. »Beide Seiten waren sich einig, dass wir nach der Saison wieder Schluss machen. Ich habe mich nie mit etwas anderem befasst. Ich sehe es als selbstverständlich an, meine Sachen in Berlin wieder zu packen«, erklärte der 68-Jährige. Auch die Verteidiger Niklas Stark und Lukas Klünter verlassen den Klub. Mittelfeld-Leihgabe Arne Maier wird nicht aus Augsburg zurückkehren. Der Umbruch dürfte weitergehen, sonst droht Hertha in der kommenden Saison wieder Abstiegsgefahr.

An Urlaub kann die Vereinsführung noch nicht denken. Dort bahnen sich im Vorfeld der Mitgliederversammlung am kommenden Sonntag (11 Uhr) ebenfalls Personalwechsel an. Wegen des schwachen sportlichen Abschneidens und der Dauerfehde mit Investor Lars Windhorst steht insbesondere Präsident Werner Gegenbauer seit Monaten in der Kritik.

Mediale Meldungen über den bereits erfolgten Rücktritt Gegenbauers dementierte Hertha am Dienstag um 12.44 Uhr. Über zwei Stunden vorher vermeldete der Verein jedoch, dass man sich mit Finanzgeschäftsführer Ingo Schiller zum 31. Oktober 2022 auf eine vorzeitige Beendigung des Vertrages verständigt habe.

Dass Gegenbauer die Mitgliederversammlung übersteht, ist jedoch schwer vorstellbar. Gegenkandidaten wie der frühere Ultra-Vorsänger Kay Bernstein haben sich bereits positioniert.

In dieser Gemengelage muss der längst ebenfalls kritisch beäugte Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic einen neuen Trainer finden. »Ich bin sehr, sehr weit mit den Gesprächen. Es wird sicher so sein, dass wir in den nächsten Tagen einen neuen Trainer präsentieren können«, sagte Bobic am Dienstag. Der neue Coach darf sich vorerst weiter auf unruhige Zeiten bei der Hertha einstellen. »Es war alles belastend und für eine konzentrierte Zusammenarbeit nicht förderlich, wenn man Querelen im und um den Verein herum hat. Es sind so viele Dinge nicht rundgelaufen. Es gab im Grunde ein Problem neben dem anderen«, sagte Magath zum Abschied.

Immerhin: Es gibt parallel zum Klassenerhalt auch positive Aussichten. Am Sonntag (13 Uhr) empfängt Herthas U19 die A-Junioren von Borussia Dortmund zum Finale um die Deutsche Meisterschaft.

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