»Die Liebe machte mich wieder kriminell«

Ein brutales Buch: »Bis aufs Blut« von Kathy Acker wurde 1985 verboten. Jetzt ist es in neuer Übersetzung erschienen

Acker macht klar, wie sehr die Frau für ihr Begehren in dieser Gesellschaft zahlen muss: Die Autorin 1991
Acker macht klar, wie sehr die Frau für ihr Begehren in dieser Gesellschaft zahlen muss: Die Autorin 1991

Der wiedergegründete März-Verlag wartet mit feinen Büchern in seinem neuen Programm auf. Eines davon ist Kathy Ackers »Bis aufs Blut. Zerfleischt in der High School«, das nun in einer Neuübersetzung von Johanna Davids erscheint. Erstmalig war das Buch auf Deutsch 1985 unter dem Titel »Harte Mädchen weinen nicht« mit dem Untertitel »Ein Punkroman« bei Heyne herausgekommen. Tatsächlich haut die 1997 verstorbene Kathy Acker hier ziemlich auf die Kacke. In heutigen Zeiten ubiquitärer Empfindlichkeiten müsste der Roman eigentlich mit jeder Menge Trigger-Warnungen versehen werden: Es ist in einer derben Sprache gehalten (insgesamt 72 mal »ficken«, über 30 mal »Fotze«). Acker schreibt von »Homos« und »Tuntenfreunden«, schildert sadistische Geschlechtspraktiken und Sex mit Minderjährigen.

Doch Punk-Attitüde, Sexlastigkeit – das alles beschreibt nur die Oberfläche, denn das Buch ist gespickt mit literarischen Anspielungen und intertextuellen Bezügen. Und der Inzest-Vorwurf, der 1985 dazu geführt hatte, dass das Buch auf den Index gelangte, ist Auslegungssache: Der Roman beginnt mit der verzweifelten Liebesbeziehung der kindlichen Janey, der Protagonistin des Buches, mit Johnny, den sie »Daddy« nennt. Aber ist das wirklich der Vater? Oder nicht eher ihr Freund, dessen männliche Überlegenheit dadurch zum Ausdruck gebracht wird, dass Acker Janey als Kind ausweist, obwohl sie schon völlig eigenständig ist und lauter Dinge tut, die man erst als Erwachsene macht?

Bei der quälenden Energie, die hier geschildert wird, geht es denn auch eher um Grundsätzliches in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen, um Ausbeutungsverhältnisse, die in fluider Form dargestellt werden. Sie sind nicht wirklich greifbar, und dadurch drücken sich verschiedene Möglichkeiten von Abhängigkeitsverhältnissen aus, unter denen speziell Frauen leiden.

Der Text ist eine wilde Collage aus erzählerischen Passagen, Theaterdialogen, einem Märchen, abstrusen Gedichten, die angeblich Janey schreibt, und einer lapidaren Nacherzählung von »Der scharlachrote Buchstabe«, Nathaniel Hawthornes berühmter Roman von 1850, der in den USA bis heute Schullektüre ist. Acker hatte schon in früheren Werken eine Technik des literarischen Plagiierens entwickelt, indem sie sich die Texte anderer Autoren anverwandelte. Hawthornes Roman aus dem 19. Jahrhundert wird hier zur Punk-Story, in der alles auf krasse, einfache Fakten heruntergebrochen wird – man könnte sagen: ähnlich wie Sid Vicious »My Way« von Frank Sinatra (arrangiert von Paul Anka) interpretiert hat. Auch Bataille, Mallarmé, Burroughs und viele andere spielen in »Bis aufs Blut« eine Rolle. Der homosexuelle Mörder-Dichter Jean Genet wird sogar zu einer tragenden Figur im Text, zu ihm unterhält Janey auch eine eigene, toxische Beziehung.

Nach der verunglückten Liebesgeschichte mit »Daddy« Johnny, die den ersten Teil des Buches, überschrieben mit »In der High School« ausmacht, folgt das Großkapitel »Nach der High School«, in dem Janey sich, nunmehr allein in New York lebend, der Jugendgang »Scorpions« anschließt. Und sie unterhält, ohne besonders verliebt zu sein, eine Affäre mit Tommy, dazu heißt es lapidar: »Die Liebe machte mich wieder kriminell. Tommy und ich entführten Kinder. Beschmierten Häuserwände. Trugen gefährliche Waffen und benutzten sie. Taten alles, was wir konnten, um unser Urteilsvermögen zu betäuben, und handelten so unverhohlen brutal wie nur möglich. Schissen mitten auf die Straße. Attackierten Fremde mit zerbrochenen Flaschen. Schlugen Leuten harte Gegenstände über den Kopf. Zerfleischten Leute auf offener Straße. Zettelten Schlägereien und Krawalle an.«

Und Janey pflegt ziemlich hemmungslosen Sex – sie hat zwei Abtreibungen in Folge. Diese werden minutiös beschrieben, wodurch Acker klar macht, wie sehr die Frau für ihr Begehren in dieser Gesellschaft zahlen muss. Auch hier oszilliert die Erzählung zwischen realistischen Beschreibungen und surreal anmutenden Bildern: »In schwarz und weiß gekleidete Männer aus dem Hotel kommen rein und wollen mir wehtun. Sie schneiden Teile von mir ab. Ich verlange nach dem Chef des Hotels. Er erklärt mir, mein Zimmer war früher das Männerklo«.

Im weiteren Verlauf wird Janey entführt und an einen persischen Sklavenhändler verkauft, der sie zur Prostituierten machen will, doch sie bekommt Krebs, da lässt er sie gehen. Sie wendet sich nach Tanger, wo sie dann, wie erwähnt, auf Jean Genet trifft und am Ende unvermutet verstirbt.

Dieser ganze wüste bruchstückhafte Text ist kaum auf eine schlüssige Interpretation herunterzubrechen. Vielleicht gestaltet Acker darin eigene traumatische Beziehungserfahrungen, sie sind jedoch sicherlich in einen größeren, gesellschaftlichen Rahmen zu stellen. Es geht um die Rollenmodelle von Männern und Frauen, und es geht um die weibliche Lust – Ackers Texte erzählen, wie Rosa Eidelpes im Nachwort treffend schreibt, »nicht einfach Geschichten, sie vermessen vielmehr das Begehren.« Sie tun das auf manchmal brachiale, manchmal hermetische Art, sind aber immer suggestiv und eindringlich. Wenn die manische Sexbezogenheit mitunter auch etwas eintönig wirkt, tauchen doch immer wieder Stellen von großer literarischer Stärke und Prägnanz im Acker’schen Sprachstrudel auf.

Kathy Acker: Bis aufs Blut: Zerfleischt in der Highschool. Aus dem amerikanischen Englisch von Johanna Davids, mit einem Nachwort von Rosa Eidelpes. März Verlag, 212 S., brosch., 34 €.

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