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  • Filmfestival Cannes 2022

Superkräfte gewünscht

Ein Tag im Festivalgewühl von Cannes

  • Von Bahareh Ebrahimi, Cannes
  • Lesedauer: 5 Min.
Das offizielle Plakat des 75. Internationalen Filmfestivals von Cannes am Grand Théâtre Lumière
Das offizielle Plakat des 75. Internationalen Filmfestivals von Cannes am Grand Théâtre Lumière

Auf dem Film-Festival von Cannes sieht man sich manchmal mit banalen Fragen konfrontiert, ob man zur Premiere gehen soll, die etwa bis halb eins nachts dauert oder ob man das Ticket dieses Mal doch lieber cancelt, um zumindest etwas Schlaf nachzuholen. Premieren und Pressevorführungen um 22.30 Uhr sind auf diesem Festival gängig. Nicht ohne Grund gibt es im Pressebereich bis zur Mitternacht Kaffee! Lungo oder Espresso. Milch kommt hier nicht infrage – zu schwach für solch einen Filmmarathon.

Kommt man etwa gegen ein Uhr morgens aus dem Kino, sieht die Gegend immer noch wie eine Partymeile aus. Menschenmengen überall, Cafés, Bars und die Luxusrestaurants an den Stränden übervoll. Die Palmen vor dem Palais des Festivals leuchten grün. Die Möwen bewegen sich wie weiße Punkte im dunkelblauen Nachthimmel im Kreis. Man hat das Gefühl, man würde etwas verpassen, wenn man jetzt ins Hotel zurückginge; auf solch einem intensiven Festival werden einem die Grenzen der menschlichen Kräfte umso mehr bewusst. Kommt man jede Nacht erst gegen zwei Uhr im Hotelzimmer an (mit dem Wissen, den Wettbewerbsfilm, den man verpasst hat, kann man sich vielleicht am nächsten Tag noch um 8.30 Uhr anschauen), wünscht man sich für die Dauer des Festivals irgendwelche Superkräfte – etwa nicht schlafen zu müssen.

Die Intensität des Festivals überwältigte mich schon am ersten Tag. Vom Flughafen direkt an den Festivalort gefahren, Koffer irgendwo abgegeben, den Badge abgeholt, kaum Zeit, sich eine Flasche Wasser zu besorgen (vom Essen ganz zu schweigen), habe ich es gerade so geschafft, kurz vor dem Beginn des ersten Films im Kinosaal zu landen. Für den ersten Tag hatte ich mir vorgenommen, drei Filme anzusehen, mit jeweils einer halben Stunde Pause dazwischen (für die Vorstellungen jedes Tages musste man vier Tage vorher die Tickets buchen).

Man sagte, Cannes sei so klein, alles sei in der Nähe. Doch wegen der Barrieren und Zäune und verschiedenen Eingänge kann man sich nicht frei bewegen. Je nach der Art des Badges hat man einen anderen Zugang zu den Festivalräumen. Hat man versehentlich einen falschen Eingang gewählt, kann es passieren, dass man 20 Minuten braucht, um wieder aus dem Labyrinth herauszukommen. Taschen und Rücksäcke werden an jeder Tür kontrolliert. Am Ende des ersten Tages hatte ich schon ein anderes Zeitgefühl, erfahren müssen, dass eine halbe Stunde in Cannes kaum von Bedeutung ist. Erst nach fast sieben Stunden kontinuierlichem Filmeschauen habe ich es zu einem Stand mit Trinkwasser geschafft. Für den zweiten Tag hatte ich Tickets für fünf Filme; zwei davon habe ich sofort gecancelt.

Mancher Saal stinkt nach Mundgeruch, vor allem bei den Abendvorstellungen. War es früher (und früher heißt vor Covid-19) auch so, dass Kinosäle nach irgendetwas rochen? Oder ist man nun sensibler geworden, wenn man mal keine Maske aufhat? Apropos Maske, nur noch wenige Menschen tragen sie in den Kinosälen und anderen geschlossenen Räumen wie auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln in Cannes. Alle Plätze im Kino sind besetzt, man sitzt dicht beieinander. Und so fällt einem das Atmen der anderen auf. Man fragt sich während der Vorführung, ob die Frau neben einem leichten Schnupfen hat oder nur komisch atmet. Es stellt sich heraus: Sie weint. Manche holen auch Schlaf im Kinosaal nach! Diese beneide ich.

Bei den Premieren, die im Hauptsaal, im Grand Théâtre Lumière, gezeigt werden, ist auch das Film-Team dabei. Es wird über einen Roten Teppich ins Kino begleitet. Auch alle Zuschauer*innen schreiten über jenen, vor den laufenden Kameras der internationalen Presse. Ein kleiner Fame-Moment für alle! Und für diese paar Sekunden gibt es sogar Dress-Codes: Gala mit eleganten Schuhen ist angesagt. Kommt man spät genug, also kurz vor dem Beginn der Premiere, sind »die Stars« schon auf dem Roten Teppich, und man ist auf Tuchnähe zu ihnen. Die Stars: Das ist das Hauptthema des Cannes-Festivals. Auch wenn man es nicht vorhat, begegnet man irgendwelchen »Stars« hier und da. Da will man beispielsweise einfach nur die Straße überqueren, doch dann wird diese plötzlich von bewaffneten Polizisten gesperrt. Anscheinend sind einige Prominenten gerade unterwegs. Erst später fällt einem ein Gewimmel vor einem Hotel gegenüber auf. Der französische Schauspieler Louis Garrel (manche kennen ihn aus »Die Träumer« von Bertolucci) steigt gerade in einen BMW ein und wird dabei gefilmt. Schön, darf man jetzt endlich die Straße überqueren? Nein, die Einsteigszene muss wiederholt werden. Louis Garrel steigt dieses Mal mit etwas mehr Gelassenheit ein.

Um sich in der Stadt und zwischen den verschiedenen Kinos zu bewegen (mancher Veranstaltungsort liegt etwa eine halbe Stunde weit entfernt vom Zentrum), erhalten die Akkreditierten einen QR-Code, damit können sie während des Festivals die sogenannten Palm-Busse umsonst nutzen. Die Busse sind oft überfüllt. Wenn in einem Bus Menschen bereits wie Sardinen in der Dose aneinanderkleben, will man nicht einsteigen. Man ist etepetete und wartet lieber auf den nächsten Bus. Doch das kann lange dauern, und bis dahin ist wieder Gedränge an der Haltestelle, Menschen, die gerade aus einer Vorführung strömten. Das ist der Moment, in dem einem Social Distancing egal ist, so schubst man nun auch die anderen vor sich her und quetschst sich in den Bus. Das Einzige, was zählt, ist, eine Premiere auf der anderen Seite der Stadt nicht zu verpassen.

Nicht im ganzen Cannes herrscht solch ein Gedränge. Manches Hotel befindet sich weit weg vom Festival-Rausch und -Gewühl. Und wenn man gegen zwei Uhr morgens dort ankommt, gibt es keinen Menschen auf der Straße, es fahren vielleicht drei Autos an einem vorbei. In der Stille der Nacht klingen die im Kanal neben dem Hotel lebenden Frösche und die eifrig zirpenden Grillen wie komische Kreaturen in »Star Wars«. Man fühlt sich auf einem anderen Planeten angekommen.

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