Champagner aus Ostdeutschland

Die neuen Bundesländer wollen die Wasserstoffwirtschaft hochfahren - mit ungewissem Ausgang

  • Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.
Befüllung eines Tanklasters mit flüssigem Wasserstoff in Leuna
Befüllung eines Tanklasters mit flüssigem Wasserstoff in Leuna

»Bei der Transformation zu einer klimaneutralen Wirtschaft kann Ostdeutschland eine führende Rolle einnehmen.« So heißt es in der Abschlusserklärung des Treffens von Bundeskanzler Olaf Scholz mit den Regierungschefs der ostdeutschen Länder auf Riems. »Wasserstoff als Energieträger und -speicher kommt dabei eine besondere Rolle zu.«

Papier ist bekanntlich geduldig, und gerade in Ostdeutschland weiß man dies zur Genüge. Damit es im künftigen Energiebereich anders kommt, soll nun »unter Einbeziehung der Wirtschaft und anderer Akteure« eine gemeinsame »Interessenvertretung Wasserstoff Ostdeutschland« (IWO) gegründet werden. Auch die anderen Ergebnisse des Treffens passen hierzu: die Stärkung der Akzeptanz in der Bevölkerung für den Ausbau der erneuerbaren Energien, da grüner Strom in rauen Mengen im Wasserstoffbereich benötigt wird, und ein in diesem Jahr stattfindender »Fachkräftegipfel Ostdeutschland« – eine neue Technologie benötigt qualifizierte Beschäftigte mit neuen Kenntnissen.

Doch die Sache mit dem Wasserstoff ist heikel, da Ausgang und Erfolg noch offen sind, während aber bereits politische Weichen gestellt werden. Eigentlich bräuchte es für den Aufbau eine Art Planwirtschaft, die es bekanntlich nicht gibt. Und da es der Markt allein wegen der großen Unsicherheiten nicht richten wird, soll staatliche Förderung für den sogenannten Markthochlauf bis zur von der Bundesregierung gesetzten Zielmarke 2030 sorgen. Da hier in Zukunft viele Jobs und Wertschöpfungspotential winken und jedes Land etwas vom Kuchen abhaben will, schießen seit einigen Jahren Pilotprojekte bundesweit aus dem Boden. Die Gefahr besteht, dass sich die finanzstarken Länder hier durchsetzen und etwa der Osten auf der Strecke bleibt.

Dabei hat dieser, darüber sind sich Fachleute einig, große Potentiale für die Schaffung eines Wasserstoffsektors, der zu den deutschen Klimazielen passt. Das geht aus einem »H2-Masterplan für Ostdeutschland« hervor, den mehrere Fraunhofer-Institute auf Initiative des Leipziger Gasunternehmens VNG vor einem Jahr erarbeitet haben. Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg könnten demnach Überschussmengen an Strom aus Windkraft bereitstellen, es gibt Standorte mit Raffinerien und Chemieindustrie etwa in Schwedt, Leuna und Schwarzheide, Sachsen-Anhalt kann eine gut ausgebaute Speicherinfrastruktur vorweisen, Sachsen und Thüringen verfügen über Know-how im Anlagenbau bzw. in der Mess-, Steuer- und Regelungstechnik.

Die Fraunhofer-Experten sehen das Erfolgsgeheimnis in den »komplementären« Profilen und einem »hervorragendem Fundament für eine bundesländerübergreifende Zusammenarbeit«. Gewarnt wird die Politik davor, »den Aufbau von Doppelstrukturen oder gar Kannibalisierungseffekte zwischen einzelnen Regionen zu verhindern«. Die Botschaft scheint angekommen zu sein, denn die Empfehlungen finden sich fast wortgleich in der Riemser Erklärung. Die IWO müssten dann gar nicht so sehr die Aufgabe haben, dem wirtschaftlich übermächtigen Westen Paroli zu bieten, sondern für Kooperation im Osten zu sorgen, damit Länder oder einzelne Regionen hier nicht gegeneinander arbeiten.

Natürlich nicht zufällig inmitten der aktuellen Energiekrise kommt die Wasserstoffinitiative. Sie hilft zwar nicht kurzfristig gegen hohe Preise oder die Probleme mit dem Embargo gegen russisches Pipelineöl, womit ausgerechnet die beiden letzten Raffinerien im Osten zu knabbern haben. Wasserstoff ist aber der Stoff, aus dem die mittelfristigen Zukunftsträume in Leuna und Schwedt sind. Der Bedarf an der Weiterverarbeitung von Rohöl wird im Zuge der Elektrifizierung des Straßenverkehrs und der Wärmewende bei Gebäuden schon in den kommenden Jahren rapide sinken und spätestens in den 2030er Jahren verschwinden. Einige Raffineriestandorte steigen bereits um: So errichtet der Linde-Konzern in Leuna eine Anlage, in der mit Ökostrom Wasser aufgespalten und grüner Wasserstoff gewonnen werden soll. Der laut Eigendarstellung »weltgrößte« Elektrolyseur geht gemäß Planung Ende des Jahres in Betrieb. Noch weiter ist die Rheinland-Raffinerie in Wesseling bei Köln, wo Wasserstoff bereits hergestellt wird und die Rohölverarbeitung 2025 zu Ende gehen soll.

Neben der Wasserstoffherstellung hoffen die Raffinerien besonders auf die Produktion von synthetischen Kraftstoffen, für deren Erzeugung wiederum große Mengen Wasserstoffs und grünen Stroms gebraucht wird. In welchen Mengen dieser dereinst benötigt werden wird, ist aber noch völlig unklar. Teile der Politik und die Wasserstofflobby werben für breiten Einsatz im Straßen-, Schiffs- und Flugverkehr, beim Heizen und in Industrieprozessen. Klimaschützer hingegen wollen Wasserstoff weitgehend auf eine Speicherfunktion für Überschüsse bei erneuerbaren Energien beschränken. Auch die DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert warnt, Wasserstoff sei keineswegs »das neue Öl«, sondern »der Champagner unter den Energieträgern«. Die Herstellung von Wasserstoff erfordere drei- bis fünfmal so viel Energie wie die direkte Nutzung der Erneuerbaren. Da solche Strommengen nie zur Verfügung stehen werden, werde man Wasserstoff »vernünftigerweise nur dort einsetzen, wo es keine andere – vor allem elektrische – Möglichkeit gibt«. Das wären dann wohl die Stahlindustrie und die Luftfahrt.

Die in Legislaturperioden denkende Politik stellt sich diese Grundsatzfrage bisher nicht wirklich. Auch in der Riemser Erklärung des Kanzlers und der Regierungschefs heißt es lediglich nebulös: Neue Schlüsseltechnologien wie Wasserstoff »bieten Ostdeutschland große Chancen für die wirtschaftliche Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten«.

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