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Chancen verbummelt

Mängel im Bildungssystem sind schon lange bekannt

Die Schulen befinden sich im Ausnahmezustand: Erst hatten sie die Corona-Pandemie zu bewältigen, jetzt nehmen sie viele ukrainische Kinder und Jugendliche auf.
Die Schulen befinden sich im Ausnahmezustand: Erst hatten sie die Corona-Pandemie zu bewältigen, jetzt nehmen sie viele ukrainische Kinder und Jugendliche auf.

Eine Grundschule am Kollwitzplatz im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg will den anhaltenden Mangel an Lehrkräften auf eigene Weise regeln. Der Unterrichtsstart soll eine halbe Stunde auf 8.30 Uhr nach hinten verlegt und die Schulstunden um fünf Minuten verkürzt werden. In der Diskussion sind solche Maßnahmen schon länger. Die Erziehungsgewerkschaft GEW hat kürzlich auf ihrer Jahrestagung Alarm geschlagen. Der Fachkräftemangel drohe aus dem Ruder zu laufen, sagte GEW-Vorsitzende Maike Finnern. »In den kommenden fünf bis sechs Jahren fehlen uns 200 000 Beschäftigte in der frühkindlichen Erziehung und 250 000 in den Schulen.«

Als aber am Donnerstag der aktuelle Nationale Bildungsbericht für Bund und Länder vorgestellt wurde, hat sich ein anderes Bild gezeigt. Es herrschte fast Zufriedenheit, zeigt die Erhebung doch, dass zunehmend mehr Geld ins Bildungssystem gesteckt wird. Immer mehr Menschen erwerben außerdem die Hochschulreife, während die Zahl der Schulabbrechenden sinkt. Trotzdem gibt es Gesprächsbedarf.

Die Debatten fangen jetzt erst an, sagte Oliver Kaczmarek, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, am Dienstag auf einer Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung. Denn der Bildungsbericht offenbart Ambivalenzen. Zwar sei eine zunehmende Akademisierung zu beobachten, doch Kaczmarek erinnerte auch an eine große Gruppe von Menschen, die soziokulturell benachteiligt sind und auf der Strecke bleiben. Das Problem ist bekannt. In internationalen Vergleichen bezüglich der schulischen Kompetenzen von Kindern schneidet Deutschland vor allem wegen dieser großen Gruppe von Benachteiligten oft mittelmäßig ab. Als Burkhard Jungkamp, Moderator der Konferenz, dies ansprach, herrschte Schweigen.

Doch was könnten die nächsten Schritte sein, um diesem Missstand entgegenzuwirken? Kai Maaz vom Leibniz-Institut für Bildungsforschung räumte ein, dass früher vor allem vor dem Schulwechsel Maßnahmen ergriffen wurden, um Benachteiligte zu fördern. Mittlerweile gebe es die Erkenntnis, dass damit schon in der Kita begonnen werden müsse. Dort gebe es bereits effiziente Programme zur Sprachförderung, erklärte Kaczmarek. Außerdem sollen Mittel aus dem Gute-Kita-Gesetz verstetigt werden.

Rainer Schulz, Staatsrat der Schulbehörde in Hamburg, forderte eine vorausschauende Politik: »Jetzt gibt es einen Geburtenzuwachs, viele Kinder kommen aus migrantischen Familien, haben sozial nicht die besten Voraussetzungen.« Dafür müssten rasch Strukturen geschaffen werden. Das heißt auch, dass der Personalbedarf gedeckt werden muss. Hamburg habe die Zahl der Studienplätze ausgeweitet und neue Referendariatsplätze geschaffen, so Schulz. Zudem seien 44 neue Schulen gebaut worden.

Um dem unmittelbaren Fachkräftemangel zu begegnen, sieht Schulz noch Potenzial darin, die in Teilzeit arbeitenden Lehrerinnen und Lehrer zu einer Verlängerung ihrer Arbeitszeit zu bewegen. Ob das Erfolg haben wird, ist fraglich. Denn in einer Umfrage der Robert-Bosch-Stiftung gaben viele Lehrkräfte an, dass die Belastung durch die Corona-Pandemie und den Fachkräftemangel groß sei und sie sogar mit dem Gedanken spielen, die Arbeitszeit zu verkürzen.

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