Lehrkräfte sind platt

Das am Donnerstag vorgestellte Schulbarometer gibt Einblicke in den Alltag von Lehrer*innen, die oft unter Druck stehen.

Die Lehrkräfte arbeiten in den Schulen oft am Limit.
Die Lehrkräfte arbeiten in den Schulen oft am Limit.

Die Ergebnisse des Schulbarometers sind wenig überraschend. Sie offenbaren vielmehr Schwachstellen im System, die es schon lange gibt. 84 Prozent der befragten Lehrkräfte gab laut einer Untersuchung der Robert-Bosch-Stiftung an, dass sie derzeit stark belastet seien. 62 Prozent von ihnen leiden und körperlicher und 46 Prozent unter mentaler Erschöpfung. Ein Ausweg liegt nahe: Mehr als jede zehnte Lehrkraft möchte die Arbeitszeit im kommenden Schuljahr reduzieren.

Die Pädagoginnen und Pädagogen sind offenbar nach zwei Ausnahme-Schuljahren ausgelaugt. Im April, als die Befragung stattfand, stellte die Bewältigung von Corona-Maßnahmen die größte Herausforderung dar (38 Prozent), gut ein Viertel gab an, dass der anhaltende Personalmangel belaste (26 Prozent) und Verhaltensauffälligkeiten bei Schülerinnen und Schülern eine große Aufgabe sei (21 Prozent).

Verschiedene Studien haben schon bestätigt, dass Kinder und Jugendliche in besonderem Maße unter der Pandemie gelitten haben, weil Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen massiv die Alltagsstruktur verändert haben. Dadurch werden bei ihnen vermehrt Zukunftsängste, Leistungsdruck und Vereinsamung beobachtet. Auch fast alle Lehrkräfte sehen seit Beginn der Pandemie einen deutlichen Anstieg von Verhaltensauffälligkeiten. 80 Prozent der Befragten berichteten von einer Zunahme von Konzentrations- und Motivationsproblemen und 42 Prozent ist ein aggressives Verhalten aufgefallen. Ebenso viele beobachten Zurückgezogenheit und Niedergeschlagenheit.

Beträchtlich sind in der Wahrnehmung der Lehrerinnen und Lehrer auch die Lernrückstände, die im April deutlich höher als im September davor eingeschätzt wurden. Insbesondere an Schulen, in denen viele Schülerinnen und Schüler in ihrer Familie eine andere Sprache als Deutsch sprechen. Dreiviertel der Lehrkräfte meinen, dass die Kinder und Jugendlichen in der Schule nicht die Unterstützung erhalten, die sie eigentlich bräuchten. Und eine Mehrheit der Befragten (59 Prozent) wünscht sich eine bessere pädagogische Betreuung.

Unterm Strich bestätigt die Umfrage, dass der Unterricht zwar nicht mehr oft in sanierungsbedürftigen Gebäuden stattfinden muss, wie noch vor einigen Jahren, aber noch immer eine Mängelverwaltung ist. »Lehrkräfte stehen enorm unter Druck«, sagte die Bildungsexpertin Dagmar Wolf von der Robert-Bosch-Stiftung bei der Präsentation der Studie. Das Schulsystem stecke in einem Teufelskreis aus »Überlastung durch Lehrkräftemangel und Lehrkräftemangel durch Überlastung«, erklärte die GEW-Vorsitzende Maike Finnern. »Da kommen wir nur raus, wenn die Politik bereit ist, insgesamt mehr Ressourcen ins System zu stecken – auch durch mehr Schulsozialarbeit, schulpsychologische Betreuung und weiteres zusätzliches Personal etwa in der Verwaltung.« Diese Forderungen äußern Bildungsexpertinnen und -experten schon lange.

Eines überrascht bei der Befragung dann aber doch: Dreiviertel der Lehrerinnen und Lehrer (74 Prozent) gab dennoch an, mit ihrem Beruf nach wie vor zufrieden zu sein.

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