• Berlin
  • Protest gegen Lieferdienst

Lieferando-Fahrer auf Firmen-Party unerwünscht

Weil ihr Arbeitgeber sie von einer Poolparty ausschließt, protestieren Lieferandos Auslieferer mit eigenem Plantschbecken

  • Von Moritz Aschemeyer
  • Lesedauer: 4 Min.
Ausliefern bei knallender Hitze: Während die Verwaltungsangestellten von Lieferando eine Poolparty feierten, war den Fahrer*innen keine feuchtfröhliche Feier gegönnt.
Ausliefern bei knallender Hitze: Während die Verwaltungsangestellten von Lieferando eine Poolparty feierten, war den Fahrer*innen keine feuchtfröhliche Feier gegönnt.

Trotz wolkenverhangenen Himmels herrscht einiger Andrang vor dem »Haubentaucher« an der Revaler Straße in Friedrichshain. Viele Gäste haben sich schick gemacht, einige tragen knallorange Jacken des Essenlieferdienstes Lieferando. Das Unternehmen hat für den Freitagabend zur Sommer-Pool-Party in den hippen Club auf dem RAW-Gelände geladen, zum Nach-der-Arbeit-Event zur Stärkung von »Zusammenarbeit und Teamgeist«, wie Lieferando auf Nachfrage mitteilt.

Doch nicht alle Mitarbeiter*innen haben Zutritt. »Fahrer und Zeitarbeiter« waren laut Veranstaltungsankündigung explizit nicht erwünscht. Gegenüber dem Eingang protestiert das »Lieferando Workers Collective« (Lieferando-Arbeiter-Kollektiv), in dem sich Berliner Fahrer*innen organisieren, daher mit einer Kundgebung gegen ihre Ausladung. Etwa 50 Menschen haben sich hier versammelt. Fahrer*innen von Lieferando sind darunter. Doch auch Beschäftigte anderer Lieferdienste wie Gorillas, Getir oder Flink zeigen sich solidarisch und halten Grußworte. Sogar einen Pool hätten sie mitgebracht, sagt ein Redner scherzhaft und zeigt auf ein kleines, aufblasbares Planschbecken. »Wir verdienen leider nicht so viel, deswegen hat es nur hierfür gereicht. Springt gerne mal rein.«

Die meisten Büroangestellten, die diese Aktion passieren müssen, um zur Diskothek zu gelangen, ignorieren die Protestierenden geflissentlich. Ihr Desinteresse wird teilweise mit Buhrufen und Sprechchören quittiert. Konfrontationen bleiben jedoch aus. Ein Vertriebsmitarbeiter, der seinen Namen nicht nennen möchte, bleibt kurz stehen: »Ich bin ganz bei euch«, meint er. »Ich gehe hier heute mit einem schlechten Gewissen hin.« Er verstehe zwar, dass das Geschäft auch während der Party weiterlaufen müsse. Allerdings liege ihm daran, dass sich alle bei Lieferando im selben Boot wähnten. »Ich hätte es schön gefunden, wenn man zum Beispiel die Beschäftigten eingeladen hätte, die gerade keine Schicht haben.«

Auf der Kundgebung wird schnell klar: Die Beschwerden der Beschäftigten gehen weit über die heutige Ausladung hinaus. Bereits im Februar hatte das Unternehmen einen Skiausflug für 5400 Büromitarbeiter*innen organisiert. Die Kosten dafür sollen sich laut Nachrichtenportal »Bloomberg« auf 15 Millionen Euro belaufen haben.

»Das Unternehmen behauptet, für uns gäbe es Grillabende und Stammtische«, sagt eine, die seit einem halben Jahr bei Lieferando arbeitet. Von Grillabenden habe sie noch nie gehört, die Stammtische gebe es erst seit kurzem. »Dazu werden maximal 20 von 1700 Fahrern eingeladen, es gibt ein Freigetränk und dann sollen wir noch Verträge unterschreiben, damit Lieferando die Fotos davon verwerten kann.« Die Ausladung sei nur die Spitze des Eisberges. »Wir wollen faire Löhne, sichere Arbeitsbedingungen und Anerkennung«, sagt die Frau.

Andere Fahrer kritisieren neben der als Deklassierung empfundenen Behandlung der Fahrer*innen, dass es derzeit weniger Schichten für die Fahrer*innen und teilweise weniger Lohn gebe. Angestellte würden zudem kurz vor dem Ende der Probezeit entlassen, heißt es. Auch sei es so, dass man sich Arbeitsmittel erst einklagen müsse und vieles nur auf Nachfrage geschehe. Vergangenen November hatten zwei Lieferfahrer vor dem Bundesarbeitsgericht erstritten, dass in Zukunft Diensthandys und Dienstfahrräder vom Arbeitgeber gestellt werden müssen.

»Auch in anderen Unternehmen ist es normal, dass für verschiedene Bereiche verschiedene Feiern veranstaltet werden«, sagt Lieferando-Pressesprecher Oliver Klug gegenüber »nd«. Die Fahrer*innen seien im Unterschied zu den meisten Büroangestellten nicht bei »yd.yourdelivery«, sondern bei der Schwestergesellschaft »Takeaway Express« beschäftigt. Das Geschäft sei sehr saisonal, es komme daher vor, dass Fahrerinnen derzeit weniger Schichten bekommen als noch zu Hochzeiten während der beiden Corona-Winter, sagt Klug. »Allerdings kriegen die Beschäftigten weiterhin ihre Stunden nach Vertrag bezahlt, auch wenn sie keine Schichten haben«, betont der Pressesprecher. Er hebt die betriebliche Mitbestimmung im Unternehmen hervor. Seit 2019 gibt es einen deutschlandweiten Gesamtbetriebsrat. In Berlin ist die Betriebsratswahl für diesen August geplant. Bei den Kurier*innen herrscht derweil Skepsis darüber, dass dabei alles problemlos ablaufen wird. »Wir haben gute Anwälte und sind auch auf mögliche gerichtliche Auseinandersetzungen vorbereitet«, lässt einer von ihnen wissen.

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