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Schicksalsjahre eines Stinkefingers

In »Corsage« zeigt Marie Kreutzer eine Kaiserin Sisi, die gegen das höfische Leben rebelliert

So fühlt es sich an, wenn man zu groß ist für das Leben, das für einen vorgesehen ist.
So fühlt es sich an, wenn man zu groß ist für das Leben, das für einen vorgesehen ist.

Fester, immer fester sollen die Kammerzofen die Schnüre des Mieders ziehen. Schaffen sie das nicht, sind sie wahlweise zu schwach, zu hässlich, zu jung oder zu dumm. Nach unten tritt es sich immer noch am besten. Ein Leben als Kaiserin von Österreich-Ungarn ist äußerst entbehrungsreich, und die Unzufriedenheit darüber bricht sich an zahlreichen Stellen Bahn. Natürlich ist die Corsage ein Bild für das Leben am Hof, das genauso wenig Luft zum Atmen lässt.

Regisseurin Marie Kreutzer (»Was hat uns bloß so ruiniert«, »Der Boden unter den Füßen«), mit einem Faible für Frauen am Rande des Wahnsinns, inszeniert in »Corsage« die »Sissi«-Trilogie des vergangenen Jahrhunderts auf anarchistische Art neu in einem Film. Vom bombastischen Kostümkitschreigen Ernst Marischkas ist rein gar nichts mehr übrig. Warum auch? Alles andere als ein künstlerischer Sockelsturz wäre auch eine Beleidigung für die Zeit, in der wir leben. Hinter Pablo Larraíns Frauenporträts »Jackie« (über Jacqueline Kennedy) oder »Spencer«, der vom düsteren Prinzessinnendasein Diana Spencers erzählt, kommt kein Film mehr zurück. Auch nur der Hauch von unauthentischem Märchenfirlefanz ist nicht weniger als eine filmische Konterrevolution. Echt ist der Stoff nur dann, wenn Leid und Schmerz auf Fassade und Konventionen treffen.

Und so reiht sich auch »Corsage« ein in die Riege der Filme, denen es ein Anliegen ist, die möglichst schattigsten Schattenseiten eines Lebens im goldenen Käfig zu zeigen. Fast rotzig inszeniert Kreutzer eine visuell ansprechende Ohrfeige für all jene, die in Filmen gerne den Anschlussfehler suchen und neckisch dem Sitznachbarn von Anachronismen erzählen, weil bei »Indiana Jones« eine Casio-Armbanduhr zu sehen ist. Denn historisch stimmt offensichtlich so einiges nicht.

Die krassen Brüche sind ein sehr dominantes Stilmittel dieses düsteren Biopics. Eine Musikerin spielt an einem lauen Sommerabend »As Tears Go By« von den Rolling Stones in einer bezaubernden Harfen-Version im kaiserlich-königlichen Garten. Kaiserin Elisabeth (Vicky Krieps) wird vom Franzosen Louis le Prince zehn Jahre vor Erfindung der Filmkamera auf einer Wiese hüpfend in Szene gesetzt, die Fesseln des höfischen Protokolls sind hier für einen kurzen Augenblick gesprengt. Den Kammerdiener ihres Gatten Franz Joseph (Florian Teichtmeister) nennt Sisi ein »Arschloch«. Beim Verlassen eines pompösen Abendessens zeigt sie der versammelten Hofburg-Gesellschaft demonstrativ den Stinkefinger. Ihrem Arzt, der ihr erklärt, sie hätte nun, mit 40, das durchschnittliche Sterbealter einer Monarchin erreicht, streckt sie die Zunge raus. All das wäre, dosiert eingesetzt, eine gelungene Inszenierung einer einsamen Frau auf der Suche nach einem selbstbestimmten Leben. In »Corsage« aber wird das Fuck-off einer eingesperrten Privilegierten zur öden, weil plakativen Anti-Attitüde, die seltsam pubertär wirkt.

Zwar zeigt Kreutzer eine Sisi, die, wie aus Tagebüchern und Aufzeichnungen gut dokumentiert ist, einem extremen Körperwahn verfallen ist, zum Mittag ein paar Orangenscheiben isst und zum Abend nur Fleischbrühe trinkt; eine Sisi, die von allen Seiten ständig in netten Liedchen vorgetragen bekommt, wie hübsch und schön sie für immer bleiben soll, und daran mehr und mehr zerbricht und die, ständig auf der Flucht, durch halb Europa reist, nur um nicht Kaiserin sein zu müssen. Aber genau dann, wenn es um ein wirklich radikales, weil nicht symbolisches, Aufbegehren gegen ihre Käfighaltung geht, bleibt die Figur der Sisi eigenartig blass. Etwa, wenn sie mit Franz Joseph, der noch depressiver wirkt als sie, beim Essen über die Lage in Sarajevo sprechen will.

Sisi wird – natürlich – in die Schranken gewiesen, ihr hübsches Mündchen zu halten. Mehr als auf den Tisch zu hauen, fällt ihr dann aber auch nicht ein. Dabei war Elisabeth gebildet, sprach mehrere Sprachen, ließ sich morgens beim Sport (um noch dünner zu werden) die Zeitungen vorlesen – irgendwas Geistreiches zur politischen Lage wäre ihr schon eingefallen. Stattdessen schneidet sie sich lieber die Haare ab oder springt aus dem Fenster und bricht sich dabei das Bein, wütet auf dem Bett wie ein Kleinkind, weil man ihr Pferd nach einem Sturz erschossen hat und sie kein neues will. Alles klar, jetzt hat es jede*r verstanden, sie hat wohl keinen Bock auf das Kaiserin-Ding.

Dabei hat Vicky Krieps’ (»Der seidene Faden«) Interpretation der Sisi starke Szenen. Es sind die leisen, in denen ein Blick ausreicht, um die Tragik der Figur zu zeigen: Wenn sie, mit hübsch drapierten Bonbonschachteln als Geschenk, eine Psychiatrie für Frauen besucht, um dort ihre verhassten repräsentativen Aufgaben wahrzunehmen, eine an Händen und Füßen gefesselte Frau in einer Art Käfigbett beobachtet und dabei erkennt: Das bin auch ich. Oder der Mut, Sisis Augenringe zu zeigen, die manchmal bis zum Fußboden zu hängen scheinen; die schier ellenlangen Haare wirken oft zerzaust, statt zu einem exquisiten Wespennest drapiert. Eine Frau mit 40 sieht aus wie eine Frau mit 40. Das ist schon selten genug im Kino.

»Corsage«, der auf dem Filmfest in Cannes Premiere feierte, ist eine radikal-moderne Interpretation des höfischen Dramas um Erwartungen, Etikette, Misogynie und Selbsthass. Leider kommt sie mindestens fünf Jahre zu spät, und die Erwartungshaltung ist hoch, denn die filmische Dekonstruktion historischer Prinzessinnenstoffe ist mit »The Crown« schon brillant umgesetzt worden. Dem fügt »Corsage« leider nichts Neues hinzu. Ernst Marischkas »Sissi«-Dreiteiler aus den 50er Jahren versprach dem deutschen Nachkriegspublikum Zerstreuung, und die bekam es auch. Romy Schneider war die liebe Mutter, sauschöne junge Frau, kesse Liebhaberin. Sie gab alles – Hauptsache, für ein paar Hundert Minuten Deckel drauf auf die Frage nach Schuld und Verantwortung.

Heute wirkt das zu Recht altbacken und repressiv. Inzwischen soll die Frau im historischen Film mindestens authentisch leiden, darf aber kein Opfer sein und muss besser noch rebellieren gegen alles, was ihr von außen aufgezwungen wird. Das ist maximal authentisch, wird aber in »Corsage« fast grotesk überstrapaziert. In Filmen wie »Curie«, der das Leben der Physikerin Marie Curie nachzeichnet, oder »Hidden Figures« über Frauen bei der Nasa gelingt es, die große Leistung von historischen Heldinnen zu würdigen, nämlich auf Konventionen einen Scheiß zu geben und ihren Überzeugungen zu folgen, auch ohne ständig den nackten Hintern in die Kamera zu halten.

»Corsage«, Deutschland, Österreich, Luxemburg 2022. Regie und Drehbuch: Marie Kreutzer. Mit: Vicky Krieps, Colin Morgan, Finnegan Oldfield, Tamás Lengyel, Florian Teichtmeister. 113 Minuten. Start: 7. Juli.

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