Ein Unwetter namens Dürre

In großen Teilen Südwesteuropas hat es schon seit dem Winter viel zu wenig geregnet

  • Kurt Stenger
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist »schönes Wetter« vorhergesagt – so hätte man in einer Zeit, als der Klimawandel noch nicht seine sichtbaren Spuren hinterließ, die Deutschland-Prognose für diese Woche zusammengefasst: sonnig, über mehrere Tage Temperaturen um 30 bis zu lokal 40 Grad Celsius, kein Regen in Sicht. Der Grund ist ab Dienstag/Mittwoch einströmende Warmluft aus der Sahara. Für hitzegefährdete Risikogruppen könnte die Woche wieder zur Herausforderung werden.

In Südeuropa ist gar mit Temperaturen bis zu 45 Grad zu rechnen. Nach den vielen Wochen mit Dürre und Hitze muss man in großen Gebieten von Frankreich sowie Nord- und Süditalien von einer Unwetterkatastrophe sprechen. »Seit dem Frühjahr 2022 gab es über Europa eine ausgedehnte Trockenheit mit zum Teil bedeutenden Auswirkungen auf die Wasserstände und die Landwirtschaft sowie Einschränkungen bei der Wassernutzung«, heißt es in einer aktuellen klimatologischen Aufstellung des Deutschen Wetterdienstes (DWD).

In vielen Regionen war es schon im Winter davor zu trocken. Laut den DWD-Experten betraf das vor allem Südwesteuropa, besonders die Iberische Halbinsel sowie Teile von Frankreich, Nord- und Süditalien. Gerade im mediterranen Klima spielen die Winterniederschläge eine wichtige Rolle, da es hier im Sommer schon im Normalfall wenig regnet. Im Frühjahr regnete es immerhin in Teilen Spaniens und Portugals überdurchschnittlich. Im übrigen Europa lag die Niederschlagsmenge bei unter 80 Prozent des langjährigen Mittels der Jahre 1991 bis 2020, regional sogar bei deutlich unter 60 Prozent. Auch in Deutschland haben zahlreiche Städte und Kreise die Wasserentnahme aus Flüssen, Bächen oder Seen auf bestimmte Tageszeiten beschränkt oder ganz untersagt. Daran hat das kurze Regenintermezzo jetzt nichts geändert.

Meteorologisch lässt sich die Trockenheit recht einfach erklären, da dies in Europa mit ausgedehnten Hochdrucklagen zusammenhängt. Nach Angaben des DWD war im Winter 2021/22 das Azorenhoch stark ausgeprägt und breitete sich auch weit bis nach Südwesteuropa aus. Im Frühjahr 2022 herrschte dann sogar über weiten Teilen Europas Hochdruckeinfluss vor. Hohe Temperaturen verschärfen das Problem der Wasserknappheit, indem sie die Verdunstung und die Wasseraufnahmefähigkeit der Luft steigern. Da gleichzeitig die Vegetation früher einsetzt, entziehen Pflanzen zudem mehr Wasser aus dem Boden.

Dass das Ganze irgendwie mit dem Klimawandel zusammenhängt, ist klar – mit der Erderwärmung steigen die Temperaturen, und es kommt vermehrt zu Dürren. Doch in Europa haben Hitzewellen drei- bis viermal schneller zugenommen als in den übrigen nördlichen mittleren Breitengraden wie etwa in den USA oder Kanada, wie ein internationales Forscherteam unter Leitung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in einer Studie herausfand. Die Experten führen dies auf Veränderungen in der atmosphärischen Zirkulation zurück: Die Phasen, in denen sich der Jetstream, der die nördliche Hemisphäre der Erde in etwa zehn Kilometer Höhe von Westen nach Osten umströmt, in zwei Äste aufspaltet, halten länger an, und dies sorgt für mehr Hitzewellen im gesamten westeuropäischen Raum. Als mögliche Erklärung dafür kommt laut der Studie die verstärkte Erwärmung der hohen Breiten insbesondere über Landregionen wie Sibirien, Nordkanada und Alaska in Betracht: »Dieser zunehmende Temperaturunterschied zwischen Land und Ozean begünstigt das Fortbestehen von Doppel-Jet-Zuständen im Sommer«, so Mitautor Dim Coumou, Forscher am Institut für Umweltstudien (IVM) der Vrije Universiteit Amsterdam.

Auch die Klimaexperten des Deutschen Wetterdienstes gehen langfristig davon aus, dass die Niederschläge im Mittelmeerraum je nach Ausmaß der globalen Erwärmung abnehmen. »Im Sommer besteht für die Zukunft die Gefahr eines verstärkten Ausgreifens der Trockenheit auch auf Mittel- und vor allem Westeuropa.« Sprich: Dürreperioden werden sich in Zukunft häufen.

Auch für die kommenden Monate haben die Meteorologen schlechte Nachrichten: Das saisonale Klimavorhersagesystem des DWD erwartet, dass es bis einschließlich September in Europa mit Ausnahme des Nordens und Griechenlands zu trocken sein wird. Solche Vorhersagen sind natürlich mit Unsicherheiten verbunden. Vielleicht kommt doch noch schönes Wetter – mit dem vielerorts ersehnten anhaltenden Regen.

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