Freiheit durch Fußball?

Weil die Weltmeisterschaft in Katar ein Politikum ist, sind die Diskussionen darüber komplex und kompliziert

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.
Machen es sich Fußballfans und andere zu einfach mit Boykottforderungen der WM?
Machen es sich Fußballfans und andere zu einfach mit Boykottforderungen der WM?

Um die Abhängigkeit von Gaslieferungen aus dem kriegstreibenden Russland zu beenden, hat die Bundesregierung jüngst eine Energiepartnerschaft mit Katar beschlossen. Die Kritik hielt sich angesichts der zu erwartenden eigenen Notlage in Deutschland in Grenzen. Dabei bietet das Emirat mit Blick auf die Menschenrechte aus westlicher Sicht etliche Angriffspunkte. Nur ein Beispiel: Der jährlich von der Nichtregierungsorganisation Freedom House veröffentlichte weltweite Freiheitsindex stuft Katar in der schlechtesten Kategorie als »nicht frei« ein – wie 53 andere von insgesamt 195 untersuchten Staaten. Bewertet werden politische Rechte und bürgerliche Freiheiten.

In den kommenden Monaten wird Katar die Schlagzeilen mehr und mehr bestimmen. Denn am 21. November wird dort die Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen. Diskussionen um dieses Großereignis gibt es seit der Vergabe des Turniers durch den Weltverband Fifa im Dezember 2010. Sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie komplex und kompliziert die globalisierte Welt ist – und dass Sport und Politik nicht zu trennen sind.

»Wir sind dankbar dafür, dass die Fifa die WM an Katar vergeben hat«, sagte Dietmar Schäfers am Montag. Anlass war eine Sitzung des Bundestags-Sportausschusses zu diesem Thema. Schäfers war als Vizepräsident der Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI) einer von sieben geladenen Sachverständigen. Für ihn ist es kein Widerspruch, dass er und sein internationaler Gewerkschaftsbund 2010 noch »Boykott geschrien« haben. Nicht nur die Lage der allgemeinen Menschenrechte war damals Anlass dafür, sondern in der Folge auch die Berichte, dass die rund zwei Millionen Arbeitsmigranten unter unmenschlichen Bedingungen ausgebeutet werden und Tausende von ihnen auf katarischen Baustellen schon ihr Leben verloren hatten.

Tatsächlich ist es ein Fakt, dass diese Zustände erst durch die Vergabe der Fußball-WM international Aufmerksamkeit erregten. Und so verwiesen Schäfers und andere Sachverständige auf eine Entwicklung, die es sonst nicht gegeben hätte. Mittlerweile sei »der Arbeits- und Gesundheitsschutz auf den WM-Baustellen auf australischem Standard, dem weltweit höchsten«, sagte der BHI-Vize nach insgesamt »25 internationalen Arbeitsinspektionen« in Katar. Und im Gegensatz zu anderen Ländern der Golfregion sei man im Gespräch miteinander und Vereinbarungen würden eingehalten. Als »einmalig in der Region« beschrieb auch Katja Müller-Fahlbusch von Amnesty International die Situation und hob das Abkommen zwischen der katarischen Regierung und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 2017 hervor, das weitreichende Reformen vorsieht, vor allem bei dem »als Kafala bezeichneten Vormundschaftssystem«, in dem Arbeitmigranten rechtlos ausgeliefert sind.

Solch positive Zustandsbeschreibungen nutzen gern jene, die blindlings nur den eigenen Vorteil sehen. Dazu gehört der Fußball. Als der FC Bayern München kurz nach Vergabe der WM trotz großer Kritik sein erstes Trainingslager in Katars Hauptstadt Doha abhielt, verteidigte der Verein das als »unpolitischen Akt«. Mittlerweile kann der Rekordmeister die seitdem stark vertieften Beziehungen samt Millionenzahlungen aus dem Emirat politisch rechtfertigen. »Nur durch Hinschauen und Dialog werden Verbesserungen angestoßen«, sagte Vereinspräsident Herbert Hainer am Dienstag am »Runden Tisch«. Diese vereinsinterne Veranstaltung wurde aufgrund heftiger Fankritik nötig, lieferte aber erneut keine Erkenntnisse darüber, was der FC Bayern Positives in Katar bewirkt.

Heike Ullrich sprach als Sachverständige im Sportausschuss über die Katar-Arbeitsgruppe des europäischen Fußballverbandes. Dass diese erst seit Mai 2021 besteht, passte gut zum schwachen Auftritt der Generalsekretärin des von Fifa und Uefa reichlich finanzierten Deutschen Fußball-Bundes (DFB). »Alle sind willkommen, das wurde uns nochmal bestätigt«, berichtete Ullrich aus dem Emirat. Wollte sie damit wirklich die Sorgen über befürchtete Repressalien gegenüber homosexuellen Menschen zerstreuen? Ob Leichtgläubigkeit oder bewusstes Schönreden, Luise Amtsberg widersprach als weitere Sachverständige bei nächster Gelegenheit. »Wir können die Leitfäden und Reiserichtlinien nicht ändern, wenn die rechtlichen Vorgaben in Katar nicht geändert werden«, kritisierte die Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik. Homosexualität steht nach der Scharia in Katar weiterhin unter Strafe.

Wäre also doch ein Boykott der WM die richtige Entscheidung? Ja – meint Professor Thomas Beschorner. »Demokratisierungen und Liberalisierungen durch sportliche Großveranstaltungen, sei es im Fußball mit den Beispielen in Chile 1962, Argentinien 1978 und Russland 2018 oder bei Olympischen Spielen in Berlin 1936 sowie Peking 2008 und 2022 finden de facto nicht statt und dienen nicht selten zur Stabilisierung und weltweiten Geltung von Unrechtsregimen«, gab der Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik in St. Gallen im Sportausschuss zu Protokoll. Was wohl die Menschen zu Katar meinen, wenn sie im Winter frierend die WM-Spiele schauen, weil das Gas knapp und teuer ist?

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