Kampf um die Erinnerung

Eine Ausstellung in Friedrichshain würdigt den Palast der Republik und prangert die Umstände an, unter denen er abgerissen wurde

  • Von Patrick Volknant
  • Lesedauer: 4 Min.
So schön bunt war 1977: Kaffeekränzchen unter dem "Ikarus" von Bernhard Heisig.
So schön bunt war 1977: Kaffeekränzchen unter dem "Ikarus" von Bernhard Heisig.

Geht es um das Schicksal seines geliebten Palasts der Republik, findet Rudolf Denner deutliche Worte. »Der Abriss war ein kulturpolitisches Verbrechen«, sagt der Sprecher des Freundeskreises Palast der Republik zu »nd«. Seit nunmehr 15 Jahren setzt sich die Initiative für ein neues Gedenken an den DDR-Prunkbau ein, der 2006 bis 2008 wegen Asbest-Verseuchung dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Denner, der sich zuvor gegen den Abriss starkgemacht hatte, hält die Belastung durch den giftigen Baustoff bis heute für einen Vorwand: »Halb Berlin hätte man abreißen müssen, wenn man in Sachen Asbest überall so vorgegangen wäre wie beim Palast der Republik.« Schon vor Jahren habe er die Offenlegung der Messwerte angefragt, die im Rahmen des Gutachtens vor dem Abriss erhoben wurden, bislang ohne Erfolg.

Auch wenn sich das Ende von »Erichs Lampenladen« wohl nicht mehr rückgängig machen lässt, zeigt sich Denner nach wie vor kämpferisch. »Die Sache ist alles andere als erledigt«, erklärt er. »Es geht gerade erst richtig los.« Der Freundeskreis habe es sich zum Ziel gemacht, »das Verbrechen zu dokumentieren«. Unter anderem soll die Wanderausstellung der Initiative diese Aufgabe erfüllen, die derzeit im Nachbarschaftszentrum »Rudi« in der Modersohnstraße in Friedrichshain zu sehen ist.

Deren Schwerpunkte liegen in der aktuellen Ausführung auf dem Protest gegen den Abriss und beim Festival »Rock für den Frieden«, das von 1982 bis 1987 jährlich im Palast der Republik stattfand. Dort traten seinerzeit fast alle bekannten Bands der DDR-Rockszene wie etwa die Puhdys oder Karat auf. Rudolf Denner und der Freundeskreis begreifen das Festival als »Ausdruck der Friedenspolitik der DDR«. Man habe »Rock für den Frieden« gerade mit Blick auf den Krieg in der Ukraine zum Thema gemacht, sagt Denner.

Was der Freundeskreis über die Jahre angesammelt hat, kann sich sehen lassen: Insgesamt 50 Ausstellungstafeln mit erklärenden Texten und Fotos hängen aus. Hinzu kommen stapelweise Ordner und Dokumente, in die er bei Wunsch Einblick gewährt. Es ist bereits die 32. Runde, die die Wanderausstellung des Freundeskreises auf ihrem Weg durch ganz Deutschland dreht.

»Wir wollen hier nicht auf Nostalgie machen«, sagt der Sprecher des Freundeskreises – und gerät dann doch ins Schwärmen: »Der Palast der Republik war ein Bürgerhaus. Es war immer etwas los, und die Türen standen offen, ohne dass Eintritt verlangt wurde.« Im Palast habe man sich privat oder mit Kolleginnen und Kollegen getroffen, Kaffee getrunken, miteinander geplauscht. Im Vergleich dazu wirke das Humboldt-Forum, das heute an seiner Stelle auf dem Schloßplatz steht, »wie ein steriles Krankenhaus«.

Das Humboldt-Forum selbst wiederum plant, in den kommenden Jahren einen programmatischen Fokus auf den vom Freundeskreis betrauerten Vorgänger zu setzen. Seinen Höhepunkt soll das Programm im Jahr 2024 finden, zum 50. Jahrestag der Errichtung des Palastes. »Es ist immerhin ein Schritt in die richtige Richtung«, sagt Denner, der, wie er sagt, »immer sachlichen« Austausch mit dem Humboldt-Forum und seinem Generalintendanten Hartmut Dorgerloh pflegt. Die eigene Ausstellung verstehe der Freundeskreis keineswegs als Gegenveranstaltung, doch: »Auch wir wollen uns auf 2024 und den Jahrestag konzentrieren.«

Damit, wie die Hauptstadt mit ihrem DDR-Erbe umspringt, ist Denner, trotz all der Gespräche mit dem Humboldt-Forum, nicht zufrieden. »Es geht leider am Thema vorbei, was das Humboldt-Forum bisher aufgestellt hat«, sagt Denner. Der Freundeskreis fordert unter anderem, ein Palastmodell im Maßstab von 1:50, die fünf Tonnen schwere Gläserne Blume, die einst zu sehen war, sowie frühere Fassadenelemente auszustellen.

»Was beim Erinnern generell schiefläuft, ist diese Einseitigkeit«, moniert Denner. Sowohl die BRD als auch die DDR hätten ihre Vor- und Nachteile gehabt, gesprochen würde aber nur über den Osten: »Nach der Wende wurde die gesamte kulturelle Elite der DDR ausgeschaltet. Aber das interessiert heute ja keinen mehr.«

32. Wanderausstellung des Freundeskreises Palast der Republik, noch bis zum 15. August, Montag bis Freitag 14–17 Uhr nach Anmeldung, Nachbarschaftszentrum »Rudi«, Modersohnstraße 55, 10245 Berlin.

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