Favela und Fazenda

Niklas Franzen fragt sich, warum die Rechte in Brasilien so stark werden konnte

Demonstranten fordern den Rücktritt des wegen Korruption angeklagten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro.
Demonstranten fordern den Rücktritt des wegen Korruption angeklagten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro.

Brasilien verstehen? Das ist unmöglich!», sagte mir vor vielen Jahren ein Genosse der Frente Amplio in Uruguay. Nachdem ich lange Jahre in Brasilien gelebt und gearbeitet habe, weiß ich, wie viel über dieses Land ich nicht weiß.

Mit seinem jüngst erschienenen Buch «Brasilien über alles. Bolsonaro und die rechte Revolte» ermöglicht Niklas Franzen, einzutauchen in dieses ebenso faszinierende wie erschreckende Land. Gründlich und verlässlich untersucht er vor allem den fundamentalen Kurswechsel in der brasilianischen Politik durch einen rechtsradikalen Politiker, Jair Messias Bolsonaro, und dessen Anhänger in den letzten Jahren. Der Text liest sich gut, glaubwürdig und überzeugend, nicht zuletzt, weil der Autor immer wieder Protagonist*innen wie auch Antagonist*innen zu Wort kommen lässt.

Was ist mit Brasilien los? Einem Land, in dem ein Präsident, der in der Bevölkerung eine Zustimmung von 83 Prozent hatte, wenige Jahre später zu einer nationalen Hassfigur avancierte, auf der Grundlage fragwürdiger Anklagen verurteilt wurde und eineinhalb Jahre in Haft saß. Die Urteile gegen Luiz Inácio Lula da Silva sind inzwischen vom Obersten Gerichtshof aus formellen Gründen aufgehoben worden, und ihm werden bei den im Oktober anstehenden Präsidentschaftswahlen gute Chancen eingeräumt, gegen den rechtsradikalen Bolsonaro zu siegen. Eindrücklich und umfassend beschreibt Franzen den phänomenalen Aufstieg von Lula, eines Jungen aus einer armen Familie aus dem bitterarmen Sertão, einer Dornensteppe im Hinterland, zur «Lichtgestalt der Armen». Aber auch der Werdegang des derzeitigen Präsidenten Bolsonaro, eines Waffennarren und Anhängers der Militärdiktatur, der ungeniert schlimmsten Folterern huldigt, wird in diesem Buch detailliert geschildert.

Franzen, der unter anderem für «nd» schreibt, nimmt uns mit auf eine Reise quer durchs Land, nicht nur geografisch, politisch und kulturell, sondern auch historisch. Wir erleben Quilombos, ursprünglich von entflohenen Sklaven errichtete Siedlungen, erfahren Wissenswertes aus dem Schwarzen Widerstand und über Schwarze Kultur, wir besuchen Favelas, wo die Nachkommen der Sklaven nach wie vor unter erbärmlichen Bedingungen leben, bedrängt von mörderischen Polizeieinsätzen und einer schießwütigen Drogenmafia.

Ich selbst habe lange Jahre in Favelas im Großraum Rio de Janeiro gearbeitet. Gerade wieder wurde eine Chazia, ein Massaker der Polizei aus dem Norden von Rio gemeldet: 22 Tote. Und in der Favela Salgueiro, in der ich tätig war, haben Bewohner*innen dieser Tage elf Leichen gefunden, die Schusswunden aufwiesen. «Mehr als 60 000 Menschen wurden 2017 in Brasilien ermordet», schreibt Franzen. Die Opfer von Polizeigewalt sind meist jung, schwarz, männlich.

In Brasilien leben zwei Gesellschaften nebeneinander – oder wie Franzen urteilt: Brasilien ist eine gespaltene Gesellschaft. Mehr als 20 Prozent der Einwohner*innen von Rio de Janeiro hausen eng beieinander in über 700 Favelas. Autoritarismus und Hierarchie, feste Strukturen, «Oben und Unten» werden als naturgegeben, als eine Selbstverständlichkeit erachtet. Insofern ist es zu begrüßen, dass der Autor den Themen Sklaverei, Diktatur und unbewältigtes Erbe ausführlich Raum gibt, denn sie gehören zu den Gründen für den Aufstieg einer faschistoiden Figur wie Bolsonaro. Im Nachbarland Uruguay, das ebenfalls unter einer Diktatur gelitten hat, fand vor Kurzem ein – mittlerweile jährlich durchgeführter – Schweigemarsch mit 150 000 Teilnehmer*innen zum Gedenken an die während der Diktatur «Verschwundenen» statt. In Brasilien hingegen herrscht, so der Autor, weiter eine «Kultur des Schweigens».

Franzen nimmt uns mit zu Jubelfeiern nach Bolsonaros Wahlsieg in São Paulo; immer größer sollten diese Kundgebungen der Bolsonaristas werden, immer drängender ihre Forderungen nach einer «Militärintervention». Die Versuche des Autors, Bolsonaristas mit Gesprächen aus ihrer Parallelwelt in reale Welten herüberzulocken, scheitern.

Die Rolle der sozialen Medien, die großes Gewicht bei Bolsonaros Zerstörungskampagnen und der Konstituierung von Parallelwelten haben, wird vom Autor schlüssig und detailliert dargelegt. Auch die Freikirchen haben einen wichtigen Anteil an der beängstigenden Entwicklung in Brasilien. Franzen berichtet über die Evangelikalen, die mit ihren Gottesdiensten und Sozialprogrammen an die Stelle der früheren befreiungstheologischen Bewegung in Lateinamerika getreten sind, die übrigens seinerzeit von dem aus Polen stammenden Papst Johannes Paul II. bekämpft und plattgemacht worden ist.

Wir begleiten Franzen in den Amazonas-Regenwald, wo noch indigene Gemeinschaften leben, die sich gegen Kolonialismus und Militärdiktatur oft vergeblich zur Wehr setzten, heute aber selbstbewusster um ihr Überleben kämpfen, gegen illegale Goldgräber und Agrobusiness und deren fatale gigantische Urwaldrodungen. Franzen wagte es zudem, sich als angeblicher Missionar Zugang zur Hölle eines total überbelegten Gefängnisses zu verschaffen, in dem die Häftlinge aus Platzmangel im Stehen schlafen müssen, sich mit ihrem T-Shirt an einem Gitter festbindend.

Lula und seine Arbeiterpartei, die Partido dos Trabalhadores (PT), hatten zahlreiche Sozialreformen auf den Weg gebracht. 30 Millionen Brasilianer*innen ging es in den beiden Amtszeiten von Lula deutlich besser. Die Universitäten öffneten sich jungen Menschen aus armen Schichten; den Nachkommen der Sklaven standen nunmehr auch Studiengänge wie Medizin und Jura offen, die bisher nur den Kindern des wohlhabenden Brasilien vorbehalten waren. Im Fernsehen gab es eine Serie, in der eine schwarze Hausangestellte die Hauptrolle spielte, was in der Glitzerwelt der brailianischen Telenovela bis dahin unvorstellbar war. Wie konnte es da zur rechten Revolte kommen?

Dieser Frage widmet Franzen größte Aufmerksamkeit. Die «Jubeljahre» der Lula-Regierungen waren geprägt von einer klassischen Politik sozialdemokratischen Zuschnitts, also Wachstum um jeden Preis. Die PT hat ein Heer von Konsumenten geschaffen, die durch die Krisen der vergangenen Jahre von Abstiegsängsten heimgesucht werden und Bolsonaro wählten, im Irrglauben, er würde ihnen helfen. Die Stärkung der Zivilgesellschaft und die Förderung mündiger Bürger hat die PT versäumt.

Brasilien war Veranstaltungsort der Olympiade und einer Fußball-WM. Es ging eine Weile gut, die Wachstumsraten stiegen stetig. Die Finanzkrise steckte Brasilien locker weg. Aber irgendwann stürzten die Rohstoffpreise weltweit ab und somit das Wachstumsmodell der Lula-Regierungen. Hätte die PT an der Macht etwas unternehmen können, um diese umfassende Abhängigkeit vom Export von Rohstoffen und agrarischen Primärprodukten abzumildern? Und was kann eine eventuell erneut von der Arbeiterpartei angeführte Regierung unternehmen, um den Absturz aufzufangen?

Im März 2021 berichtet die Zeitung der Universität von São Paulo, dass der US-Konzern Ford sich nach mehr als 100 Jahren aus dem Fahrzeugbau in Brasilien zurückzieht und Mercedes-Benz ebenfalls ein Werk aufgibt. Auch das japanische Unternehmen Sony schließt seine Fabrik in Manaus, gibt den brasilianischen Markt für Fernsehgeräte, Kameras und Audiogeräte auf. Das Land durchläuft einen Prozess der Deindustrialisierung, und dies nicht erst jetzt, wie einige «Experten» behaupten. Davor warnte bereits vor 50 Jahren der uruguayische Autor Eduardo Galeano in seinem viel beachteten Standardwerk «Die offenen Adern Lateinamerikas». Warum kann man in São Paulo chinesische Autos kaufen, aber in Peking keine brasilianischen? «El Pais» meint dazu: «Wir werden eine riesige Fazenda.»

Brasilien galt lange als unpolitisches Land. Die einzigen öffentlichen Manifestationen in São Paulo und Rio – und das im Megaformat – waren die jährlichen Paraden zum Christopher-Street-Day. Die haben sich radikal verändert, nicht zuletzt durch den Schwenk hin zu Rechtsradikalismus und Autoritarismus. «Wir wussten nicht, dass es in Brasilien dieses faschistische Potenzial gibt», sagten mir im März 2020 zwei bekannte brasilianische Schriftsteller in São Paulo, die nicht nur literarisch, sondern auch politisch unterwegs sind.

Franzen beleuchtet am Ende seiner Arbeit die Frage nach Protest und Widerstand. Ja, die Opposition hat in ihrer Bekämpfung des Bolsonarismus Fortschritte erzielt, wenn auch eher bescheidene. Wieso tut sich aber die Linke so schwer? Die Landlosenbewegung MST ist nach wie vor lebendig in ganz Brasilien, obwohl sie von der rechten Regierung besonders massiv attackiert wird. Der Autor spricht über die Partido Socialismo e Liberdade (Partei des Sozialismus und der Freiheit; PSOL), eine kleine Abspaltung vor allem intellektueller Linken von der PT. Im zivilgesellschaftlichen Bereich hat es einige hoffnungsvolle Entwicklungen gegeben, so für die LBGTI-Community und die Afrobrasilianer*innen.

Ganz wichtig ist sicher, dass zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen den Kampf in den sozialen Medien aufgenommen haben. Franzen zitiert die Anthropologin Rosana Pinheiro-Machado: «Das Problem (der PT) war, dass sie den Peripherien den Rücken zukehrte, weil sie glaubte, dass das Selbstwertgefühl dieser neuen Konsumenten ausreichen würde, um ewige Parteitreue zu erzeugen.»

Als ich im März 2020 in São Paulo einen früheren Staatssekretär im Kabinett Lula fragte, weshalb ich in all den Jahren, in denen ich in der Peripherie gearbeitet hatte, nie einen Politiker der Arbeiterpartei zu Gesicht bekommen hatte, antwortete er mir: «Die PT ist keine Partei der Favelados, sie ist eine Arbeiterpartei.» Franzen resümiert: «Die Arbeiterklasse hat sich verändert … Die Linke braucht eine neue Erzählung, um diese Menschen zusammenzubringen.» Dem kann ich nur zustimmen.

Niklas Franzen: Brasilien über alles. Bolsonaro und die rechte Revolte. Assoziation A, 240 S., br., 18 €.
Unser Autor Lutz Taufer, ehemaliges RAF-Mitglied, hat nach seiner Haftentlassung in Lateinamerika in sozialen Bereichen gearbeitet.

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