Die Anzahl heißer Tage nimmt seit den 1990er Jahren stetig zu

In Deutschland häufen sich Hitzewellen – die Probleme damit werden in den kommenden Jahrzehnten massiv zunehmen

An solche Temperaturen wird man sich auch in Deutschland gewöhnen müssen.
An solche Temperaturen wird man sich auch in Deutschland gewöhnen müssen.

Seit Sonntag ist es in vielen Teilen Deutschlands wieder über 30 Grad Celsius warm, melden die Meteorologen. Laut Vorhersage könnte es bis zur Wochenmitte lokal sogar knapp 40 Grad werden. Und die hohen Temperaturen dürften erst mal bleiben.

Dass es im Hochsommer auch in unseren Breiten mal über 30 Grad wird, ist natürlich nichts Ungewöhnliches. Aber das Jahr 2022 ist ein überdurchschnittliches Hitzejahr: »Mit 12 Tagen über 30 Grad liegen wir bereits jetzt über dem Gesamtjahresdurchschnitt von 11,1 Tagen der vergangenen zehn Jahre«, sagte Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, Ende Juni. Der Verband, dessen Mitgliedsunternehmen es zunehmend mit den finanziellen Folgen der Klimarisiken zu tun haben, hatte den Deutschen Wetterdienst (DWD) um eine Datenauswertung zur Hitzeentwicklung in Deutschland gebeten. Gezählt wurden die Tage, an denen mindestens an einer der 180 Wetterstationen des DWD 30 Grad überschritten wurden. Ergebnis: In den Jahrzehnten zwischen 1950 und 1990 zählten die Meteorologen etwa vier Hitzetage im Jahresschnitt, doch seither stiegen die Zahlen um 2,3 jährliche Hitzetage je Dekade an und haben sich verdreifacht. Und sehr heiße Tage mit über 35 Grad sind überhaupt erst ab dem Jahr 2000 zu beobachten. Gleichzeitig gibt es regional große Unterschiede – im Südwesten und im Osten wurden die meisten Hitzetage gemessen. Spitzenreiter ist das rheinland-pfälzische Speyer, wo die Zahl seit den 1950er Jahren von durchschnittlich 9,3 auf 23 Tage pro Jahr in den 2010er Jahren stieg.

»Die zunehmende Treibhausgaskonzentration führt dazu, dass auch die Zahl heißer Tage von Jahrzehnt zu Jahrzehnt massiv zunimmt«, erläutert Andreas Becker, Leiter Klimaüberwachung beim DWD. Die Erderwärmung ist natürlich global zu beobachten. Im jüngsten Sachstandsbericht des Weltklimarates heißt es, die Häufigkeit wie auch die Intensität heißer Extremereignisse (einschließlich Hitzewellen) hätten auf globaler Ebene seit 1950 zugenommen. Das treffe für mehr als 80 Prozent der beobachteten Regionen zu. In Deutschland hat sich die mittlere Temperatur seit Beginn der flächendeckenden Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 überdurchschnittlich stark um 1,6 Grad Celsius erhöht. Dadurch gibt es mehr heiße Tage, außerdem treten diese auch immer früher im Jahr auf. So ließ die Hitzewelle in diesem Juni die Meteorologen aufhorchen. Diese traf besonders den Osten Deutschlands – etwa in Cottbus und Dresden wurden mit Temperaturen über 39 Grad Juni-Allzeitrekorde aufgestellt. Solche Ereignisse gehen zudem mit Dürren einher, in zahlreichen Regionen macht sich Wasserknappheit bemerkbar.

DWD-Experte Becker weist darauf hin, dass bei ungebremstem Treibhausgasausstoß zwischen 2031 und 2060 mit einer weiteren Zunahme um fünf bis zehn heiße Tage im Jahr in Norddeutschland und um zehn bis zwanzig heiße Tage in Süddeutschland gerechnet werden müsse. Neue dekadische Klimavorsagen der Wetterbehörde gehen davon aus, dass schon die mittlere Temperatur der Jahre 2022 bis 2028 in Deutschland etwa 0,5 bis 1,0 Grad wärmer ausfallen dürfte als in der bereits recht warmen Referenzperiode 1991-2020.

Die Erkenntnisse der Klimaexperten sind natürlich auch als Botschaft an die Politik zu verstehen, mehr gegen den Klimawandel zu tun, aber auch die Anpassungsmaßnahmen an Extremereignisse zu verstärken. Hitze kann die Gesundheit vieler Menschen gefährden, doch allein mit Verhaltensänderung lässt sich den Risiken nicht begegnen. Auch können hohe Temperaturen, so der DWD, zu Schäden an Infrastruktur, insbesondere des Straßen- und Schienenverkehrs, führen sowie Auswirkungen auf Baustoffe und technische Prozesse haben. Doch bislang haben nur einzelne Städte wie Potsdam und Bochum Handlungskonzepte erarbeitet. Dabei müssten bei der Städteplanung Frischluftschneisen, Verschattung von Gebäuden und Wasserbrunnen Berücksichtigung finden. Acht von zehn Landkreisen haben kein Hitzeschutzkonzept und belassen es bei Appellen an die Bevölkerung. Damit es nicht beim Flickenteppich bleibt, wäre der Bund gefragt. Eine vom Umweltbundesamt erarbeitete Richtlinie zur Förderung von Klimaanpassungsmaßnahmen, wozu lokale Hitzeaktionspläne gehören, ist für Anfang nächsten Jahres geplant – obwohl die Hitzewellen längst da sind.

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