System ohne Vernunft

Oleg Senzow berichtet über seine Erfahrungen in russischer Haft – keine leichte Lektüre

  • Von Norma Schneider
  • Lesedauer: 6 Min.
Das Unabhängigkeitsdenkmal auf dem Maidan in Kiew, jetzt umzäunt von Panzersperren und Stacheldraht
Das Unabhängigkeitsdenkmal auf dem Maidan in Kiew, jetzt umzäunt von Panzersperren und Stacheldraht

Er ist vor allem als politischer Gefangener bekannt, weniger wegen seiner Werke – der ukrainische Filmemacher und Autor Oleg Senzow. Im Mai 2014 wurde er gemeinsam mit anderen Aktivisten in seiner Heimatstadt Simferopol auf der Krim festgenommen und später von einem russischen Gericht zu 20 Jahren Straflager verurteilt.

Senzow hatte sich gegen die Annexion der Halbinsel eingesetzt sowie die Maidan-Bewegung gegen den prorussischen Präsidenten Janukowitsch und für eine freie, EU-orientierte Ukraine unterstützt. Den Vorwürfen der Anklage, eine terroristische Vereinigung gegründet und zu Gewalt aufgerufen zu haben, widersprach Senzow vor Gericht vehement. Im Vorwort von Senzows Buch »Leben«, einer Sammlung von Erzählungen, schreibt der Schriftsteller Andrej Kurkow, dass sein Kollege wohl vor allem dafür verurteilt wurde, »dass er, ein ethnischer Russe und Bewohner der Krim, es gewagt hat, mit der Annexion seiner Heimat durch Russland nicht einverstanden zu sein«.

»Leben« erschien bereits 2019, als Senzow noch in Labytnangi, einer Kleinstadt nördlich des Polarkreises, im Straflager saß. In den autobiografischen Geschichten beschreibt er seine Kindheit und Jugend in atmosphärisch dichten Bildern. Senzow ist kein herausragender Stilist und seine Erzählungen sind keine literarischen Meisterstücke, aber sie wirken lebendig und überzeugen mit einem lockeren, augenzwinkernd-ironischen Ton.

In »Haft«, Senzows zweitem Buch, das auf Deutsch erscheint, findet sich nun mehr Substanz und weniger Leichtigkeit. Neben einem ausführlichen Tagebuch, das er während seines fast fünfmonatigen Hungerstreiks in Haft führte, sind darin Berichte vom Leben hinter Gittern enthalten. Die Texte geben interessante Einblicke in den Umgang der Häftlinge untereinander wie auch in die Funktionsweise des russischen Strafsystems. Senzow schreibt: »Es ist zwecklos, in diesem System nach irgendeiner Form von Vernunft zu suchen.«

An jedem Tag seines Hungerstreiks 2018 zur Erzwingung der Freilassung der politischen Gefangenen aus der Ukraine führte Senzow akribisch Protokoll über seinen Gesundheitszustand. Er schrieb auf, womit er den Tag über beschäftigt war, und erinnerte sich an sein Leben vor der Haft. Durchaus unterhaltsam notiert er seine Eindrücke von Fernsehübertragungen oder kommentiert Bücher, die er lesen darf.

Das russische Fernsehen ist fast die einzige Informationsquelle, die ihm zur Verfügung steht. Senzow versucht, »aus dieser Flut von Schmutz und Lüge winzige Brocken von Wahrheit herauszufiltern«. Die Ausgaben der oppositionellen russischen Zeitung »Nowaja Gaseta«, die er abonniert hat, werden ihm nur mit großer Verspätung und herausgeschnittenen Artikeln ausgehändigt.

Senzow berichtet über Schikanen und die schlechten Bedingungen in der Haft, über ärztliche Untersuchungen und die vielen, teilweise absurden Befragungen und Begutachtungen durch verschiedene Beamte und Kommissionen. Psychologen, Ärzte und sogar Geistliche versuchen ihn zu überreden, den Hungerstreik zu beenden.

Mit seinem Arzt versteht sich Senzow erstaunlich gut. Der erzählt ihm zwar, »dass die Ukraine für ihn kein richtiger Staat sei, dass Russen und Ukrainer ein Volk seien, dass wir unsere Nationalisten abschütteln und reumütig in den mütterlichen Schoß zurückkehren sollen« – was sich mit der Argumentation des Putin-Regimes zur Rechtfertigung des Angriffskrieges gegen die Ukraine deckt. Dennoch entdeckt Senzow Gemeinsamkeiten mit dem Gefängnisarzt – sie lieben beide dasselbe Computerspiel und marinieren Schaschlik auf die gleiche Weise. Das muss reichen, wenn sonst niemand für eine freundliche Unterhaltung zur Verfügung steht. An einer Stelle des Tagebuchs heißt es: »Nur von draußen, von der Freiheit aus, hat es den Anschein, als wären alle Häftlinge gleich.«

Den Alltagsgeschichten im Gefängnis beigesellt sind Senzows Erinnerungen an den politischen Maidan. Eindrücklich beschreibt er die Kämpfe im Zentrum von Kiew. Er war Teil des sogenannten Auto-Maidans – Proteste mit den eigenen Fahrzeugen. Er half bei der Verpflegung der Demonstranten und erlebte leibhaftig gefährliche Konfrontationen mit den Sicherheitskräften der damaligen Regierung.

Die anfänglich friedlichen Demonstrationen seien von »Menschlichkeit, Gemeinsinn und Offenheit« geprägt gewesen. Dies geriet jedoch alsbald in den Medien mit den Bildern von bewaffneten Nazis in den Hintergrund. »Ich habe mir sehr gewünscht, dass diese Atmosphäre, dieser freie und reine Geist das ganze Land erfasst. In einem solchen Land wollte ich gerne leben. Und nicht nur ich, wir waren sehr viele.«

Mit zunehmender Verschlechterung seines gesundheitlichen Zustandes finden sich in den Aufzeichnungen vermehrt Gedanken über existenzielle Fragen. Es ist unklar, ob er den Hungerstreik überleben und seine Kinder wiedersehen wird. Auch wenn ihm das Schreiben immer schwerer fällt, hält er daran fest: »Aber ich muss in diesem Tagebuch Halt suchen wie an einem Griff«, schreibt er am 60. Tag seines Hungerstreiks. Mehr als zwei Monate später notiert er: »Ich spüre förmlich mit jeder Faser meines Körpers, wie ich in einzelne Teile zerfalle.«

Nach 145 Tagen entscheidet sich Senzow zur Aufgabe, um der Zwangsernährung zu entgehen. Erst ein Jahr später kommt er zusammen mit anderen politischen Häftlingen im Rahmen eines Gefangenenaustauschs zwischen Moskau und Kiew frei.

Senzows Tagebuch gibt den deutschen Leser*innen die seltene Möglichkeit, die Situation in der Ukraine vor dem Krieg aus erster Hand zu erfahren. Allerdings ist dieses Buch keine leichte Lektüre, die Texte sind sehr breit ausgewalzt und eintönig, es passiert wenig und wiederholt sich viel. Man sollte dieses Buch nicht nach literarischer Qualität werten, sondern es als eine Form zeithistorischer Dokumentation ansehen. Senzow selbst hatte wohl auch nicht die Intention, zu unterhalten oder gewisse Effekte zu erzielen, es ging ihm eher um Selbstvergewisserung. Und das wiederum macht diese Texte authentisch.

Senzow bietet keine klassischen Erzählungen und keine klassischen Portraits von Mitgefangenen. Seine Geschichten beginnen mitunter mit solch lapidaren Sätzen wie: »Wasja konnte leckeren Plow kochen, mochte klassische Musik, Waffen und zündete gern Menschen in brennenden Fässern an.« Die Rede ist von einem Neonazi aus gutem Hause, der aus rassistischen Motiven mehrere Menschen grausam getötet hat.

Senzow porträtiert auch Islamisten, Drogendealer und Diebe, fragt sich und jene nach den Gründen, warum sie auf eine kriminelle Bahn gerieten oder sich für eine solche entschieden haben. Was sie zu jenen Menschen gemacht habe, die sie heute sind. Der Autor wahrt dabei eine gewisse ironische Distanz, ist aber nicht herablassend und schafft es, hinter den Delikten den konkreten Menschen zu sehen.

Die Reportage »Der Waggon« sticht aus den Texten heraus. Sie handelt von den Sträflingswaggons, mit der Aufschrift »Post« getarnt, in denen bis zu 16 Gefangene in ein kleines Abteil gequetscht werden. »Im Winter ist es stickig und kalt, im Sommer ist es stickig und heiß.« Die Fahrt dauert oft lange, ermüdende Tage. Mit diesem Text ist Senzow eine dichte Miniatur über das russische Strafsystem und die komplizierte Hierarchie unter den Gefangenen gelungen, die dem indischen Kastensystem gleicht. Der Autor verschweigt nicht, dass auch hinter Gefängnismauern Verbrechen geschehen; erschütternd seine Schilderungen von Folter und systematischen Vergewaltigungen. Dieser ungeschönte, direkte Blick ist sein Markenzeichen.

Inzwischen ist Oleg Senzow wie so viele ukrainische Künstler*innen und Intellektuelle in eine neue Rolle geschlüpft. Er kämpft im Donbass gegen die russische Armee. Und er wird wohl auch darüber ein Buch schreiben, wenn sich die Gelegenheit ergibt.

Oleg Senzow: Haft. Notizen und Geschichten. Verlag Voland & Quist, 432 S., geb., 26 €.
Oleg Senzow: Leben. Geschichten. Voland & Quist, 112 S., geb., 16 €.

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