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Der andere Fahrstuhl

Liebe ist nicht alles – langweilen sollte sie trotzdem nicht: Der Film »Der Sommer mit Anaïs«

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 4 Min.
In diesem zähen Film ist selbst die Erotik nur simuliert: "Der Sommer mit Anaïs"
In diesem zähen Film ist selbst die Erotik nur simuliert: "Der Sommer mit Anaïs"

Man muss Filmfiguren nicht mögen; es gibt ja auch böse Filmfiguren. Was aber, wenn man Filmfiguren nicht mag, die fürs Gute stehen, ja fürs Leben selbst? Ist man dann ein Misanthrop?

Die 30-jährige Doktorandin Anaïs lebt in Paris von der Hand in den Mund. Ihr Lebensmotto lautet: »Alles ist möglich, man muss es nur wollen«, und das ist nicht als Karrieremantra gemeint. Anaïs liebt den Augenblick, die Literatur und die Liebe, diese aber bloß, solange sie nicht als beengend empfunden wird, denn Anaïs ist klaustrophob. Außerdem ist sie schwanger, will aber keine Kinder, doch beides ist kein Problem, jedenfalls für Anaïs nicht. Für ihren Freund schon, aber der liebt sie trotzdem. Anaïs wird ihn dennoch verlassen, klar.

Wer sie ebenfalls liebt, ist der Verleger Daniel, obwohl oder weil er 30 Jahre älter ist. Wer im Herbst lebt, sehnt sich nach dem Sommer, den die junge Frau so überschäumend verkörpert. Weil aber alles möglich ist (bzw. Anaïs will, dass es so sei), verliebt sie sich lieber in Daniels Frau Emilie, eine Schriftstellerin, in deren Werk sie sich ganz wiederfindet. Emilie erwidert das Gefühl, aber sie ist viel älter und eben Schriftstellerin und weiß, dass das Klischee zu meiden ist, wonach die Liebe immer zuerst kommt und alles möglich macht.

Aber wir eilen voraus, denn es gibt ja auch noch Daniel, der seine Frau in der Bretagne auf einem Kolloquium besucht. Anaïs hatte dieselbe Idee, und Daniel schimpft: »Was machst du hier? Das ist doch kein Film!« Und später: »Erregt dich dieses Dreieck? Noch ein Klischee!« Den Klischeevorwurf will sich der Film aber nicht machen lassen, und also spielt Daniel keine Rolle mehr, er ist Anaïs ja auch egal, und was immer aus dem Dreieck komödiantisch hätte werden können, geschieht folglich nicht.

Im Übrigen ist der Krebs von Anaïs’ Mutter zurückgekehrt, und dass alles möglich ist, setzt voraus, dass die Chemo anschlägt – und wo es eigentlich eine ganz schlechte Angewohnheit ist, eine Filmkritik mit einer Inhaltsangabe zu verwechseln, ist es beim »Sommer mit Anaïs« so, dass er nichts als diesen Inhalt hat. Er hat, kurz, keine ästhetische Idee von sich, die über das ironische Zitat einer französischen Sommerkomödie hinausginge, und wenn es bei Horaz hieß, Kunst müsse »prodesse et delectare«, also nützen und erfreuen, wirft sich das Drehbuch ganz aufs Nützen: Das mit Anaïs’ Klaustrophobie hatten wir schon, sie meidet Fahrstühle (und was ist die Liebe anderes!), und Emilie, die soeben sehr beziehungsreich einen Essay über die Neugier beendet hat, greift beim Spaziergang noch beziehungsreicher nach einem Wildapfel. Der schmeckt ihr gut, aber der Mensch lebt nicht vom Apfel allein, und also hält Emilie, die Schopenhauer mag, Anaïs zum Schluss einen langen Vortrag, warum im Herbst der Sommer vorbei ist; und dass beim Rezensenten das Internet lahmt und der Rezensionsfilm hängt, ist zwar ein Ärgernis, aber eins, das das Problem des Films recht eindrucksvoll unterstreicht.

Er lahmt, er ist zäh, und Anaïs’ munteres Geplapper simuliert eine Bewegung, die er nicht hat, so wie die lesbische Liebe am Strand eine Erotik simuliert, die man keine Sekunde glaubt. Es gibt schlicht keine Spannung zwischen den Figuren, es gibt überhaupt keine Spannung, was zumal daran liegt, dass die Hauptfigur so wenig liebenswert ist. Sie ist, wiewohl nervig, auch nicht das Gegenteil; sie ist gar nichts, ein Drehbucheinfall, eine Allegorie – und dass sie sich in eine Schriftstellerin verliebt, ist die Liebe zur Kunst, und die ist nicht das Leben, Kindchen, schon gar nicht, wenn sie so langweilig ist wie Valeria Bruni Tedeschi als Emilie.

Dass der Film ihre Liebesbriefe zitiert, die so fad sind, wie Liebesbriefe sein können, metaphorisiert bloß wiederum das, was ernstlich Erwachsene längst wissen und Emilie also auch: Liebe ist viel, aber nicht alles, schon darum, weil sie Literatur ist. Oder, im schlechteren Fall, ein Film, der sich weniger als Liebes- denn als Lehrfilm versteht, und zwar darin, dass er seine Lehre im letzten Moment sehr bildstark über den Haufen wirft. Zugunsten der, natürlich, Liebe, dieses elenden, wunderbaren Fahrstuhls. Um das einleuchtend zu finden, darf man den Film freilich gar nicht gesehen haben.

»Der Sommer mit Anaïs«, Frankreich 2021.
Regie/Buch: Charline Bourgeois-Tacquet.
Mit: Anais Demoustier, Valeria Bruni Tedeschi, Denis Podalydes. 98 Min. Start: 21. Juli.

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