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Auf dem Weg zum Kollaps

Corona sorgt vor allem an Berliner Kitas für bedrohliche Personalengpässe

Kein leichter Job, auch nicht gesundheitlich: Erzieherinnen sind überdurchschnittlich häufig krankgeschrieben.
Kein leichter Job, auch nicht gesundheitlich: Erzieherinnen sind überdurchschnittlich häufig krankgeschrieben.

Keine Berufsgruppe in Berlin hat ein so großes Risiko, an Corona zu erkranken wie Erzieher*innen. Im Zeitraum von Januar bis Mai 2022 infizierten sich Beschäftigte in dem Bereich mehr als doppelt so häufig wie der Durchschnitt aller Berufsgruppen. Dies zeigt eine Datenauswertung der AOK Nordost, für die die Krankenkasse bei ihr eingegangene Krankschreibungen analysiert hat. Insgesamt fielen 7,1 Prozent der Versicherten wegen Corona aus – bei den Erzieher*innen waren es ganze 15,9 Prozent. Am zweithäufigsten erkrankten Arzthelfer*innen. In den Top Ten sind insgesamt sechs Gesundheits- und pädagogische Berufe vertreten. Berufsgruppen mit einem hohen Anteil von verbeamtetem und meist privat versichertem Personal – wie Lehrer*innen und Polizist*innen – konnten nicht berücksichtigt werden.

Den Alltag hinter der Statistik kennen die Träger der Berliner Kitas. »Man kann im Schnitt sagen, dass innerhalb eines Teams stets ein bis zwei Fachkräfte wegen Corona ausfallen«, sagt Markus Galle, Sprecher der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Berlin. Zudem gebe es Erzieher*innen, die wegen Long-Covid-Symptomen für Wochen ausfielen. Rike Ickert, Vorständin im Verband Evangelischer Kindertageseinrichtungen Süd, berichtet, dass es im ersten Halbjahr 2022 in den 23 Kitas, die der Verband in Neukölln und Treptow-Köpenick betreibt, zu 31 Teil- und sieben Komplettschließungen gekommen sei. In Kitas sei näherer körperlicher Kontakt unvermeidlich, das Tragen von Masken meistens nicht möglich.

Sorgen keimen nicht zuletzt beim Blick auf die kältere Jahreszeit auf. »Für den Herbst gibt es bei Corona keine Entwarnung«, teilt Thorsten Metter, Leiter der Pressestelle der Bildungsverwaltung auf Anfrage von »nd« mit. Zuletzt habe sich das Infektionsgeschehen bei den Kitas wegen ferienbedingter Schließzeiten zwar reduziert, man bleibe aber im Austausch mit Gesundheitsexpert*innen und Kita-Trägern.

Die Krankheitsfälle treffen eine Berufsgruppe, die ohnehin unter Personalmangel leidet. »Wir haben schon seit Jahren einen Fachkräftemangel in Kitas«, sagt Christiane Weißhoff, Leiterin des Bereichs Kinder- und Jugendhilfe im Landesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin. Corona potenziere das Problem, die Arbeitsbelastung der verbliebenen Erzieher*innen steige. »Da steckt viel Brisanz drin«, sagt Weißhoff.

Andreas Pfaab, Geschäftsführer des Vereins IKT Stadtindianer, der in Tempelhof neun Kitas betreibt, berichtet von Abwanderungen. »Es gibt Alternativüberlegungen, was das eigene Berufsleben angeht«, sagt er. »Die Leute kriegen ja auch mit, dass sie häufiger krank werden als Menschen, die in Bürojobs arbeiten.« Die erleichterte Stimmung zu Sommerbeginn sei inzwischen verflogen. Aktuell könne man mit Notfallmaßnahmen noch einigermaßen ausgleichen, etwa indem Personal aus anderen Einrichtungen einspringe. Für den drohenden Anstieg der Fallzahlen im Herbst gebe es aber kaum Perspektiven. Pfaab wünscht sich, dass regelmäßige Testungen der Kitakinder wieder eingeführt werden und dass die Politik von der Idee, die Quarantäne zu verkürzen, wieder abrückt.

Auch erneute Schließungen von Einrichtungen sind möglich. Weißhoff sieht nur noch wenige Optionen: »Irgendwann muss sich die Politik fragen, ob es nicht Abstriche an den pädagogischen Konzepten geben muss.« Im Notfall könnten Lernziele, Elterngespräche und Dokumentation reduziert werden. Pfaab ist da skeptisch: »Wir beobachten schon jetzt, dass das soziale Verhalten der Kinder unter dem Ausfall pädagogischer Angebote leidet«, sagt er.

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