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Frauen als neue Vorbilder

Die Vizeeuropameisterinnen geben dem deutschen Fußball etwas Glaubwürdigkeit zurück

Sympathisch, bodenständig und erfolgreich: Die Fußballerinnen des DFB.
Sympathisch, bodenständig und erfolgreich: Die Fußballerinnen des DFB.

Die Liste derer, die neuerdings zu den Fans der deutschen Fußballerinnen gehören, ist lang. Und prominent besetzt. Zu ihnen zählen Experten wie Bastian Schweinsteiger und Dietmar Hamann, Koryphäen wie Jürgen Klopp und Politiker wie Olaf Scholz, Bärbel Bas und Nancy Faeser, die nach dem EM-Finale geschlossen in die Kabine eines traurigen, aber stolzen Verlierers kamen. Komplimente regneten auf die Spielerinnen herab wie das bei der Siegerehrung der Engländerinnen versehentlich in die falsche Richtung verschossene Konfetti. Toll gemacht, Mädels!

Es wäre nur besser gewesen, wenn vor allem aus der Regierungsriege vorher einmal jemand auf die Idee gekommen wäre, die DFB-Frauen im Trainingscamp vor der EM-Mission zu besuchen. So tat es Prinz William, der am Sonntagabend auf der Tribüne ausgelassen über Englands ersten EM-Titel jubelte.

In Deutschland braucht es nicht nur einmaligen, sondern dauerhaften Respekt für den Fußball der Frauen, wenn es wirklich vorwärtsgehen soll. Und dabei sind Sponsoren, Medien und Fans gefragt. Immerhin weiß die Fußballnation jetzt, dass Team und Trainerin vieles mitbringen, das sie in den Rang hervorragender Botschafterinnen erhebt. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg geht mit ihrer facettenreichen Vita und offenen Art voran. Ihr gefällt es in gleichem Maß, ihre Frauen zu coachen, den E-Junioren beim SV Straelen zuzuschauen oder ein Champions-League-Spiel des FC Bayern für das ZDF zu analysieren. Für sie ist alles Fußball. Das ist der richtige Ansatz. Und es ist ihr auch abzunehmen, dass mit dieser EM erst etwas erreicht ist, wenn danach etwas bleibt.

Wenn nicht jetzt, wann dann? Daran wird man sich erinnern, wenn in einigen Monaten Zwischenbilanz gezogen wird. Werden Spiele der Frauen-Bundesliga dann wirklich signifikant mehr als 1000 Zuschauer im Schnitt haben? Bislang erreichten selbst Topvereine wie der FC Bayern und Hoffenheim diese Marke regelmäßig nicht. Dabei beschäftigen oder bilden diese zwei Klubs viele der neuen Heldinnen aus, die authentisch und aufrichtig rüberkommen. Die Mehrzahl studiert, steht mit beiden Beinen voll im Leben.

Leitfiguren wie Lena Oberdorf und Alexandra Popp, Entdeckungen wie Merle Frohms und Klara Bühl, Frohnaturen wie Giulia Gwinn und Laura Freigang – sie alle haben zudem in diesem Sommer eine Lücke gefüllt. Sie sind nach drei Jahren ohne Turnier gekommen, um dem deutschen Fußball ein bisschen Glaubwürdigkeit zurückzugeben. Die in der Coronakrise von der deutschen Fußballliga beschworene Demut ist bei vielen Bundesligisten nicht wirklich erkennbar. Der Deutsche Fußballbund verkam zwischenzeitlich zur Schlangengrube. Und sein Zugpferd, die Männernationalmannschaft, muss nach zwei vermasselten Turnieren erst noch beweisen, dass die von Hansi Flick beschworene Aufbruchsstimmung anhält.

Gut, dass auch der Bundestrainer kurzfristig zum Finale nach London flog. Er sollte sich bald mit Voss-Tecklenburg noch einmal persönlich darüber austauschen, wie sie das gemacht hat: neue Vorbilder zu schaffen, die erfolgreich und sympathisch sind. Das könnte Flick vielleicht helfen, um es bei der WM in Katar noch in diesem Jahr nachzumachen. Und er hat gesehen: Es braucht nicht unbedingt einen Titel, um aus der Wüste als Gewinner zurückzukommen.

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