Energie aus dem Nordosten

Im vorpommerschen Lubmin soll möglichst schnell Flüssiggas ankommen können

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 4 Min.
Kanzler Olaf Scholz (SPD) besuchte am Mittwoch die für Nord Stream 1 vorgesehene Turbine, die derzeit in Mülheim an der Ruhr auf den Weitertransport nach Russland wartet.
Kanzler Olaf Scholz (SPD) besuchte am Mittwoch die für Nord Stream 1 vorgesehene Turbine, die derzeit in Mülheim an der Ruhr auf den Weitertransport nach Russland wartet.

Lubmin: gelegen an der Ostsee im Nordosten von Mecklenburg-Vorpommern, Seebad mit Tradition, gut 2000 Einwohner*innen – und aktuell wie in der Vergangenheit eng verknüpft mit dem Thema Energiegewinnung. Hier produzierte zu DDR-Zeiten das VE Kombinat Kernkraftwerke Bruno Leuschner Greifswald Atomstrom und später auch Fernwärme. Noch immer wird das 1990 abgeschaltete und 1995 endgültig stillgelegte AKW zurückgebaut. Direkt angrenzend befindet sich das Zwischenlager Nord, in dem schwach-, mittel- und hochradioaktiver Atommüll aufbewahrt wird.

Heute dreht sich in Lubmin allerdings alles ums Gas – um das, das ankommt, nicht ankommt und künftig hier ankommen soll. ln der Gemeinde rund 20 Kilometer östlich von Greifswald landen die Ostsee-Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 an, die russisches Gas liefern oder eben nicht liefern. So sorgte und sorgt Nord Stream 2 in Bund und Land zwar für viel Ärger, in Mecklenburg-Vorpommern etwa beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss mit dem Komplex. Wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine erhält die fertiggestellte Pipeline allerdings keine Betriebsgenehmigung.

Umso gespannter, ja schon ängstlich richtet sich der Blick in der mit dem Krieg gegen die Ukraine ausgelösten Energiekrise auf die seit Ende 2011 in Betrieb befindliche Pipeline Nord Stream 1: Wie viel Gas schickt der staatlich kontrollierte Energieriese Gazprom durch die Leitung? Für wie lange? Und reicht es, um über diesen Winter zu kommen? Schaute man die letzten beiden Coronajahre noch auf Neuinfektionszahlen, Sieben-Tage-Inzidenzen und Hospitalisierungsraten, sind es nun Gasliefermengen, Gasspeicherfüllstände und das Hickhack um eine Turbine.

Derzeit leitet Gazprom noch etwa 20 Prozent der eigentlich möglichen Menge Gas durch Nord Stream 1. Auf diese Menge wurde der Lieferumfang im Juli nach einer turnusmäßigen Wartung der Leitung reduziert, nachdem es zuvor schon nur 40 Prozent der möglichen Menge gewesen waren. Die Bundesregierung macht für die Reduzierung Kremlchef Wladimir Putin verantwortlich, der die Gaslieferungen als Waffe im Konflikt um die Ukraine einsetze. Lieferant Gazprom wiederum gibt für das geringe Gasvolumen technischen Problemen die Schuld – nämlich besagter Turbine.

Die steht nach Wartungsarbeiten in Kanada und dem wegen der Sanktionen gegen Russland dort umstrittenen Transport nach Deutschland derzeit in Mülheim an der Ruhr und erhielt am Mittwoch prominenten Besuch: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Der erklärte während seines Ortstermins bei Siemens Energy erneut: »Die Nichteinhaltung der Lieferverträge hat keine technischen Gründe.« Die Turbine könne »jederzeit eingebaut und eingesetzt werden«. Was von russischer Seite dagegen vorgebracht werde, sei »nicht auf einer Faktenbasis nachvollziehbar«. Zudem verwies der Kanzler darauf, dass es neben Nord Stream 1 auch die Möglichkeit gebe, Gas über Pipelines durch Belarus oder die Ukraine zu liefern.

Neben Scholz betonte auch Christian Bruch, Vorstandschef von Siemens Energy, technisch könne man die Lieferreduzierung »nicht nachvollziehen«. Mit Blick auf die Turbine erklärte er, für deren Lieferung nach Russland fehle lediglich eine Anforderung durch Gazprom. Zudem sei die in Mülheim wartende Turbine nur eine von mehreren. Es gebe in Russland »sechs solcher Turbinen plus zwei kleinere«. Für die vollständige Auslastung von Nord Stream 1 seien fünf nötig, es liefe jedoch nur eine davon. »Deswegen sind wir bei 20 Prozent«, so Bruch.

Während es in dem wirtschaftskriegerischen Trauerspiel um die Turbine wohl noch einige Akte geben dürfte, wird an einer Alternative zum russischen Gas gearbeitet. Und wieder spielt Lubmin dabei eine entscheidende Rolle: als einer von mehreren Anlandepunkten für Flüssiggas, das sogenannte LNG. Dieses kommt verflüssigt per Schiff an, wird vor Ort wieder in Gas umgewandelt und ins Netz eingespeist. Dafür eignet sich Lubmin hervorragend, denn dort befinden sich auch die Schnittstellen zu den Pipelines Nel (Nordeuropäische Erdgasleitung), Opal (Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung) und Eugal (Europäische Gas-Anbindungsleitung).

In der Planung sind dabei zwei LNG-Projekte in Lubmin, eines vom Bund, der drei weitere Terminals für Flüssiggas im Westen an der Nordsee anstrebt, und ein privatwirtschaftliches. Während die Anlage des Bundes, die von den Energiekonzernen RWE (Deutschland) und Stena-Power (Norwegen) betrieben werden soll, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Montag bekannt gab, wohl frühestens Ende 2023 in Betrieb gehen soll, will das Unternehmen Regas bereits ab dem 1. Dezember Gas ins Netz einspeisen. Geplant ist eine jährliche Liefermenge von 4,5 Milliarden Kubikmetern.

Wegen der geringen Wassertiefe des Greifswalder Boddens vor Lubmin ist laut Regas vorgesehen, dass drei Shuttle-Schiffe das Flüssiggas von einer Umladestation außerhalb des Küstengewässers abholen und zu einem »Regasifizierungsschiff« im Lubminer Industriehafen bringen. Von dort aus seien es noch 450 Meter bis zum Ferngasleitungsnetz.

Am Mittwoch sollte laut Ankündigung von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) eine eigens eingesetzte Arbeitsgruppe der Landesregierung erstmals mit dem Unternehmen Regas zusammenkommen. Man wollte darüber beraten, wie das Genehmigungsverfahren für das geplante LNG-Projekt zügig vollzogen werden könne.

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