Gasspeicher füllen sich weiter

Trotz deutlich geringerer Importe aus Russland laufen die Vorbereitungen auf den Winter

  • Von Bernward Janzing
  • Lesedauer: 5 Min.
Analoge und digitale Anzeigen in der Anlage des Gasspeichers Wolfersberg östlich von München
Analoge und digitale Anzeigen in der Anlage des Gasspeichers Wolfersberg östlich von München

Es ist eine markante Schwelle – nicht viel mehr, aber immerhin: Am vergangenen Freitag überschritt der Füllstand der deutschen Erdgasspeicher die Marke von 70 Prozent. Seit zwei Wochen steigt der inzwischen vielbeachtete Kennwert täglich um etwa 0,4 Prozentpunkte. Angesichts des geringen Zustroms über die Ostseepipeline Nord Stream 1, deren Kapazität derzeit nur zu 20 Prozent genutzt wird, ist das eine erstaunlich gute Entwicklung. Aktuell liegt der Füllstand sogar bei 72 Prozent.

Dass dies möglich ist, hat vor allem zwei Gründe. Zum einen hat Deutschland seinen Erdgasverbrauch bereits spürbar gedrosselt. In den Monaten April bis Juni lag dieser jeweils zwischen 19 und 34 Prozent niedriger als im Vergleichsmonat des Vorjahres. Im ersten Halbjahr wurden in der Summe 15 Prozent eingespart, sodass selbst der Vergleichswert des Lockdown-Jahres 2020 noch knapp unterschritten wurde.

Hinzu kommt, dass andere Länder nun mehr Erdgas liefern. Die Niederlande und Norwegen exportieren zusätzliche Mengen per Pipeline. Hinzu kommen Lieferungen von Flüssigerdgas (LNG) per Tankschiff über die Terminals der Nachbarländer. Für Deutschland sind speziell jene in Rotterdam (Niederlande), Zeebrugge (Belgien) und Dunkerque (Frankreich) relevant. Hauptlieferanten von LNG sind Katar, Australien und die USA.

In der letzten Juliwoche wurden 2,9 Milliarden Kubikmeter LNG in der EU angeliefert, ferner kamen 2,7 Milliarden per Pipeline aus Norwegen, gut 500 Millionen aus Algerien. Der Anteil des in Deutschland verbrauchten Erdgases, der aus Russland kommt, ist von 35 Prozent im Januar und Februar auf zehn Prozent im Juni gesunken.

Ironie der Geschichte: Nachdem in Deutschland ein LNG-Terminal lange Zeit politisch nicht durchsetzbar war, ist man zurzeit froh über die Anlagen der Nachbarländer. Inzwischen strebt die Bundesregierung auch den Bau eigener Terminals an, doch weil er Jahre bräuchte, will man vorerst auf schwimmende Terminals zurückgreifen. Vier solche Anlagen mit einer Jahreskapazität von jeweils fünf Milliarden Kubikmeter hat Deutschland für 2,94 Milliarden Euro angemietet. Kurzfristig hat aber auch dies keinen Effekt: Die örtlichen Gasnetze an den Standorten Wilhelmshaven, Brunsbüttel, Stade und Lubmin sind knapp dimensioniert und müssten erst noch ausgebaut werden. Zusammen sollen die vier Terminals im Vollbetrieb rund 40 Prozent jener Erdgasmenge ins deutsche Netz bringen, die Nord Stream 1 bei voller Auslastung liefern kann. Oder anders gerechnet: Die vier Terminals könnten im Vollbetrieb rund 20 Prozent des aktuellen Erdgasbedarfs decken.

Mit derzeit 70 Prozent hat der Speicherstand einen für die Jahreszeit typischen Wert erreicht. Im März war der Vorrat noch so gering gewesen wie seit Jahren nicht. Nach dem Willen der Bundesregierung sollen die deutschen Untertagespeicher zum 1. November zu 95 Prozent gefüllt sein. Diese haben ein Fassungsvermögen von 23 Milliarden Kubikmeter. Dies entspräche einem Verbrauch von 243 Milliarden Kilowattstunden (Terawattstunden, TWh) und würde den deutschen Gesamtbedarf etwa drei Monate lang decken.

Unterdessen spitzt sich seit einigen Wochen die Debatte um die drei letzten deutschen Atomkraftwerke zu. Es geht dabei um die Frage, ob eine Laufzeitverlängerung in nennenswertem Maße Erdgas sparen könnte. Dazu muss man vor allem zwei Zahlen kennen: Nur 14,6 Prozent des Stroms in Deutschland wurden im ersten Halbjahr 2022 aus Erdgas erzeugt. Und nur zwölf Prozent des gesamten Gasverbrauchs entfällt auf die Stromwirtschaft. Die Kraftwerke stehen damit erst auf Platz vier hinter der Industrie mit 37 Prozent, den Haushalten (31 Prozent) sowie Handel, Gewerbe und Dienstleistungen (13 Prozent).

Die Idee, Erdgasstrom kurzerhand durch zusätzlichen Atomstrom zu ersetzen, greift ohnehin zu kurz. Die Zusammenhänge des Marktes sind nämlich komplex und stehen dem Ansinnen ein Stück weit entgegen. Unabhängig voneinander zeigten kürzlich zwei Studien von Strommarktanalysten den Zusammenhang auf: Berechnungen der Denkfabrik Enervis belegten, dass eine Laufzeitverlängerung der drei AKW den deutschen Gasverbrauch im Jahr 2023 um gerade 1,2 Prozent reduzieren würde, Simulationen von Energy Brainpool kamen sogar auf einen noch etwas geringeren Wert.

Das liegt daran, dass nach den Mechanismen des Strommarkts die eher unflexiblen Atomkraftwerke, würde man sie länger am Netz lassen, primär andere unflexible Kraftwerke verdrängen würden, in erster Linie also Kohlekraftwerke. Die Gaskraftwerke als flexible Anlagen würden weiterhin im Markt bleiben, weil das Stromsystem deren Flexibilität benötigt und entsprechend wirtschaftlich belohnt.

Zudem muss man auch die Stromexporte betrachten. Denn wenn Deutschland mehr Strom erzeugt, fließt ein Teil davon in Nachbarländer ab. Auch in diesem Jahr hat Deutschland – nicht zuletzt wegen der drei noch laufenden Atomreaktoren – schon viel Strom exportiert. Seit Jahresbeginn lag der Exportüberschuss bei mehr als 18 Terawattstunden (TWh). Der Strom ging vor allem in die Schweiz, nach Österreich, Polen und Frankreich. Frankreich ist erstmals Nettoimporteur deutschen Stroms, weil viele der alten Atomreaktoren dort technische Probleme haben und daher nicht zur Verfügung stehen. Die Trockenheit und Hitze, die zu Kühlwassermangel führen, kommen noch hinzu.

Für Europa wird es mit Blick auf den Winter entscheidend sein, wie sehr es gelingen wird, den Energieverbrauch zu drosseln. Vor allem in den Kommunen gibt es dazu viele Ideen. Auch in der Industrie sind durch verminderte Produktion in nicht systemrelevanten Branchen große Einsparungen möglich.

Zudem soll auch Biogas einen Teil dazu beitragen, dass der Abschied von Importen aus Russland gelingt. Zum einen wird schon heute in Deutschland Biogas in fast 10 000 Anlagen vor Ort verstromt, womit der Betrieb von Erdgaskraftwerken reduziert wird. Seit 2006 wird zudem Biogas auf Erdgasqualität aufbereitet und als Biomethan ins Gasnetz eingespeist. Die rund 230 Anlagen im Land speisen inzwischen rund 10 TWh pro Jahr ein, was nur etwa einem Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs entspricht. Das Potenzial für Biomethan liegt nach Angaben der Deutschen Energieagentur beim Einsatz von »nachhaltig nutzbarer Biomasse« sogar zehnmal so hoch – womit es im deutschen Gasnetz sogar ganz ohne Importe aus Russland ginge.

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