Wieder einmal: tödliche Polizeischüsse

16-Jähriger stirbt in Dortmund. Beamter schoss sechs Mal mit Maschinenpistole auf ihn

  • Von Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 4 Min.

Nach Polizeieinsätzen, bei denen Menschen zu Tode kommen, heißt es im Anschluss in der Regel, die Beamten hätten angesichts einer Bedrohungslage keine andere Wahl gehabt, als von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. So auch im Fall eines Jugendlichen, der am Montagnachmittag in Dortmund von einem Polizisten erschossen wurde. Beamte waren am zu einer Jugendhilfeeinrichtung gerufen worden. Einer von ihnen feuerte in der Folge mindestens sechs Mal auf einen Jungen aus seiner Maschinenpistole vom Typ MP5. Nur eines der Projektile verfehlte den mutmaßlich suizidgefährdeten 16-Jährigen. Zuvor soll der Junge die Beamten mit einem Messer bedroht haben.

Seither laufen Ermittlungen zu den Hintergründen der Tat. Der Todesschütze werde, wie in solchen Fällen üblich, als Beschuldigter geführt, sagte der zuständige Oberstaatsanwalt Carsten Dombert am Dienstag. Es gehe um den Anfangsverdacht der Körperverletzung mit Todesfolge. Nach Angaben Domberts hatte einer der Betreuer der Jugendhilfeeinrichtung die Polizei gerufen, weil er den 16-Jährigen mit einem Messer gesehen habe. Der war der Einrichtung demnach erst vor Kurzem zugeteilt worden und soll dort zuletzt übernachtet haben. Es handele sich bei ihm um einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aus dem Senegal, so Dombert. Was der Jugendliche ursprünglich mit dem Messer vorhatte, ob er sich selbst oder auch andere verletzen wollte, sei noch unklar.

Im Verlauf des Einsatzes zwischen der Einrichtung und einer Kirche sollen die Polizisten erst auch Reizgas und ein Elektroschockgerät, einen sogenannten Taser, eingesetzt haben. Schließlich fielen die Schüsse. Mit den Ermittlungen wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft »aus Neutralitätsgründen« die Polizei Recklinghausen betraut.

Nach Angaben von Dombert sollen drei Betreuer als Zeugen vernommen werden, ebenso die Polizisten, die nicht schossen. Die Leiche des 16-Jährigen wurde obduziert. Der vorläufige Obduktionsbefund ergab laut Dombert, dass der Jugendliche von je einer Kugel im Bauch und im Kiefer, von drei weiteren an Schulter und Unterarm getroffen wurde. Er war noch ins Krankenhaus gebracht worden, starb aber bei einer Notoperation.

Frank Schniedermeier vom Vorstand der Gewerkschaft der Polizei (GdP) NRW verteidigte am Dienstag allgemein den Schusswaffengebrauch bei Messerangriffen. Diese seien besonders gefährlich für die Beamten: »Wenn Arterien getroffen werden, verblutet man innerhalb weniger Minuten.« Laut LKA gab es allein in NRW im Jahr 2020 mehr als 50 Angriffe mit Messern auf Polizisten. Wenn ein Täter erst einmal neben einem stehe, habe man keine Chance mehr, sagte Schniedermeier. In der Ausbildung werde gelehrt, mit einem Messer Bewaffnete sollten erst angesprochen und aufgefordert werden, die Waffe wegzulegen. Bei einem Angriff habe man nur Sekundenbruchteile für eine Entscheidung. Bleibe noch Zeit, solle ein Warnschuss in die Luft abgegeben werden, ansonsten müsse man so schießen, dass das Gegenüber »angriffsunfähig« sei, erklärte der Gewerkschafter.

Erst in der Nacht zum Montag war ein 39-Jähriger nach einem Polizeieinsatz im nordrhein-westfälischen Oer-Erckenschwick nach einem Polizeieinsatz gestorben. Polizisten aus dem Kreis Recklinghausen waren am Sonntagabend gerufen worden, weil der Mann in einer Wohnung randaliert haben soll, berichtete die Regionalpresse. Nachdem Pfefferspray eingesetzt wurde, weil er »massiven Widerstand« geleistet habe, brach der Mann zusammen und verlor das Bewusstsein. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er im Laufe der Nacht starb. Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion des Leichnams angeordnet. Diesen Fall untersucht, ebenfalls aus »Neutralitätsgründen«, die Polizei Dortmund. Pfefferspray kann insbesondere in Wechselwirkung mit Drogen oder Psychopharmaka tödlich sein. Darauf hatte der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags bereits 2010 nach mehreren Todesfällen in Zusammenhang mit Pfefferspray in einem Gutachten hingewiesen.

Am vergangenen Mittwoch hatte in Köln eine Zwangsräumung ein tödliches Ende gefunden. Zweimal schossen Polizisten auf den Mann, der seine Wohnung verlassen sollte. Er soll sie mit einem Messer bedroht haben. mit Agenturen

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