"Wir haben noch mit Bleisatz gelernt"

Der Drucker Gunther Schulz über ein Arbeitsleben im Familienbetrieb und die Herausforderungen des technologischen Wandels

  • Von Anita Wünschmann
  • Lesedauer: 7 Min.
Drucker Gunther Schulz: "Wir haben noch mit Bleisatz gelernt"

Herr Schulz, Sie wirken immer so ausgeglichen, ist das hier Ihr Traumberuf?

Ich liebe meinen Beruf, doch ursprünglich wäre ich gern Zahnarzt geworden. Da aber meine Mutter aus einer Handwerksfamilie kam und mit einer Druckerei selbstständig war, wurde ich nicht zum Abitur zugelassen. Man brauchte gute Facharbeiter, so der damalige Bescheid, um die »sozialökonomische Struktur der Bevölkerung« zu wahren. Eine Ausbildung beim »Neuen Deutschland«, der damals einzigen Institution in der DDR, die Druckerei-Facharbeiter mit Abitur ausbildete, war so leider nicht möglich. Stattdessen habe ich meine Lehre bei der Buchdruckerei Wolf absolviert, einem sehr anerkannten Buchdrucker. Später habe ich in Leipzig an der Fachschule studiert.

Was war Ihre Spezialisierung?

Ich habe Akzidenzsatz gelernt. Das bedeutet Herstellung von Kleindrucksachen – im Gegensatz zum Werkdruck, der im Wesentlichen Bücher umfasst. Das Wichtige ist: Man lernt auch hier ästhetische Gesetze wie den Goldenen Schnitt. Ich musste aber auch Tabellen setzen.

Lange vor dem Tabellensatz am Computer!

Richtig. Es ging um Linien und Stärken, um Zwischenräume im typografischen Maßsystem. Wenn man vor dem Setzkasten steht und auswählt, entsteht ein körperliches Verständnis für den Druck.

Die Ausbildung liegt nun schon eine Weile zurück, was hat sich gewandelt?

Wir haben noch mit Bleisatz gelernt, nach dem Prinzip des Druckes Fläche gegen Fläche. Da ist der Satz, dort ist das Papier. Aber mit Bleisatz habe ich seit über 20 Jahren nicht mehr gedruckt. Denn das Druckereiwesen ist ganz besonders dem technologischen Wandel unterworfen. Gerade die letzten 15 Jahre haben einen enormen Schub gebracht: So hat zum Beispiel der Digitaldruck enorm an Qualität gewonnen. Bei hochprofessionellen Drucken muss ich inzwischen mit dem Fadenzähler schauen, um den Unterschied zum Offsetdruck zu erkennen. Vor wenigen Jahren galt Digitaldruck noch als etwas Minderwertiges. Aber auch all die anderen Aspekte der Beschleunigung sind zu berücksichtigen. Bis ein Korrekturlauf eines Etikettendrucks aus dem Ausland zurückkam, vergingen Monate. Das ging ja noch in den 90ern per Post hin und her. Oder wenn ich grafische Filme brauchte, zog ich mit Disketten los in ein externes Labor. Heute geht alles in Echtzeit. Wenn ein Kunde zur Tür reinkommt, kann ich den Stick nehmen und sage sofort, ob es sich lohnt, sein Layout zu drucken – und zwar Text und Bild. Die Bildproduktion war früher ein Extraberuf.

Haben Sie diesen Wandel vorausgesehen?

Durch das eigene Studium und meine Zeit als Ausbilder im Meisterstudium war ich gut darauf vorbereitet, auch durch den Austausch mit den Kollegen aus den alten Bundesländern, die uns technologisch sehr zur Seite standen. Lebenslängliches Lernen gilt aber in dem Metier mehr als anderswo.

Was produzieren Sie?

Jahrelang konnten wir für die BASF-Tochter in Altlandsberg Bauchemie-Etiketten auf speziellem Papier drucken. Es war ein Spezialdruck gefragt in einer für unsere Maschinen maximalen Größe. Wir waren daher gut bezahlbar und druckten 200 Aufkleber für Paletten und Tausende für einzelne Dosen. Diese Bauchemikalien gingen in die ganze Welt. Wir waren damals bei knapp unter zehn Mitarbeitern und hatten hier im alten Kino Produktionsräume auf drei Etagen und große Pläne. Die Produktivität wuchs, die Umsätze aber gingen zurück, die Auflagen wurden unregelmäßiger. Inzwischen bin ich hier allein. Ich mache Visitenkarten und Unternehmens-Drucksachen, Bücher und Broschüren, Kalender und Hefte, die ich auch selbst binde. Zu den gut 15 Produkten, die ich auch jetzt noch anbiete, gehören geöste Banner, Fahrzeugbeschriftungen im wetterfesten Großformatdruck und großflächige Außenwerbung. Es ging immer darum, für jeden Kunden alles möglich zu machen.

Seit wann gab es die familiäre Druckerei?

Die Druckerei ist in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Mein Urgroßvater war gelernter Schriftsetzer und führte später in einer Offizin (Werkstatt mit angeschlossenem Verkaufsraum, Anmerkung d. Red.)moderne Bleisetzmaschinen mit ein. 1919 erwarb er die Druckerei für die Familie.

Und dann ging es von Generation zu Generation weiter?

Ja, am Stadtrand. Mein Urgroßvater zog mit seiner Druckerei bereits hierher. Wohnen und Arbeiten – so war es billiger – fanden von da an immer unter einem Dach statt. Mein Großvater führte die Druckerei von 1952 bis 1961. Danach hat vorübergehend meine Großmutter übernommen. Meine Mutter löste sie 1965 ab, nachdem sie – für eine Frau zu der Zeit durchaus ungewöhnlich – ihren Meister gemacht hatte. Sie hatte vorher Schriftsetzer gelernt und dann in einem Betrieb gearbeitet, in dem vor allem Betriebsanleitungen für Schiffe gedruckt wurden.

Das ging so bis 1990?

1990 war für uns ein Riesenumbruch. Verwaltungsmäßig. Kunden fielen weg. Die Produktion änderte sich total. Erst recht der Einkauf. Alle großen Aufträge brachen von einem Tag auf den anderen weg. Unser größter Kunde war bis dahin die Interflug. Bald tröpfelte nur noch der eine oder andere Auftrag vom Flughafen ein. Bis dahin mussten Drucksachen noch genehmigt werden. Es gab dafür eine Druckgenehmigungsstelle in der Kulturabteilung im Rathaus. Die Genehmigungsnummer stand auf jedem Formular, selbst auf den Kalenderseiten. Das fiel nun weg. Auch die Kontingente für das Papier oder die Wartezeiten für Maschinen. Das waren zumindest die Erleichterungen. Die Produktion aber hatte sich total gewandelt, und wir haben – manchmal vom eigenen Mut überrascht und dank Krediten – eine neue Maschine nach der anderen erworben. Inzwischen sind die auch alle abbezahlt.

An welchem Erfahrungspunkt waren Sie selbst 1990?

Ich war 1987 mit dem Fernstudium fertig. 1989 war die Wende und wir sind zur Drupa, der Druck- und Papiermesse, nach Hannover gefahren. Wir wurden von einer Papierfabrik eingeladen und mit Bussen abgeholt. Es gab ein Frühstück, und dann wurde uns die Technologie gezeigt. Für manche Kollegen mag es ein Schock gewesen sein. Sie wussten zum Teil nicht, was da genau vor ihnen stand. Zum Glück war mein Studium auf internationalem Niveau. Wir hatten in gewissem Maße auch Programmieren gelernt und konnten uns zumindest in diese neuen Technologien schnell eindenken.

Gab es in der DDR bereits Visitenkarten oder ist das eine Erscheinung der 90er?

In den 90ern haben wir dann wieder welche gemacht, mehr denn je. Vor 1990 gab es zum Beispiel Visitenkarten für Berufsausbildungswerbung. Es war nicht immer nur personenbezogen.

Sind denn im heutigen digitalen Zeitalter gedruckte Visitenkarten in dem Maße noch üblich?

Durchaus! Mit fantastischen Titeln und Berufsbezeichnungen. Die Anglizismen wuchern nur so. In bestimmten Situationen sind Visitenkarten nach wie vor unerlässlich.

Wie kam der Umzug ihres Firmensitzes ins Kino zustande?

Sie wissen ja, nichts währt länger als ein Provisorium! Unser Betrieb befand sich 75 Jahre lang quasi im Keller eines Einfamilienhauses. Wir arbeiteten im Haus mit vier Tiegeln (Druckerpresse, bei der Press- und Gegendruckkörper je eine ebene Fläche bilden, Anmerkung d. Red) – drei Adast-Graphopress-Druckmaschinen aus der damaligen ČSSR und einem Tiegel der Firma Heidelberger Druckmaschinen. Meine Mutter saß abends vor dem Fernseher im Wohnzimmer und hat die Seiten zusammengetragen. Da wir uns zu Hause nur noch im Slalom bewegten, benötigten wir einen größeren Raum. Bei einem geschlossenen Bieterverfahren 2002 bekamen wir den Zuschlag für das Kino in Wilhelmshagen, das damals schon zu einem Bürogebäude mit Vorführsaal umgebaut worden war. Die Maschinen stehen alle im Kinosaal.

Dieser ist inzwischen eine Art Schatzkammer. Sie sammeln all die Maschinen?

Ich sammle nur die Drucktechnik aus dem analogen Bereich. Wir haben noch vier Buchdruckmaschinen. Drei davon sind Automaten, die die Seiten selbst einziehen und wieder auslegen. Eine ist noch aus der Zeit meines Urgroßvaters. Dann gibt es noch den A3–Überformattiegel aus den 1930ern, der auf- und zuklappt. Damit stanze oder perforiere ich.

Sehen Sie sich als besonders technikaffin?

Ich liebe die Technik, aber sie ist nur ein Werkzeug. Mich interessiert die Ästhetik. Das gilt auch für den digitalen Bereich. Heute hat jeder einen Drucker zu Hause stehen. Aber nicht jeder Drucker kann alles, und nicht jeder weiß, was sein Drucker kann. Gerne vergleiche ich das mit dem Hobel, den viele zu Hause haben, ohne wirklich tischlern zu können.

Und die Zukunft?

Meine Tochter könnte mit einsteigen. Ausbildung und Fähigkeiten dazu hat sie. Sie war auch schon mal hier dabei. Im Moment ist sie quasi auf Wanderschaft.

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