Gas ist die ›neue Kohle‹

Gasexit will klimaschädliche Infrastruktur in Berlin sichtbar machen und tritt für die Wärmewende ein

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 5 Min.
Gasleitungen sichtbar machen – das will Gasexit am Samstag mit solchen Plakaten in Berlin, hier zu sehen im Video der Gruppe.
Gasleitungen sichtbar machen – das will Gasexit am Samstag mit solchen Plakaten in Berlin, hier zu sehen im Video der Gruppe.

Auf dem Gasherd in der WG-Küche kocht der Kaffee und im Radio läuft ein Beitrag über LNG-Terminals, als ein Brief von Vattenfall ankommt: die Gasrechnung. »1178 Euro«, liest eine der Mitbewohner*innen den beiden anderen entgeistert vor. Die Szene entstammt einem Video, mit dem die Klimagruppe Gasexit zu ihrem Aktionswochenende an diesem Samstag und Sonntag mobilisiert. Inmitten der Energiekrise ist das Thema Gas aktueller denn je, der Verbrauch wird teurer und teurer.

»Der billigste Weg aus der Krise sind erneuerbare Energien, durch welche die Menschen von Gasheizungen wegkommen«, sagt Benedikt Heyl von Gasexit zu »nd«. Das Problem: Die meisten Menschen, vor allem Mieter*innen, haben keinen Einfluss darauf, womit ihre Wohnungen geheizt werden. »Ich lebe selbst in einer Wohnung mit Gasetagenheizung und habe weder die finanziellen Mittel noch die Macht, das zu ändern«, stellt der 23-jährige Klimaaktivist fest. Daher seien Wohnungskonzerne wie Vonovia und der Energieversorger Vattenfall dafür zur Verantwortung zu ziehen.

Die Lösung könne nicht sein, auf weitere Gasquellen als Alternative zu Importen aus Russland zu setzen, egal ob auf Flüssigerdgas aus der Nordsee oder solches aus Unrechtsstaaten wie Katar, weil damit nur noch mehr Abhängigkeit geschaffen und das Klima weiter aufgeheizt würde. Mittel- und langfristig müssten Energie- und Wärmeversorgung vom Gas unabhängig werden, fordert Gasexit. Die kurzfristige Lösung gegen die steigenden Preise seien Förderungen für einkommenschwache Haushalte und eine Übergewinnsteuer für Krisenprofiteure, wie zum Beispiel Großbritannien sie bereits eingeführt hat.

Anders als der Klimagruppe Ende Gelände, die vor zwei Wochen in Hamburg gegen LNG-, also Flüssiggas-Terminals protestierte, geht es dem Bündnis Gasexit, das sich 2021 in Berlin gründete, eher um den Gebäude- und Wärmesektor vor Ort, also um die Verbraucher*innenseite. Noch immer sei Gas ein abstraktes Thema, weil es – im Gegensatz zu Kohlegruben – nicht so sichtbar sei, obwohl es fast überall in der Stadt verbrannt werde. An Häusern weisen kleine gelbe Schilder darauf hin, von denen die meisten Menschen wahrscheinlich nicht wüssten, was sie bedeuteten, vermutet Heyl. »Wir reden über Nordstream, aber Gas ist hier vor Ort«, betont er. Darauf will Gasexit an diesem Samstag mit einer Schnitzeljagd aufmerksam machen, bei der die Aktivist*innen Gasleitungen mit größeren Plakaten deutlich beschriften.

Im Anschluss wird mit Vertreter*innen von der Deutschen Umwelthilfe, von Berlin Erneuerbar und Gasexit das Thema »Grüne Wärme für alle« diskutiert. Dabei soll es unter anderem um die Vergesellschaftung des Wärmenetzes gehen. Bislang werde mit Strom und Wärme vor allem Profit gemacht, und die notwendigen Veränderungen hin zu erneuerbarer Energie »werden in den nächsten Jahren kein profitables Geschäft sein«, prognostiziert Heyl.

Anders als die neuen Gasleitungen, die Vattenfall aktuell am Standort Reuter West in Charlottenburg plant: Weil sie theoretisch auch für Wasserstoff genutzt werden könnten und dieser als klimafreundlich gilt, bekomme Vattenfall dafür noch eine Förderung der EU, »obwohl die Wärmeversorgung die nutzloseste Anwendung von Wasserstoff ist«, kritisiert Heyl und nennt das »eine Vergeudung von Mitteln«.

Stattdessen fordert Gasexit von der Berliner Politik die Rekommunalisierung und Dekarbonisierung des Wärmenetzes. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE) in Kassel ist die Umstellung der Fernwärme auf erneuerbare Energien in Kooperation mit Brandenburg bis 2035 technisch machbar: mit Großwärmepumpen, die zum Beispiel Abwärme aus Industrieprozessen und Rechenzentren sowie Flusswärme und Geothermie nutzen könnten. Die Gasinfrastruktur habe dafür keinen Wert und sollte daher ohne große Entschädigungszahlungen rekommunalisiert werden, findet Heyl.

Die Klimabewegung habe es in den vergangenen Jahren geschafft, Kohle als »Klimakiller« bekannt zu machen. »Gas gilt immer noch als umweltfreundliche Alternative. Deshalb wollen wir Gas als die ›neue Kohle‹ etablieren und den Menschen bewusst machen, dass es genauso klimaschädlich ist«, sagt Heyl. Höhepunkt des Aktionswochenendes wird die Climate-and-Boat-Demo mit Berlin Erneuerbar und der Bund-Jugend Berlin am Sonntag auf der Spree. Von der East Side Gallery aus wollen die Aktivist*innen ihren Protest flussabwärts an den Kraftwerken vorbeitragen.

Samstag, 14-17.30 Uhr: Schnitzeljagd, Treffpunkt am S-Bahnhof Beusselstraße auf der Brücke
17-19 Uhr: Gespräch »Grüne Wärme für alle – wie schaffen wir das?« mit anschließendem Beisammensein, Mehringhof, Gneisenaustraße 2a
Sonntag, 12 Uhr: Climate-and-Boat-Demo, Anmeldung unter: www.berlinerneuerbar.de/climate-and-boat

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