Um Biologie geht es nicht

Für Außenstehende ist die Schärfe, mit der die Diskussion um Rechte für trans Personen geführt wird, kaum nachvollziehbar. Eine neue Studie räumt Befürchtungen beiseite

  • Von Kirsten Achtelik
  • Lesedauer: 5 Min.
Jugendliche Queers demonstrieren für ihre Rechte
Jugendliche Queers demonstrieren für ihre Rechte

In den nächsten Wochen soll es einen Referentenentwurf zum Selbstbestimmungsrecht geben, Frauenministerin Lisa Paus (Grüne) und Justizminister Marco Buschmann (FDP) hatten vor der parlamentarischen Sommerpause bereits die Eckpunkte dafür vorgestellt.

Dreh- und Angelpunkt des geplanten Gesetzes ist die Selbstdefinition der Betroffenen trans Personen, auf Englisch Self-ID. Dieser von Menschenrechtler*innen und Sexualwissenschaftler*innen vertretene Ansatz besagt, dass es für niemanden außer der betroffenen Person selbst möglich ist, zu sagen, welches Geschlecht sie hat. Jeder Versuch einer solchen Festlegung von außen, etwa durch Psycholog*innen oder Gerichte, ist demnach ein massiver Eingriff in die fundamentalen Rechte auf körperliche Selbstbestimmung und Diskriminierung. Die feministische Zeitschrift Emma, »genderkritische« Feministinnen und andere bezeichnen dies als »Transideologie«.

Das aktuelle Transsexuellengesetz legt fest, dass für eine Personenstandsänderung trans Personen in einem Gerichtsverfahren zwei Sachverständigengutachten vorlegen müssen. Diese müssen bestätigen, dass die Person sich tatsächlich nicht dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht, sondern dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet, und mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sich dies nicht mehr ändern wird. Die Gutachten muss die Person selbst bezahlen, sie gehen mit entwürdigenden Befragungen einher. Das alles ist zurzeit noch nötig, um den Geschlechtseintrag und den Vornamen zu ändern. Erst 2008 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass eine Personenstandsänderung keine Scheidung voraussetzt, erst seit 2011 ist keine Zwangssterilisierung mehr nötig. Angesichts dieser Zumutungen ist die Ungeduld von trans Personen nachvollziehbar.

Für eine solche Personenstandsänderung soll es künftig ausreichen, beim Standesamt eine Erklärung darüber abzugeben, dass die Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlechtseintrag übereinstimmt. Minderjährige sollen ab dem 14. Lebensjahr selbst zum Standesamt gehen können, wenn die Erziehungsberechtigten zustimmen. Ohne diese Zustimmung muss ein Familiengericht entscheiden. Für Kinder und jüngere Jugendliche sollen die Eltern die Personenstandsänderung einleiten können. Diese ist wichtig, damit trans Kinder und Jugendliche in der Schule mit ihrem richtigen Namen angesprochen und nicht die ganze Zeit missgendert werden.

Die aktuelle Emma warnt jedoch: „Dieses Gesetz könnte Zehntausende Jugendliche die körperliche und seelische Unversehrtheit kosten.» Um zu erklären, wie falsch der menschenrechtliche Ansatz ist, haben sie die emeritierte Direktorin des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie, Christiane Nüsslein-Volhard, interviewt, die 1995 den Nobelpreis für Medizin erhielt. Nüsslein-Volhard gibt der Zeitung einen »Grundkurs Biologie«, in dem sie mit Argumenten wie »das ist Wahnsinn«, »das ist Quatsch« die Ansicht vertritt, es gebe nur zwei Geschlechter. Das selbe Interview findet sich auch auf der Webseite der zum Springer-Konzern gehörenden Zeitung „Welt» in der Kategorie »Wissen« hinter einer Bezahlschranke. Im rechtskonservativen Magazin »Cicero« zeigt sich der ehemalige Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb (SPD) sehr angetan von diesen Thesen.

Geschlecht ist aber nicht das »was man zwischen den Beinen hat«. Geschlecht ist gesellschaftlich hergestellt und veränderbar. Das gilt für cis Personen – also die, die sich in ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht ganz wohl fühlen – und trans Personen gleichermaßen. Selbst biologisch wird Geschlecht von drei Faktoren bestimmt: äußere und innere Geschlechtsorgane, Geschlechtschromosome und Hormone. Diese drei Komponenten können in unterschiedlichen Kombinationen vorkommen und die meisten Menschen wissen nicht mal, was sie für Chromosome haben oder wie viel Testosteron oder Östrogen sie im Körper haben. Sie leiten einfach aus ihren äußeren Genitalien ab, dass alles andere schon dazu »passen wird«. Darum erscheint die von »genderkritischen« und transfeindlichen Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen vertretene These, es gäbe nun mal nur zwei Geschlechter, auch nachvollziehbar; eben Menschen mit Penis – Männer und Menschen mit Vulva – Frauen. Wie alle biologischen Definitionen ist das aber keine gottgegebene oder natürliche Tatsache, sondern eben eine sinnstiftende Reduktion der vorhandenen Komplexität, eine Festlegung, auf die man sich geeinigt hat.

»Genderkritische« Aktivist*innen äußern immer wieder die Befürchtung, die zunehmende öffentliche Thematisierung von Transgeschlechtlichkeit und die bevorstehenden Erleichterungen der Personenstandsänderung würden das Wohl von Kindern und Jugendlichen gefährden. Der aktuelle »Hype« verleite sie zu unüberlegten Entscheidungen, die nicht mehr rückgängig zu machen seien. Vor allem Feministinnen und Lesben argumentieren, dass junge Frauen eine Transition nutzen würden, um den bedrückenden patriarchalen Rollenbildern zu entkommen und zu heterosexuellen Männern zu werden. Immer wieder werden Zahlen aus einzelnen Kliniken angeführt, die belegen sollen, dass die Zahl von trans Jungen, also bei Geburt weiblich zugewiesenen Jugendlichen, die transitionieren, enorm steigen würde. Eine Studie, die Anfang August in dem medizinwissenschaftlichen Journal »Pediatrics« erschienen ist, hat hingegen keine Hinweise gefunden, die dies bestätigen. Verwendet wurden Daten aus der US-Befragung »Youth Risk Behavior Survey« aus den Jahren 2017 und 2019 in 16 Bundesstaaten. Die knapp 200 000 Heranwachsenden stellen eine relativ große Gruppe dar. Im Befragungszeitraum sanken die Zahlen der Jugendlichen, die sich als trans oder »gender diverse« identifizierten, von 2,4 auf 1,6 Prozent. Zwar stieg die Zahl der trans männlichen Jugendlichen leicht an – 2017 transitionierten 1,5 trans weibliche und eine trans männliche Person; 2019 transitionierten 1,3 trans weibliche und eine trans männliche Person. Das ist jedoch keine absolute Zunahme, sondern liegt daran, dass weniger bei der Geburt als männlich deklarierte Jugendliche transisionierten.

Ein Hype oder eine Mode ist hier jedenfalls nicht zu erkennen. Genauso wenig haben die trans Jugendlichen es einfacher. Deutlich mehr transgeschlechtliche Jugendliche gaben an, Opfer von Mobbing geworden zu sein, sowohl in der Schule als auch im Internet.

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