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Unter harten Hunden

In Doris Dörries Film »Freibad« wird die Liegewiese zum Schauplatz eines Kulturkampfes

Nichts am Freibad ist wirklich frei. Unfreibad müsste es eigentlich heißen.
Nichts am Freibad ist wirklich frei. Unfreibad müsste es eigentlich heißen.

Im Freibad trifft die ganze Welt zusammen, so klingen sie, die Apologien auf das Schwimmbecken, umsäumt mit Wiese, darauf eine Imbissbude, in der es niemals etwas anderes geben wird als Pommes Schranke (wahlweise Currywurst). Es ist die Rede davon, dass sich im Freibad die klassenlose Gesellschaft zusammenfindet. Hier formt sich die Egalität zu Speckröllchen über der Badehose, zu dicken oder dünnen Oberschenkeln, Bier- oder Muskelbauch. Artikel 1: Vor dem Bademeister sind alle gleich.

Aber das stimmt nicht. Das Freibad ist der unfreiste Ort der Welt. Wer es sich leisten kann, hat eh einen eigenen Pool, wer Körperängste hat, zeigt sich nicht so offensiv vor anderen. Wer Menschen in Massen nicht erträgt, ist bei extremen Temperaturen sicher nicht an diesem Ort. Im Freibad, da sind nur die harten Hunde. So muss man auch Doris Dörries neuesten Film »Freibad« verstehen, der sich in echt als ein Kampf der Kulturen in einem Freiburger Schwimmbad vor etwa fünf Jahren zugetragen hat, dem »Lollo«, wie das Lorettobad auch genannt wird; Deutschlands einziges Freibad für Frauen.

Dörrie lässt alles noch ganz harmlos beginnen: Wir sehen Körper wie schwerelos durchs Wasser gleiten, in einer Vielfalt, wie man sie im Kino noch zu selten sieht: große, kleine, dicke, dünne, schwarze, weiße. Und es fällt sofort auf: Es sind nur Frauenkörper, wie überhaupt der ganze Ort ein Wimmelbild aus Frauen ist. Aber schnell ist klar, so friedlich, wie sie hier nebeneinander schwimmen, wird es nicht bleiben, der Körper ist ein Kampfplatz, erst recht, wenn Frauen unter sich sind.

Und dann wird es harsch. Die Polizei, recht deppert dargestellt, zieht auf und muss einen Streit zwischen Muslimas und den Zweite-Welle-Feministinnen Gabi (Maria Happel) und Eva (Andrea Sawatzki) schlichten, die hauptsächlich mit sich und dem Älterwerden hadern, aber nebenbei auch noch die freie Welt verteidigen müssen.

Aber es ist auch eine Leistung, in diesen Zeiten einen Film zu drehen, in dem (fast) nur Frauen mitspielen, der trotzdem hier und da den Bechdel-Test nicht bestehen würde. Am schwersten ist das zu ertragen, als Bademeisterin Steffi (Melodie Wakivuamina) durch einen Mann (Samuel Schneider) ersetzt wird und die halbe Wiese unter Schnappatmung fast zusammenbricht, Sonnenbrillen von der Nase geschoben werden und von irgendwoher ein Schwanz-Witz erklingt. Gerade in den ersten 20 Minuten ist »Freibad« so penetrant auf die Pointe inszeniert, dass er sich kaum von einer beliebigen Sketchsendung im Privatfernsehen unterscheidet.

Doch das ist bei Weitem nicht das größte Problem dieses Drehbuchs, an dem neben Dörrie auch Madeleine Fricke und Karin Kaçi mitgeschrieben haben. In seinen schlimmsten Minuten will der Film Satire sein, macht aber stattdessen antimuslimische Klischees zur Ulknummer, etwa wenn das Kopftuch unter den Altfeministinnen für einen Flachwitz herhalten muss. Es fehlt dem Film mindestens eine schlaue Ebene, um hier stattdessen über Gabi und Eva lachen zu können.

Dörrie bietet in »Freibad« ein Panoptikum an Charakteren auf, nimmt sich aber nicht die Zeit, diese dann auch liebevoll zu begleiten. Stattdessen werden unterm Baum die grillenden Türkinnen platziert, die das ganze Bad zunebeln, vorne am Pool die ebenso spitzzüngigen wie bornierten Ladys Gabi und Eva, denen Madeleine Albright mal den Satz gewidmet haben muss: »In der Hölle gibt es einen speziellen Platz für Frauen, die andere Frauen nicht unterstützen.« Dazwischen eine woke, unrasierte Studentin, die gleichzeitig noch für Bodypositivity herhalten muss, aber stets etwas naiv und dümmlich daherkommt, was wohl als Dörries Kommentar zur Debatte gelten kann, sowie die queere Grillmeisterin Kim vom Imbiss, die, logisch, die Frage stellt: Wann ist eine Frau eine Frau?

Später gesellen sich noch Niqab tragende Muslimas dazu, und natürlich eskaliert dann die Situation vollends, weil beim Thema Vollverschleierung die angeblich herrschaftsfreie Freibadgesellschaft an ihre Grenzen stößt. So weit, so realistisch.

Leider fällt dann auf, dass wirklich jede Rolle in diesem Film mehr oder minder zur Sprechpuppe des eigenen Klischees wird. Immerhin gesteht Dörrie den Figuren Gabi und Eva zu, ihren Charakteren ein wenig Tiefe zu verleihen, und wir erfahren, dass sie ihre Angst vor Einsamkeit so bösartig macht. Aber wissen wir nicht genug über die Evas und Gabis dieser Welt, können wir nicht mal den grillenden türkischen Mamas ein bisschen zuhören? Die Antwort ist denkbar einfach: Der Film ist für Gabis und Evas gemacht.

Dörrie möchte mit »Freibad« der deutschen Mehrheitsgesellschaft einen Spiegel vorhalten, und manchmal gelingt ihr das auch, wenn die beiden Grazien eines Morgens Kartoffeln unter ihren Liegen finden oder wenn die Freibadchefin Rocky (Lisa Wagner) Arabisch mit Schwyzerdütsch verwechselt, aber das ist eben auch ungefähr das Witzniveau, auf dem sich der Film die meiste Zeit bewegt.

An wenigen Stellen blitzt kurz das Potenzial des Stoffes hervor, wenn Gabi etwa den Satz sagt: »In unserer Kultur zeigt man sein Gesicht«, und dabei eine völlig überdimensionierte Sonnenbrille und ein buntes Kopftuch von Hermès trägt und bis zur Unkenntlichkeit geschminkt ist, eine Art Panzer gegen die Außenwelt.

Hinzu kommt, dass viele interessante Aspekte des Drehbuchs vom Primat des Brachialhumors überfahren werden und nach kurzer Einführung abgewürgt sind, etwa wenn die türkischstämmigen Frauen sich von den Araberinnen und ihrer Vollverschleierung belästigt fühlen oder der Generationenkonflikt unter Frauen mit Migrationsgeschichte angerissen wird. Auch das Stichwort Fachkräftemangel fällt, nachdem Bademeisterin Steffi ihren Job gekündigt hat und ein Mann als Nachfolger ins Frauenbad kommt. Warum wollen den Job so wenige Frauen machen? Aber für all das ist keine Erzählzeit mehr da, denn unter anderem muss herausgefunden werden, wer in den schönen Pool gekackt hat. Ein dramaturgischer Tiefpunkt.

Die deutsche Komödie kann so einiges, wenn sie sich mit voller Hingabe ihrem Personal widmet (»Sonnenallee«, »Herr Lehmann«, »Oh Boy«, »Toni Erdmann«), sobald sie sich in die Debatten der Zeit einmischen will, passen, wie bei Dörries »Freibad«, nur noch die groben Schablonen, damit auch wirklich jeder aus der Mehrheitsgesellschaft da abgeholt wird, wo er steht und sich keinen Zentimeter bewegen muss; auch nach dem Film nicht.

»Freibad«: Deutschland 2022. Regie: Doris Dörrie, Drehbuch: Doris Dörrie, Karin Kaçi, Madeleine Fricke. Mit: Andrea Sawatzki, Maria Happel, Nilam Farooq, Melodie Wakivuamina. Start: 1.9.

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