Die Privatfeministin

Pionierin der Frauenbewegung und des Comic: 100 Jahre Marie Marcks

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 8 Min.
Der Witz ist der, dass dieser alte Cartoon leider immer noch gilt
Der Witz ist der, dass dieser alte Cartoon leider immer noch gilt

Wer wissen will, woher die Gewalt in Deutschland kommt, muss nicht »Der Untertan« von Heinrich Mann lesen oder »Das weiße Band« von Michael Haneke schauen. Auch »Die Verwirrungen des Zöglings Törleß« von Robert Musil sind nicht unbedingt nötig. Das ist alles berühmt und toll und traurig, aber im Grunde reichen zwei Zeichnungen von Marie Marcks. Es geht dabei um ihre Einschulung im Berlin der Weimarer Republik. Auf dem ersten Bild schreitet ein blondes Mädchen mit dem Ranzen auf dem Rücken auf eine blonde Lehrerin zu, die mindestens doppelt so groß und viermal so schwer ist, streckt die Hand aus und sagt: »Tach!«. Auf dem zweiten Bild antwortet die Lehrerin: »Sei-nicht-so-vor-laut-und geh-sofort-auf-dei-nen-Platz!« Mit der einen Hand hält sie die Hand des Mädchens fest und mit der anderen schlägt sie drauf.

Über diesen beiden Bildern ist eine Zeichnung in Schwarz-Weiß zu sehen, auf der ein Mädchen mit Zöpfen einen langen Flur entlanggeht, der hinten offen ist. Darunter steht: »Dies ist der düstere Gang der Volksschule, in die ich 1928 eingeschult wurde. Er roch nach Turnschuhen. Das helle Viereck hieß nicht Freiheit, sondern nur Schulhof. Ich sollte immer hübsch, höflich und manierlich sein.«

Klar, dass daraus nichts wurde, denn das Leben ist kein Schulhof, zum Glück. Und Marie Marcks wurde eine feministische, linke Künstlerin – und eine Pionierin der Comic-Kunst, als sie 1974 begann, ihre Karikaturen und Strips als Sammelbände zu veröffentlichen. Das war in Westdeutschland neu, in Ostdeutschland fing Barbara Henniger ein kleines bisschen später damit an. Marcks’ Bilder von ihrem ersten Schultag sind in ihrer gezeichneten Autobiografie »Marie, es brennt!« zu finden, erschienen 1984. Der Titel spielt auf die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg an. Es war die erste bundesdeutsche Graphic Novel.

Zwar hatte Gerhard Seyfried sein Comic-Buch »Invasion aus dem Alltag« schon 1980 veröffentlicht, aber eigentlich ist das mehr ein langer Funny-Strip am Stück. Chlodwig Pohts Comic-Autobiografie »50 Jahre Überfluss« erschien erst 1990 und wurde damals als neues Ding gefeiert. Doch Marcks war früher. »Schwarz-weiß und bunt«, der zweite Teil ihrer Lebenserinnerungen, war schon 1989 herausgekommen. Und der von ihr zeitlebens verehrte Zeichner Hans Traxler, heute der letzte Überlebende der alten Neuen Frankfurter Schule, veröffentliche seine Kindheitserinnerungen erst 2019, im Alter von 90 Jahren: »Mama, warum bin ich kein Huhn?«. Das war in erster Linie Prosa, die er durch Illustrationen schöner machte.

Marie Marcks war auch die erste Zeichnerin, die sich mit der ökologischen Katastrophe beschäftigte. Im technokratischen »Modell Deutschland« der SPD der 70er Jahre galten die sogenannten Umweltfragen als special interest von Hippies, Müslis und anderen Komikern. Doch Marcks’ zweiter Ehemann war Atomwissenschaftler. Noch in den späten 50ern hatten sie sich von der Nutzung der Nuklearenergie wer weiß was versprochen, in den 60er Jahren verstanden sie, dass das ein sehr gefährliches Geschäft war, befeuert von der Rüstungsindustrie. Sie begannen mit der Parole »Atoms for Peace« und landeten irgendwann beim Slogan »Kampf gegen den Atomtod«.

Marcks war eben früher dran, auch früher als die Zeichnerinnen, die heute als die feministischen Wegbereiterinnen gelten: Claire Bretécher, Franziska Becker und Julie Doucet. Sie war die erste, weil sie einfach älter war, geboren am 25. August 1922 in Berlin, gestorben am 7. Dezember 2014 in Heidelberg. Anlässlich ihres 100. Geburtstags sind nun beim Antje Kunstmann Verlag zwei Sammelbände in einem Schuber erschienen. Der eine vereint ihre »Autobiografischen Aufzeichnungen 1922–1968«, der andere »Karikaturen und Bildergeschichten«.

Sie war »nie richtig« in der Frauenbewegung, verriet sie W.P. Fahrenberg 2010 in einem Interview, das im Band mit den Zeichnungen abgedruckt ist. Eher sei sie eine »Privatfeministin« gewesen. Sie erzählte Fahrenberg, wie sie 1964 als Karikaturistin bei der »Süddeutschen Zeitung« angefangen hatte: »Ich hatte sicher als Frau, damals als einzige Frau in einer von Männern dominierten Zeitungswelt, einen ganz anderen Blick auf das Weltgeschehen – ich hatte fünf Kinder, drei Mädchen und zwei Jungen, und wenn es um Kriegsgefahr und Wiederbewaffnung ging, waren die natürlich immer in meinem Hinterkopf«. Die Männer hätten diese »ganz persönlichen Bedrohungen« überhaupt nicht reflektiert und schon gar nicht so etwas wie den Paragraf 218: »Die Männer machten zwar die Gesetze, aber die Sache selber interessierte sie nicht wirklich – mich schon«.

Gleich ihre erste Karikatur hatte die Männer in der »Süddeutschen Zeitung« beeindruckt. So etwas hatten sie noch nie gesehen: Marcks zeichnete den Bundeskanzler Ludwig Erhard als eine Kaffeekanne mit Zigarre inmitten einem Meer von Sammeltassen – seinen Untertanen. Wie aber geht Feminismus? 1973 zeichnete sie eine lächelnde langhaarige Frau an einem Tisch, die einem verdrossen-langbärtigen Mann den Arm tätschelt und sagt: »Nun muffel’ doch nicht gleich wegen meinem Ruf nach Bremen, du kannst ja da einen Kinderladen machen oder irgendetwas!« Ein zeitloser Witz, da es bis heute fast immer andersherum läuft. Immer noch wie in einem ihrer Cartoons von 1974: Ein Mann schläft auf der Couch vor dem Bücherregal, an der Frau zoppeln drei Kinder rum und sie sagt ihnen: »Papa braucht Ruhe für seine Arbeit!« Care-Arbeit ist, wenn Männer sich erst mal um sich selbst kümmern.

Was ist ihr Problem? Sie sollten keine Angst vor den Frauen haben, meint Marcks. In einer berühmten Zeichnung von ihr sitzt ein kleiner Mann mit Brille zwischen den Beinen und Brüsten einer großen Frau und liest ein Buch, beide sind nackt und grinsen friedlich. Gleichwohl ist das ambivalent: Übermutter und Bücherwurm (männlich), Natur und Geist, Care und Ego – wenn man sich’s überlegt, ist das nicht gut. Andererseits ist es aber auch eine Umdrehung der Neurosen eines Robert Crumb, in dessen Comics kleine Männer stets von großen Frauen dominiert werden (wollen) in Richtung einer Utopie von Harmonie oder zumindest von Entspannung. Doch wann sind Männer schon mal entspannt? Die Übermutter-Zeichnung stammt aus dem Buch »Weißt du, dass du schön bist?« von 1974. Auf dem Cover fragt das eine Frau einen Mann, der seine Hosen runtergelassen hat, sie hat ihre schon ausgezogen, aber noch ein T-Shirt an, der Mann ist oben ohne. Und er schämt sich, ist rot angelaufen.

In den 80er Jahren galt Marie Marcks als Ikone der Frauenbewegung, zusammen mit Alice Schwarzer, doch richtig zusammen kamen beide nie. Als Schwarzer 1977 die Zeitschrift »Emma« gründete, fand Marcks den Titel albern. Und als sie »Emma« als ersten Beitrag einen Comic anbot, wollte ihn Schwarzer nicht haben. Marcks bebilderte das alte Lied von Walter Kollo aus dem Jahr 1913, das später auch Brigitte Mira gesungen hat: »Die Männer sind alle Verbrecher, / ihr Herz ist ein finsteres Loch, / ihr Herz, das hat tausend Gemächer / – aber süß, süß sind sie doch!« Marie Marcks fügte noch ein »Nur so langweilig …« hinzu, doch Alice Schwarzer fand das »trotz der Ironie darin, einfach viel zu männerfreundlich«, erzählte Marcks W.P. Fahrenberg. Die Zeichnung ist im zweiten Sammelband zu sehen: Diese Männer tragen alle Aktentaschen und laufen stupide zur Arbeit oder kommen von der Arbeit – was keinen Unterschied macht.

»Zwischen uns und dem Feind einen klaren Trennungsstrich ziehen«, diese alte Forderung von Mao aus dem chinesischen Guerillakrieg prägte die linksradikalen Gruppen seit 1968. Bei Marie Marcks konnte man sich diesen Strich in den Bildern anschauen. Er war elegant und filigran, voller Details, aber nicht borniert und hypermoralisch gezeichnet. Er galt der Trennung vom Patriarchat als gesellschaftlichem Verhältnis, aber nicht den Männern an sich. Die waren schon bescheuert genug. Liest man »Marie, es brennt!«, in dem Marcks ihr Leben bis 1952 schildert, bemerkt man eine starke emanzipatorische Kraft und große Unabhängigkeit. Es gibt viele Männer, die sie interessant findet oder in die sie sich verliebt. Sie hat im Krieg zwei Freunde gleichzeitig und kann sich nicht entscheiden, bis sie von dem einen ihr erstes Kind bekommt. Aber deshalb muss man noch lange nicht heiraten, sagt ihre Mutter.

Und man muss auch nicht bei den Nazis mitmachen. Dass es nicht anders gegangen sei, ist ja immer noch die Lieblingserzählung in vielen deutschen Familien. Marie Marcks verweigert sich erst dem BDM (allerdings nur aus Versehen) und später dann den Wehrübungen (keine Lust) und es passiert ihr – nichts. Bei Kriegsbeginn schreibt sie in ihr Tagebuch: »Die Regierung besteht aus Betrügern, im Radio wird gelogen – wir sind das Volk, das zu gehorchen hat!« Anfangs findet sie die Luftangriffe aufregend, später brennt das Haus ihrer Eltern ab. Ihr Vater ist Architekt, Freund von Walter Gropius, die Mutter hat eine Kunstschule. Die Nazis und der Krieg ruinieren beider Existenz. Und dann gibt es noch den Onkel, den Bildhauer und Bauhaus-Lehrer Gerhard Marcks, dessen Kunst die Nazis als »entartet« verbieten. Gegen Kriegsende begibt sich Marcks, die kein Zuhause mehr hat, mit ihrem Baby auf eine Odyssee: eine Abenteuergeschichte, die sie wiederum unbeschadet übersteht.

Nach dem Krieg gibt es Existentialisten-Jazz und lange Zeit kein Geld. Sie arbeitet als Grafikerin, Dekorateurin und Buchstabenmalerin, verliebt sich neu und bekommt weitere Kinder und wohnt zeitweise in den USA, wo ihr Mann als Wissenschaftler arbeitet. Für sie hatten die Jahre 1943 bis 1953 die »Liebes und (Über-)-Lebenskämpfe meine Seelen- und Körperkräfte in Anspruch genommen, mein politisches Bewusstsein war absorbiert von dem nachträglichen Begreifen des eben überstandenen Nazigrauens (…), während schon wieder wie besessen gerüstet wurde: In Ost (f.d. Frieden) u. West (f. d. Freiheit). Das ›Gleichgewicht des Schreckens‹ war der politischen wie militärischen Weisheit letzter Schluss.« Marie Marcks fragte sich: »Sich wehren, verflucht noch mal, aber wie?« Tja, die Frage bleibt. Um noch mal auf die Männer zurückzukommen: Einer ihrer schönsten Cartoons zeigt einen Mann mit freiem, gekrümmten Oberkörper, der eine große Weltkugel auf seinen Schultern trägt. Daneben steht eine Frau im Kleid und sagt: »Roll doch das Ding, Blödmann!«

Die große Marie Marcks. Zweibändige Werkausgabe. Verlag Antje Kunstmann, 448 S., geb., 58€

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