»Viele Kinder kamen verstört zurück«

Anja Röhl fordert von der Bundesregierung eine Beteiligung an der Aufarbeitung des Unrechts, das Kinder in sogenannten Verschickungsheimen erlitten

  • Jana Frielinghaus
  • Lesedauer: 9 Min.

In der Bundesrepublik wurden seit den 50er Jahren bis in die 90er hinein etwa acht Millionen Kinder auf ärztliche Anordnung auf Kuren in »Verschickungsheime« gebracht. Kinderkurheime und Kinderheime nahmen die Kinder zu 6-Wochen-Kuren nach ärztlicher Diagnose auf. Viele hatten dort traumatische Erlebnisse. Frau Röhl, Sie haben eine Petition an Familienministerin Lisa Paus (Grüne) gestartet. Darin fordern Sie ein Engagement des Bundes bei der Aufarbeitung physischer und psychischer Misshandlungen an diesen Kindern. Warum jetzt diese Eingabe?

Wir, also der Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickungen e.V., haben schon Anfang 2020 Kontakt zum Bundesfamilienministerium aufgenommen, weil wir merkten, wie viele Betroffene uns anschrieben, nachdem wir Artikel zum Thema veröffentlicht hatten. Da war uns schnell klar: Eine wissenschaftliche Bearbeitung des Materials und eine systematische Erforschung der einzelnen Heime und ihrer Betreiber können wir als kleine Gruppe von Ehrenamtlichen unmöglich leisten. Und wir haben festgestellt, dass es von der Politik bisher nicht genügend anerkannt wurde, dass es diese Gewalterfahrungen hunderttausendfach gegeben hat.

Interview

Die Autorin und Sonderpädagogin Anja Röhl hat über ihre eigene Verschickung literarische Texte geschrieben und dafür viel Resonanz bekommen. Seitdem setzt sie sich dafür ein, dass dieses dunkle Kapitel der vor allem westdeutschen Geschichte näher beleuchtet wird. Auch wenn die Bundesregierung sich für die Aufarbeitung bislang nicht sonderlich einsetzen will. Mit ihr sprach Jana Frielinghaus.

Was wollten Sie zunächst erreichen?

Wir haben im Bundesfamilienministerium um ein Gespräch gebeten, um das Thema und die Notwendigkeit der Aufarbeitung darstellen zu können. Und dann bekamen wir erst ein Jahr später einen Termin, im Januar 2021. Da wurde uns gesagt, die Rentenversicherung müsse eine Machbarkeitsstudie erstellen, die sollten wir abwarten. Sie wurde erarbeitet, und das Ministerium teilte mit, dass wir im August 2021 einen Bescheid bekommen würden. Der kam aber nicht. Dann haben wir ja im Januar 2022 noch mal angefragt. Wir hatten wirklich eine große Geduld, auch weil es einen Regierungswechsel gegeben hatte.

Gab es dann noch mal einen Gesprächstermin im Ministerium?

Am 7. Juli fand eine Videokonferenz statt, in der man uns gleich zu Beginn mitteilte, dass der Bund komplett die Verantwortung ablehnt, die Aufarbeitung sei ausschließlich Sache der Länder. Wir waren völlig vor den Kopf gestoßen, denn wir bekamen nicht mal die Chance, unsere Argumente vorzutragen. Dabei hatten wir enorm viel vorbereitet. Wir haben trotzdem eine Dreiviertelstunde versucht zu begründen, warum der Bund doch zuständig ist.

Was erwarten Sie konkret von der Bundesregierung?

Wir wollen finanzielle Unterstützung für die Einrichtung einer Geschäftsstelle, für ein Dokumentationszentrum und für eine Hotline zur Unterstützung der Bürgerforschungsgruppen, die es bis jetzt gibt. Wir wollen, dass diese Einrichtungen zu je einem Drittel vom Bund, von den Ländern und von den Trägern der Heime finanziert werden. Es geht also nicht um große Summen.

Was hat der Verein für Schlussfolgerungen aus dem Gespräch mit den Vertretern aus dem Ministerium gezogen?

Für uns war klar, dass wir jetzt die Öffentlichkeit suchen müssen. Ich habe dann die Petition aus meiner persönlichen Perspektive verfasst. Schon nach vier Tagen hatten wir 25 000 Unterschriften, nach zwei Wochen 38 000. Viele Unterstützer haben geschrieben, dass sie selbst Verschickungskind waren. Wenn 50 000 Unterschriften erreicht sind, wollen wir die Petition in den Bundestag einbringen. Wir streben eine öffentliche Anhörung zum Thema an.

Von wie vielen Menschen, die bei Kuren negative bis furchtbare Erlebnisse hatten, gehen Sie aus?

Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende haben bei ihren Kuraufenthalten Misshandlungen erlitten, wurden Opfer von Arzneimittelversuchen, einige starben sogar. Insgesamt gab es in der Bundesrepublik etwa 1500 Kinderkurkliniken und -heime mit einer Bettenkapazität von 56 900 Plätzen, die 7 Mal im Jahr neu belegt wurden.

Im September 2019 haben Sie den Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinderverschickungen mitbegründet. Was war der Auslöser?

Ich hatte in den Jahren 2004 und 2009 literarische Texte über meine eigene Verschickung geschrieben und sie auf meine Autorinnen-Webseite gestellt. Da gab es in kurzer Zeit 50, 100, 250 Kommentare. Als es irgendwann 500 waren, habe ich zusammen mit einer Journalistin, die dann zu demselben Thema einen Zeitungsartikel schrieb und zu der ich Kontakt aufnahm, überlegt, was damit zu tun ist. Dann habe ich gesagt: Ich bin Sonderpädagogin, ich veranstalte dazu einen Kongress. Ich schaue mal, wer unter den Kommentatoren wissenschaftlich arbeitet und sie in einem Aufruf angefragt, ob sie bei der Aufarbeitung und Erforschung der Kinderverschickungen mitarbeiten würden. Kurz darauf konnten wir unseren Verein mit mehreren Autoren, Wissenschaftlern und einem Rechtsanwalt gründen. Wir haben dann auf unserem ersten Fachkongress die offene »Initiative Verschickungskinder« gegründet, die bundesweit arbeitet und im Sommer 2019 die Webseite ins Netz gestellt. Dort können Betroffene ihre Geschichten aufschreiben. Mittlerweile sind auf der Seite 4000 persönliche Berichte öffentlich zugänglich.

Wie kommt es, dass erst so ein Auslöser wie Ihr Artikel kommen musste, damit so viele Menschen über das von ihnen Erlittene sprechen und schreiben?

Es gab viele Faktoren, die dazu führen, dass wenige überhaupt zu Hause davon erzählten – und dass von diesen wiederum vielen nicht geglaubt wurde. Die Kuren wurden überwiegend Vorschulkindern verordnet. Vierjährige können einerseits noch nicht schreiben, andererseits können das Erlebte oft noch kaum in Worte fassen. Und die Eltern wurden bewusst angelogen. Da gab es Werbefilme, wo die Einrichtungen in den rosigsten Farben beschrieben wurden. Und für diejenigen, die schon größer waren, gab es eine regelrechte Briefzensur. Wenn sie etwas Negatives an die Eltern schrieben, wurden die Briefe zerrissen. Dazu kam, dass die Kinder sehr weit weg von zu Hause untergebracht wurden. Sie mussten Entfernungen von häufig um die 800 Kilometer in vollen Sonderzügen zurücklegen.

War den Kindern das Erlebte nach ihrer Rückkehr nicht anzusehen?

Doch. Viele Kinder kamen verstört zurück, waren eingeschüchtert, ängstlich, litten unter Albträumen. Manche waren krank. In Interviews haben mir Betroffene berichtet, dass ihre Eltern sie bei der Heimkehr kaum wiedererkannten und erschrocken riefen: »Wie siehst du denn aus?« Die Kinder kamen oft verdreckt zu Hause an, weil sie sich auf der Zugfahrt übergeben hatten, waren dehydriert, weil sie nicht genug zu trinken bekommen hatten. Einer meiner Interviewpartner kam mit einer schweren Leberzirrhose zurück, ein anderer mit einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Auf Beschwerden von Eltern antworteten die Heimleiter, in der Einrichtung sei es dem Kind noch sehr gut gegangen, die Abschlussuntersuchung habe das bescheinigt, und die Eltern seien ja zu bedauern, dass sie einem Kind mit so blühender Fantasie glaubten. Dadurch haben sich die meisten einschüchtern lassen.

Und viele haben ihren Kindern nicht geglaubt …

Ja, das war eher die Regel. Aber die meisten Kinder haben nichts erzählt. Wenn Fünf- oder Sechsjährige ihre Eltern nach sechs langen Wochen endlich wiedersahen, waren sie so erleichtert, dass das Erlebte erst einmal in den Hintergrund rückte. Wenn sie dann erst später doch zu erzählen begannen, waren die Eltern oft skeptisch, denn sie hatten ja während der Kur jede Woche einen Brief bekommen, in dem die »Tanten« schrieben, dem Kind gehe es gut, es habe schon eine Freundin gefunden, spiele wunderbar, das Essen sei toll. Und Kinder, die schon schreiben konnten und sozusagen auf Geheiß mitteilten, dass alles bestens sei, mussten sich ja selbst der Lüge überführen, wenn sie zu Hause das Gegenteil erzählten.

Welche Zwangs- und Bestrafungsmaßnahmen kamen besonders häufig vor?

Besonders typisch ist das Toilettenverbot. Das hatte auch mit dem Personalmangel zu tun, denn da wurde gnadenlos gespart. Nach den Akten, die wir bisher gefunden haben, waren die meisten Heime so überbelegt, dass nur zwei Toiletten auf 200 Kinder kamen. Also gab es in den meisten feste Toilettenzeiten. Viel schlimmer war, dass es Verbotszeiten während des Mittagsschlafs und abends gab. Deshalb machten gerade die Kleineren häufig ins Bett – und wurden dafür dann schrecklich bestraft. Sie wurden verprügelt oder morgens aus dem Bett gerissen, auf einen Tisch gestellt mit einem Schild um den Hals, auf dem »Bettnässer« stand. Eine Frau erzählte mir, sie sei mit ihrer nassen Unterhose auf dem Kopf zur Schau gestellt worden. Alle Kinder mussten an ihr vorbeigehen und sie auslachen. Aus Norderney haben wir einen Bericht, nach dem alle etwas nehmen und das Kind damit einmal schlagen mussten. Das gehörte ebenso zum Alltag wie das zwangsweise Einfüttern von Essen, das oft extrem schlecht war. Wenn sich Kinder deswegen übergeben mussten, wurden sie oft gezwungen, das Erbrochene zu essen. Dazu kommt der raue Ton, es gab kaum ein freundliches Wort.

In einigen Bundesländern werden von den jeweiligen Regierungen Projekte zur Erforschung dieser Kinderkuren staatlich gefördert. Was ist da bislang passiert?

Projekte gibt bislang nur in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg, natürlich auf unsere Initiative hin. Dort gibt es inzwischen auch jeweils eine Geschäftsstelle. Aber es zeigt sich hier, dass das so nicht ausreicht. Verschickung war ein bundesweit verzahntes Geschehen: Aus einem südlichen Bundesland sind die Kinder in ein nördliches verschickt worden und umgekehrt, das hatte System. Wir brauchen deshalb die Beteiligung des Bundes, der Länder und der Heimträger.

Wer hat die Heime vor allem betrieben?

Die großen Wohlfahrtsverbände, die es heute noch gibt, außerdem Rotes Kreuz, Caritas, Katholische Jugendfürsorge, Diakonie und ganz viele Krankenversicherungen waren beteiligt.

In den Landesparlamenten wurde bei Anhörungen gesagt, die Betroffenen dürften sich selbst nicht an der Forschungsarbeit beteiligen, weil sie befangen seien. Auch sonst erleben Sie Blockaden …

Ja, das hat mich besonders geärgert. Die Betroffenen sind ja diejenigen gewesen, die überhaupt mit der Forschung angefangen haben. Und was mich auch ärgert, ist, dass wir immer gefragt werden: Gab es das denn auch in der DDR? Wenn wir dann sagen: Ja, wir haben einen Arbeitskreis von Ostdeutschen, allerdings haben sich bislang nur 100 Personen aus dem Osten und 20 000 aus dem Westen bei uns gemeldet, dann schwindet das Interesse rapide. Oft wird uns signalisiert, dass, wenn es um die Aufarbeitung von DDR-Unrecht ginge, sofort Gelder zur Aufarbeitung da wären. Auf unserem nächsten Kongress im September wird eine Forscherin erste Ergebnisse zu DDR-Kinderkuren vorlegen. In unseren Online-Foren teilen jedoch viele positive Erinnerungen daran. Aber natürlich auch negative. Die Einrichtungen in der DDR müssen genauso untersucht werden, auch wenn es dort nur 100 Kinderkurheime gab, gegenüber 1500 in Westdeutschland.

Welche ökonomischen Interessen spielten bei den Kinderverschickungen eine Rolle?

Das war ein Wirtschaftsfaktor, wie schon die große Zahl der Verschickungen zeigt. Die Heimbetreiber, fast die Hälfte von ihnen waren private Unternehmungen, sparten an Lohnkosten und Essen, um so viel wie möglich von den Tagessätzen, die die Kranken- und Sozialkassen pro Kind zahlten, als Gewinn verbuchen zu können. Daher beschäftigte man sehr wenige und kaum qualifizierte Betreuungskräfte, nutzte Praktikantinnen aus Pflegefachschulen aus. Die Kinder wurden weitgehend einfach verwahrt. Das Einzige, was gemacht wurde, waren Spaziergänge und Wanderungen. Erst Ende der 80er Jahre gibt es Berichte, denen zufolge auch mal was gebastelt oder gespielt wurde. Für die Kurorte waren die Kinderfahrten in den 60er Jahren wichtig, weil sie für ein ökonomisches Aufblühen sorgten und deren Reichtum begründeten.

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