Das schwache Herz im Fokus

Weniger kardiologische Krankenhausaufnahmen und Eingriffe im ersten Pandemiejahr

Wenn Treppen nur mit Mühe überwunden werden, kann auch Herzschwäche die Ursache sein.
Wenn Treppen nur mit Mühe überwunden werden, kann auch Herzschwäche die Ursache sein.

Die Deutsche Herzstiftung stellt jährlich einen Bericht zum Stand der Medizin und der Erkrankungen unserer »Pumpe« vor. Das komplex aufgebaute Hohlorgan hat einen raffinierten Funktionsmechanismus, es leistet lebenslang Schwerstarbeit. Erkranken kann es aber auch, und die Herzleiden sind in der Summe weiterhin Haupttodesursache in Deutschland, noch vor den Tumorerkrankungen. Auch Covid-19 hat daran nichts geändert. Der Bericht bezieht sich auf Daten aus dem ersten Pandemiejahr 2020. Inzwischen vier Fachgesellschaften haben daran mitgearbeitet, darunter die der Kardiologen, der entsprechend spezialisierten Chirurgen und Kinderärzte sowie, als Neuerung, nun auch die des Reha-Bereichs. Vorgestellt wurde der Bericht am Mittwoch in Berlin.

Schwerpunkt in diesem Jahr ist die Herzinsuffizienz, harmloser als Herzschwäche bezeichnet. Bei dieser Krankheit wird der Körper nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt. Typische Symptome sind Luftnot bei Belastung oder stark geschwollene Beine. Aber das ist leider nur der Anfang: Denn die Herzinsuffizienz zählt zu den Krankheiten des Pumporgans mit der höchsten Morbidität. Das heißt, ein sehr hoher Anteil der Bevölkerung leidet darunter. 2020 wurden fast 430 000 vollstationäre Fälle gezählt. Auch die Mortalität, also die Sterblichkeit, ist hoch: 2020 starben 35 000 Menschen daran. Eine der Hauptursachen für die Herzschwäche ist Bluthochdruck, ein schon in der jüngeren, noch berufstätigen Bevölkerung weit verbreitetes Symptom.

Weil die Herzinsuffizienz aber zugleich eine unheilbare Erkrankung ist, setzen die Experten für die Zukunft auf eine verbesserte Prävention. Das ist aus Gründen geboten, die mit den Therapieoptionen bei weit fortgeschrittener Erkrankung zu tun haben. Denn auch bei der Herzinsuffizienz lässt sich nicht nur mit verschiedenen Medikamenten gegensteuern, sondern es könnten in bestimmten Fällen etwa sogenannte Herzrhythmus-Systeme implantiert werden.

Bei sehr schwerer Herzschwäche im Endstadium ist die Transplantation eines Spenderorgans die beste Therapieoption. Aber, so bedauert Andreas Böning von der Fachgesellschaft der Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgen: »Der Organspender-Mangel in Deutschland führt zu langen Wartezeiten.« Deshalb plädiert seine Organisation für eine Widerspruchslösung – dann könnten auch Spenderherzen immer dann entnommen werden, wenn der hirntote Mensch zuvor keinen Widerspruch gegen einen solchen Schritt eingelegt hat. Alternativen dazu gibt es kaum: Die Verwendung etwa von Schweineherzen wurde nach einem Rückschlag in diesem Jahr weit in den experimentellen Bereich zurückgeworfen. Für Kunstherzen gibt es inzwischen nur noch zwei zugelassene Anbieter auf dem Markt. Weil es bei dieser Therapie Probleme mit der Blutgerinnung und möglichen Infektionen gibt, sei der Enthusiasmus der Fachleute inzwischen gebremst, erklärt der Gießener Mediziner Böning.

Dass die Corona-Pandemie durchaus auch ihre Wirkungen auf die Versorgung der kardiovaskulären Erkrankungen hatte, ist besonders für das in diesem Bericht betrachtete erste Pandemiejahr nicht zu übersehen. Insgesamt sank 2020 die Zahl der stationären Aufnahmen aus diesen Gründen um zehn Prozent im Vergleich zu 2019. Ebenso sank die Zahl der verschiedensten Prozeduren in diesem Bereich, darunter auch das Einsetzen von Bypässen oder Stents. Andererseits ist den Kardiologen und Medizinern insgesamt klar, dass Herzpatienten ein zwei- bis dreifach erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf haben.

An der Position der Herzleiden als Haupttodesursache in Deutschland könnte sich bei allen Fortschritten der Medizin auch in Zukunft wenig ändern: Denn betroffen sind vor allem die Ältesten. Und der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung liegt jetzt schon bei über einem Fünftel, 2030 wird das Viertel erreicht sein. In Einzelbereichen gab es aber durchaus Fortschritte: So konnte die Sterblichkeit bei Herzinfarkten weiter gesenkt werden, unter anderem ein Effekt der bundesweit in der Fläche vorhandenen Chest-Pain-Units. Diese Krankenhausabteilungen versorgen Menschen mit akuten Brustschmerzen und können ohne Verzögerung feststellen, ob eine zeitkritische Herzerkrankung die Ursache ist.

Jedoch bleibt auch noch einiges unklar. So ist die Infarktsterblichkeit bundesweit zwar überall gesunken, aber die Werte sind im Osten Deutschlands immer noch schlechter als im Westen. Das hat vermutlich nicht nur mit der Altersstruktur der Bevölkerung zu tun, sondern auch mit der Verfügbarkeit kardiologischer Betreuung.

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