Rettung in Amsterdam

Vergessen durfte nicht sein: Von der Holocaust-Überlebenden Grete Weil sind drei Bücher wiedererschienen

  • Von Monika Melchert
  • Lesedauer: 6 Min.

Im bitteren Winter 1944, inmitten von Kälte und Hunger, beginnt die Emigrantin Grete Weil ihren autobiografischen Roman zu schreiben, hoch oben auf der Speichertreppe des Hauses in Amsterdam, in dem sie untergetaucht ist. Sie lebt und schreibt im Verborgenen, in der Illegalität, ähnlich wie Anne Frank. Nachts schläft sie hinter einer Bücherwand, um unsichtbar zu bleiben bei überraschenden Durchsuchungen. Die deutschen Besatzer werden immer gefährlicher. Seit 1941 deportieren sie die jüdische Bevölkerung von Amsterdam in die deutschen Vernichtungslager. Ihr Mann Edgar Weil wird im Juni 1941 bei einer Razzia auf offener Straße verhaftet und wenig später im KZ Mauthausen ermordet. Nun schließt sie sich dem deutschen Widerstand in Amsterdam an. Im Herbst 1943 gründen sie die »Holland-Gruppe Freies Deutschland« und versuchen, so viele Bedrohte wie möglich zu retten.

Grete Weil (1906–1999), geb. als Margarete Elisabeth Dispeker in einer bürgerlich-liberalen Familie im bayerischen Rottach-Egern, hatte bereits in Deutschland zu schreiben begonnen. Als jedoch die Emigration absehbar unvermeidlich wird, lässt sie sich zur Fotografin ausbilden, um im Ausland mit ihrem Beruf Geld verdienen zu können. 1935 flieht sie mit ihrem Mann in die Niederlande. Mit Beginn der deutschen Besatzung der Niederlande 1940 wird es jedoch für eine Jüdin immer schwieriger, hier zu überleben. Um sich und ihre Mutter zu schützen, arbeitet sie zunächst ab 1942 als Angestellte des Jüdischen Rates als Fotografin. Dessen Aufgabe ist es, das jüdische Leben im Sinne der SS zu organisieren und schließlich die Listen für die Deportationen vorzubereiten. Im September 1943 steht ihre eigene Deportation in ein Todeslager bevor. Sie taucht in der Wohnung eines Freundes unter. Im Versteck ist das Schreiben ihr einziger Rettungsanker, ihre Überlebensstrategie.

Der Verlag C. H. Beck hat nun ihren Roman »Der Weg zur Grenze« erstmals aus dem Nachlass veröffentlicht. In der Figur der Monika Merton, die von der bayerischen Heimat aus im Winter über die österreichische Grenze flieht, hat Grete Weil die Stationen ihres eigenen Lebens nachgezeichnet. Dazu wählt sie die Struktur von Rahmen- und Binnenhandlung. Wie eine Folie liegt unter der Romanfigur die Geschichte ihrer Liebe zu ihrem Cousin Edgar Weil, den sie schließlich heiratet.

Auf dem Weg durch die winterlichen Berge begleitet sie ein Bekannter, ein junger, gänzlich unpolitischer Lyriker. In nächtlichen Gesprächen in der Berghütte versucht sie, ihm ihre Beweggründe begreiflich zu machen, das Land der Nazis zu verlassen. Sie kann, nachdem sie ihren Mann verloren hat, die politische und soziale Ungerechtigkeit nicht mehr hinnehmen. Allerdings, so erklärt sie dem jungen Mann, sind sie selbst auch nicht schuldlos: »Wir haben mit in den Schoß gelegten Händen zugesehen, wie die Dämonen über unser Land gekommen sind.« Es ist eine packende Abrechnung mit ihrer Herkunft und ihren intellektuellen Prägungen in der Zeit der Weimarer Republik geworden. Ihr kritischer Blick macht auch vor dem eigenen Zögern nicht Halt, sich rechtzeitig politisch zu bekennen. Der Weg über die Grenze ist – auch metaphorisch gesehen – der erste Schritt, der zweite das viel kompliziertere Leben im Exil und der Widerstand.

Ein großer biografischer Essay der Herausgeberin Ingvild Richardsen im Anhang bietet zahlreiche bisher unbekannte Details aus dem Leben der Autorin. So bestätigt sie, dass Grete Weil an vorderster Stelle im deutschen Widerstand in Amsterdam engagiert war. Die Gruppe hat Flugblätter gedruckt, Ausweise und Lebensmittelkarten für die Verfolgten und Untergetauchten gefälscht, hat das Überleben wenigstens einiger von ihnen ermöglicht. Grete Weil leidet aber auch unter dem Trauma, dass sie, um sich und die Mutter zu retten, sich auch von den Nazis manipulieren und für die reibungslose Abwicklung der Deportationen einsetzen ließ. Dieses Schuldbewusstsein zieht sich durch ihre Literatur.

Im Mai 1945 erlebt Grete Weil in der Prinsengracht den Tag der Befreiung. Das Nachwort bezeugt, wie sie ihren Anspruch umsetzt, in Deutsch und für ihre deutschen Landsleute über das Erlebte zu schreiben. Nach Kriegsende entstehen mehrere Erzählungen, Romane und Theaterstücke von Grete Weil. Doch es dauert lange, bis man auch in Westdeutschland bereit ist, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und sie als bedeutende Schriftstellerin wahrzunehmen.

Der kleine verdienstvolle Berliner Verlag Das kulturelle Gedächtnis verlegt jetzt die Erzählung »Ans Ende der Welt«, mit der Grete Weil Zeugnis ablegen wollte über das furchtbare Leid, das den jüdischen Menschen in Holland und in ganz Europa angetan worden ist. Immer wieder geht es um das in Österreich gelegene Vernichtungslager Mauthausen, das die SS für Deportationen aus Amsterdam vorgesehen hat. »Es gab«, sagt sie selbst, »nur noch die eine Aufgabe, gegen das Vergessen anzuschreiben. Mit aller Liebe, allem Vermögen, in zäher Verbissenheit. Vergessen tötet die Toten noch einmal. Vergessen durfte nicht sein.« Doch in den westlichen Besatzungszonen findet sie keinen Verlag. So erscheint »Ans Ende der Welt« 1949 bei Volk und Welt in Ostberlin (und in der Bundesrepublik erst 1962). Ein junges Liebespaar, Annabeth und Benjamin, Cousine und Cousin, stehen im Mittelpunkt und müssen ihre eigene Höllenfahrt erleben. Sie gehen miteinander auf den Transport, weil das Mädchen es nicht ertragen kann, ohne ihn weiterzuleben.

Bereits 2021 ist der Roman »Tramhalte Beethovenstraat« erschienen, ebenfalls im Verlag Das kulturelle Gedächtnis. Es geht um eine Straße in Amsterdam, von der aus die nächtlichen Deportationen der jüdischen Bevölkerung begannen, zuerst tatsächlich mit Straßenbahnen in ein Sammellager, von dort nach Mauthausen. Dieser Roman (Wiesbaden 1963) ist eine literarisch dichte Darstellung der Ereignisse 1943/44 in Amsterdam und, auf einer zweiten Ebene, der Gegenwart in München Anfang der 60er Jahre. Hier wird sich die Hauptfigur Andreas bewusst, wie stark die Nazi-Verbrechen in der Gesellschaft immer noch verdrängt werden. Er selbst, ein vor dem Krieg hoffnungsvoller Autor, kann nicht mehr schreiben, seitdem er ohnmächtig mit ansehen musste, wie der junge Daniel Rosenbusch, den er, damals Korrespondent einer deutschen Zeitung in Amsterdam, in seinem Zimmer versteckt hatte, vernichtet wurde.

Geschrieben hat Grete Weil das Buch mit dem Wissen der Nachkriegszeit, dass ein Großteil der Deutschen unfähig war zu trauern (wie es Alexander und Margarete Mitscherlich in ihrem Buch so treffend genannt haben). Erst mit dem Erscheinen ihres Romans »Meine Schwester Antigone« 1980 in einem Schweizer Verlag wird Grete Weil auch in der BRD als wichtige Stimme der Exilliteratur anerkannt. Es folgten weitere Bücher, so ihre Autobiografie »Leb ich denn, wenn andere leben« (Zürich 1995). Grete Weil starb im Mai 1999 in Grünwald bei München. Ihre Bücher zu lesen, wird zu einem eindrucksvollen Erlebnis, sich der Nazi-Vergangenheit von Neuem und aus verschiedenen Perspektiven zu stellen.

Grete Weil: Der Weg zur Grenze. Roman, hg. u. mit einem Nachwort von Ingvild Richardsen, C.H.Beck, 384 S., geb., 25 €.
Dies.: Ans Ende der Welt. Erzählung, Verlag Das kulturelle Gedächtnis, 90 S., geb., 18 €.
Dies.: Tramhalte Beethovenstraat. Roman, hg. v. von Carsten Pfeiffer, mit einer biografischen Notiz v. Veit Johannes Schmiedinger, Verlag Das kulturelle Gedächtnis, 192 S., geb., 22 €.

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