Grippewelle könnte heftiger ausfallen

Die Hausärzte wollen vor allem bei den über 60-Jährigen höhere Impfquoten erreichen

Über 64 000 Arztpraxen gibt es in Deutschland, ein reichliches Drittel davon wird von Allgemeinmedizinern oder praktischen Ärzten betrieben. Das sind die Berufsgruppen, die der Hausärzteverband vertritt. Die Organisation, deren Mitglieder das Rückgrat der ambulanten Versorgung bilden, veranstaltet an diesem Donnerstag und Freitag in Berlin den 43. Hausärztetag. Vorab gab Ulrich Weigeldt, scheidender Bundesvorsitzender, einen Überblick über aktuelle Probleme der Praxen.

Covid-19-Infektionen stehen dabei weiterhin an erster Stelle, wie Weigeldt erklärte. Vor allem gehe es um die Impfungen. Wobei die Hausärzte nach den Erfahrungen der vergangenen beiden Jahre nicht damit rechnen, dass die Lieferung der Vakzine in diesem Herbst unbedingt berechenbarer verlaufe als zuvor. Jedoch haben die Mediziner eine klare Vorstellung davon, wie der nächste Corona-Booster einzuordnen ist. Die neue STIKO-Empfehlung wird erst für diesen Freitag erwartet. Die Hausärzte wollen erreichen, dass die Covid-Impfung zusammen mit der gegen Grippe verabreicht werden kann, unter anderem aus organisatorischen Gründen. Dagegen spricht aus der Erfahrung der Vorsaison nichts, es gehe aber darum, dies auch so zu bewerben, wie die Forderung an die Politik lautet – vor allem gegenüber den älteren Patienten, »weil es dieses Jahr unter Umständen zu einer deutlich heftigeren Grippewelle als in den vergangenen Jahren kommen könnte«, argumentiert Weigeldt.

Im Winter 2019/20 etwa hatten sich nur durchschnittlich 40 Prozent der Menschen über 60 Jahre gegen Influenza impfen lassen, das EU-Ziel liegt aber bei 75 Prozent. Weigeldt formulierte zudem die Zielstellung von über zwei Dritteln der Altersgruppe für eine vollständige Covid-Impfung (Stand Donnerstag insgesamt vier Dosen). Aus seinem Praxisalltag berichtete Jens Lassen, Vorsitzender des Hausärzteverbandes Schleswig-Holstein, dass die Patienten durchaus die Ankündigung der angepassten Corona-Impfstoffe »auf dem Schirm haben«.

Seit Beginn dieser Woche werden die Vakzine gegen die Covid-Variante Omikron BA.1 ausgeliefert, in der nächsten Woche soll die Auslieferung auch des Impfstoffs gegen BA.4/5 beginnen. »Bis jetzt ist noch kein Sprung bei der Nachfrage eingetreten, das könnte sich in der nächsten Woche aber ändern«, schätzt Lassen ein. Wobei die Hausärzte durchaus auch bei dem ersten jetzt neu lieferbaren Impfstoff zuraten. Zugleich nehmen sie, wie auch Lassen berichtet, zur Kenntnis, dass die Nachfrage nach einer Corona-Grundimmunisierung in den Praxen »sehr, sehr gering« sei. Mindestens zwei Millionen Menschen über 60 Jahre sind jedoch weiterhin gegen Covid-19 gar nicht geimpft.

Während die Hausärzte also durchaus bereit sind, bei dem Thema aktiv mitzuwirken, werden die Praxen gleichzeitig in Sachen Digitalisierung ausgebremst. Die »große Frustration«, so Weigeldt, betreffe nicht nur den Austausch der Konnektoren, der nun doch kostenneutral erfolgen soll. Mit diesen Geräten wird die sichere Verbindung der Praxen zu den Kassen hergestellt. Der nächste Aufreger ist das elektronische Rezept, kurz E-Rezept. Für den Hausärztechef ist diese Anwendung ein neues Beispiel dafür, dass unausgegorene Projekte in die Praxis gelangen: »Was daran schon funktioniert, nützt meist nur den Krankenkassen, aber nicht den Praxen und den Patienten.«

Schleswig-Holstein gehört neben Westfalen-Lippe zu den ersten Regionen, in denen am 1. September das Projekt E-Rezept eingeführt wurde. Hausarzt Lassen hat in seiner Praxis schon über 10 000 solcher Verschreibungen ausgestellt. Dann kamen jedoch Zweifel daran auf, ob die Versendung per E-Mail sicher genug ist – und dieser Übermittlungsweg wurde »uns wieder weggenommen«, berichtet Lassen. Was bleibt nun von der Neuerung? Noch zwei andere Möglichkeiten gibt es, wie Patienten ihr elektronisches Rezept in der Apotheke einlösen können: Entweder druckt die Praxis einen Beleg mit einem QR-Code aus oder die Patienten nutzen eine spezielle App, die aber hohe Hürden für die Anwender setzt: Sie müssen sich nicht nur bereits für die elektronische Patientenakte entschieden haben, sondern benötigen unter anderem noch eine extra PIN.

Die Arztpraxen könnten die neuen Anwendungen durchaus gebrauchen, die mögliche Zeitersparnis könnte zu mehr Kapazitäten für die Behandlung führen. Hausarztchef Weigeldt kritisiert noch einmal die Grundkonstruktion der kürzlich umbenannten Gematik, die jetzt unter dem Titel Nationale Agentur für digitale Medizin firmiert. Die Beispiele Estlands und Dänemarks zeigten, dass Digitalisierung im Gesundheitswesen auch so funktionieren könne, dass alle und darunter auch die Bürger etwas davon haben.

Schließlich warnte Weigeldt auch noch davor, das Vorhaben kaputtzureden, sogenannte Gesundheitskioske vor allem in benachteiligten Gebieten einzurichten. In Kiezen mit einer armen Bevölkerung könne eine niedrigschwellige Gesundheitsberatung sinnvoll sein, aber die medizinische Grundversorgung, unter anderem mit Hausarztpraxen, müsste dort trotzdem gefördert werden, das eine könne das andere nicht ersetzen.

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