Am Puls von Revolutionen

Eine Offenbarung: »Was bleibt«, die Reportagen von Christiane Barckhausen

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.
Was hätte aus dieser Revolution alles werden können: Sandinistische Guerrilleros feiern in Managua den Sieg über die Somoza-Diktatur im Juli 1979
Was hätte aus dieser Revolution alles werden können: Sandinistische Guerrilleros feiern in Managua den Sieg über die Somoza-Diktatur im Juli 1979

Dieses schmale, unscheinbare Bändchen ist eine Offenbarung. »Was bleibt« ist ein Titel voller Understatement. Eine Frau zieht Bilanz. Sie hat Auf- und Umbrüche erlebt, war ganz nahe dran an revolutionären Bewegungen, auch an den Gefahren und Gewalttätigkeiten, die mit Revolutionen nicht selten einhergehen. Nicht jede Revolution ist eine sogenannte friedliche, und nicht jede endet mit dem Durchmarsch des Kapitals.

Christiane Barckhausen war eine Ausnahmeerscheinung im DDR-Journalismus. Sie gehörte zu den Auserwählten, die in die weite Welt reisen konnten. Sie war in Mexiko und Nicaragua, in El Salvador, Spanien und Kuba. Und sie gehörte zu denen, deren Texte nicht pathetisch oder propagandistisch waren, sondern in erster Linie voller Wärme und Herzblut. Die Journalistin, Reporterin, Schriftstellerin erlebte unmittelbar, wie sich Menschen in Ländern Lateinamerikas gegen brutale Militärdiktaturen wehrten, gegen Unterdrückung und unsägliche Lebensbedingungen. Sie besuchte abgelegene Regionen, interviewte Kämpferinnen und Kämpfer, berichtete auch über ihre Zweifel. In ihren Texten, veröffentlicht in zahlreichen Büchern, in DDR-Publikationen wie »Für Dich«, »Junge Welt« und »Sibylle«, geht es um Hoffnungen und Niederlagen, um Verluste und Erfolge im Kampf für eine bessere Welt.

Und immer wieder: beeindruckend starke Frauen. Man spürt beim Lesen, dass Barckhausen sich viel Zeit nahm für ihre Gesprächspartnerinnen, die aus einer völlig anderen Welt kamen. Bei denen Kampf keine Frage der Planerfüllung war, sondern eine von Leben und Tod. Sie ließ sich ein auf die Menschen, über die sie schrieb, ließ Vertrauen, Freundschaft entstehen. Es sind keine kühlen, distanzierten Beobachtungen, sondern mitfühlende, anteilnehmende, Partei ergreifende, vor allem aber zutiefst menschliche Porträts und Reportagen. Die wenigen propagandistischen Floskeln mögen ein Zugeständnis an Erwartungen in DDR-Chefredaktionen gewesen sein, teils waren sie ganz gewiss ehrlich gemeint; sie lesen sich aus heutiger Sicht wie ein Zeitzeugnis und entwerten die Substanz und Qualität der Texte keineswegs.

Zu ihrem 80. Geburtstag in diesem Jahr hat Christiane Barckhausen eine Auswahl von Texten aus ihrem Reporterleben zusammengestellt, anstelle einer Biografie. Es gehört zur Tragik und Widersprüchlichkeit eines Lebens in mehreren Gesellschaftssystemen, dass die Ideale der Revolution in manchen der von ihr bereisten Länder zur Machtphrase verkümmerten. Nicaragua beispielsweise, einst ein Fixpunkt für die internationale Solidarität der Linken auf der ganzen Welt, ist längst zur Beute des Ortega-Clans geworden.

Der kleine Verlag Arbeiterlogik kann es sich als Verdienst anrechnen, dieses Büchlein herausgegeben zu haben. Es handelt an vielen Stellen davon, dass Menschen gegen unerträgliche Verhältnisse rebellieren. Dass sie zur Waffe greifen, weil sie eine friedlichere, gerechtere Welt erkämpfen wollen. Barckhausen widmet ihren ganz persönlichen Lebensrückblick ihrer Urenkelin, die am 23. Februar dieses Jahres zur Welt kam – genau einen Tag vor dem russischen Überfall auf die Ukraine. Darin liegt ein Stück Verzweiflung. Und ein Stück Hoffnung.

Christiane Barckhausen: Was bleibt. Verlag Arbeiterlogik, 148 S., br., 12 €.

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