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  • Schauspieler Pierre Clémenti

Die schmutzige Seite der Freiheit

Wer diesem Mann folgt, kommt weit ab vom Gewöhnlichen: Vor 80 Jahren wurde der Schauspieler Pierre Clémenti geboren

  • Von Stefan Ripplinger
  • Lesedauer: 5 Min.
Der große Nachteil, Pierre Clémenti zu kennen, besteht darin, dass einem das Kino ohne ihn ordinär, ja witzlos erscheint.
Der große Nachteil, Pierre Clémenti zu kennen, besteht darin, dass einem das Kino ohne ihn ordinär, ja witzlos erscheint.

Gewöhnlich sucht sich das Kino seine Schauspieler. Der Schauspieler Pierre Clémenti (1942–1999) suchte sich sein Kino. Das Kino, das er sich ausgesucht hat, ist das unorthodoxe, polemische, sperrige, schwierige, aggressive, obszöne. Wer diesem Mann folgt, kommt weit ab vom Gewöhnlichen. Aber auch wenn es düster wird, Clémenti – »halb Engel, halb Dämon«, wie sein Sohn über ihn sagte – leuchtet in allen seinen Filmen.

Seinen bekanntesten Auftritt hat er in Luis Buñuels »Belle de Jour« (1967) als romantischer Rabauke Marcel. Mit seinen Stahlzähnen ist er zugleich zum Fürchten und zum Küssen. Buñuel muss gespürt haben, dass Clémenti noch etwas ganz anderes verkörpern könnte. So besetzt er ihn zwei Jahre später in der »Milchstraße«, einem Leckerbissen für alle vom Glauben abgefallenen Theologen, als genaues Gegenteil des Rabauken, nämlich als entrückten Abgesandten der Hölle. Dieser gibt sich gegenüber den beiden Pilgern dieser Geschichte als einer von Millionen »Arbeitern« aus, nimmt eine Christopherus-Plakette von der Konsole eines Unglückswagens, wirft die Plakette in den Schlamm, in dem er fast verträumt stampft. Nicht nur in diesem Film besitzt er die seltene Eleganz derer, die mitten durch den Morast laufen können, ohne sich je schmutzig zu machen.

Schon den Beginn seines Lebens nennt der Schauspieler eine »Überschreitung«. Denn die Eltern sind nicht verheiratet, der Vater fällt im Krieg, die Mutter, eine Korsin, zieht ihn und seinen Bruder allein auf. Er ist ein Straßenkind, stets haben ihn die Polizisten auf dem Kieker. Eines Tages sieht ihn der Schauspieler Jean-Pierre Kalfon in einem Café und lädt ihn ein, bei einem Theaterstück mitzuspielen. Clémenti geniert sich als blutiger Anfänger, doch Kalfon beruhigt ihn: »Wir sind alle Anfänger und bleiben es hoffentlich noch lange.« Mit Kalfon und Bulle Ogier gehört er zur Theatertruppe des früheren Lettristen Marc’O. Sie ziehen über die Lande und machen sich über die Stars lustig, die sie selbst nicht werden wollen. Doch auch dazu, es nicht zu werden, gehört Energie.

Nach »Belle de Jour« und erst recht nach »Benjamin« (1968) von Michel Deville stehen Clémenti alle Wege offen. Er entscheidet sich für den steinigsten. »Wenn ein Projekt und ein Kerl mir gefallen, mache ich für eine symbolische Gage mit und oft genug gehe ich ganz leer aus – das ist meine Politik.« Dieser Politik verdanken wir unter anderem seinen Auftritt in Bernardo Bertoluccis »Partner« (1968). Bertolucci ist immer da am stärksten, wo er nicht Bertolucci sein darf, kann oder will, so in »La commare secca« (etwa: »Gevatter Tod«, 1962), der ein Pier-Paolo-Pasolini-Film ohne Pasolini ist, oder in »Ich und Du« (2012), der entstand, als der schon gebrechliche Bertolucci nicht mehr zu seinen üppigen Spektakeln in der Lage war. In diese Reihe gehört auch »Partner«, ein Film, mit dem er Jean-Luc Godard zu kopieren versuchte, was ihm gottlob misslang. Clémenti zeigt sich darin auf der Höhe seines komödiantischen Talents.

In »Der Schweinestall« (1969) zieht Pasolini ebenso erbarmungslos wie schrill Parallelen zwischen Kannibalismus und Nazismus oder Bürgertum. Clémenti spielt nicht nur eine der Hauptrollen, sondern (indirekt) auch sein Leben. Denn dass die postfaschistische Gesellschaft und ein autoritärer Staatsapparat ihn und andere Außenseiter mit Haut und Haaren auffressen will, ist seine tiefe Überzeugung nicht erst, als er 1971 in Rom festgenommen und ins Gefängnis geworfen wird. Die Anklage lautet auf Besitz von Drogen. Er bestreitet sie heftig. Federico Fellini sagt für ihn aus, obwohl Clémenti eines von dessen Angeboten abgelehnt hat. Es setzen sich viele für ihn ein, doch alles vergebens.

Die beiden Filme, die er mit Philippe Garrel gedreht hat – darunter »La Cicatrice intérieure« (»Die innere Narbe«, 1970–1972) mit Clémenti als nacktem Jäger, seinem Sohn, Garrel selbst und der Sängerin Nico in einer absurden Oper zwischen Eis, Wüste und Vulkan –, sind für ihn eine Vorwegnahme seiner »Suche gleichermaßen nach Verweigerung und Frieden«. Wochenlang nimmt er im Gefängnis kaum Nahrung zu sich und spricht nicht einmal mit seinen Anwälten. In einem Buch über diese Zeit, »Quelques messages personnels« (»Einige persönliche Mitteilungen«, 1973), schreibt er, die Regime errichteten Gefängnisse als ihr »getreues Abbild«, sie seien Fabriken, die »Leichen produzieren«. Er sei erst unter den Gefangenen »unschuldig« geworden.

Wenn etwas zugleich gegen und für die Version der Obrigkeit spricht, Clémenti habe Drogen genommen, dann sind es seine selbstgedrehten Filme. Von 1967 an entstehen Bilderreigen, in denen mystische, selbstinszenierte Szenen rasch auf Straßenschlachten und Ikonen folgen. Um davon berauscht zu werden, muss niemand Gifte schlucken. Aber dass die Welt nur im Rausch erträglich sei, teilen sie durchaus mit. Sie sprechen von Freiheit.

Freiheit ist das, wonach dieser lebenslang beengte und bedrängte Mann verlangt. Er ist bereit, sie zu nehmen, wie sie kommt, und auch ihre grausame und schmutzige Seite gelassen zu akzeptieren. Das verdichtet sich in »Sweet Movie« (1974) von Dušan Makavejev. Die Burleske auf die kapitalistische und die kommunistische Zivilisation lässt unter anderem die Kommune von Otto Muehl Scheiß- und Pissaktionen aufführen und ist bis heute in einigen Ländern, so in Großbritannien, verboten. Clémenti tänzelt als Matrose vom Panzerkreuzer Potjomkin mit großer Anmut durch die teils finsteren, teils grellen Bilder.

Mit anderen Filmen hat er weniger Glück, so mit »Das Becken von John Wayne« (1997) von und mit João César Monteiro, einem selbst für dessen Verhältnisse hermetischen Werk. Clémenti, vielleicht schon geschwächt von dem Krebs, dem er zwei Jahre später erliegt, kommt als Luftgeist gegen die irdische Präsenz des brillanten Zynikers Monteiro nicht an.

Er kann aber auch in schlechten Filmen gut sein. 1980 spielt er in Philippe Puicouyouls Punk-Musical »La Brune et moi« (»Die Dunkelhaarige und ich«). Die Geschichte ist völlig lachhaft und die französische Punkszene erinnert auch jenseits von Plastic Bertrand an Kinder-Fasching, aber das Ganze macht doch einen Heidenspaß und Pierre Clémenti ist einmal mehr überirdisch schön. Der große Nachteil, ihn zu kennen, besteht darin, dass einem das Kino ohne ihn ordinär, ja witzlos erscheint.

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