Spezifische Sensibilisierungen

Eine Ausstellung in Berlin zeigt anhand von 50 in der DDR geborenen Künstlerinnen, wie historische Erfahrung Einfluss auf das Werk nehmen kann

Skulpturen, Installationen, Malerei: So unterschiedlich wie die Künstlerinnen sind auch ihre Arbeiten.
Skulpturen, Installationen, Malerei: So unterschiedlich wie die Künstlerinnen sind auch ihre Arbeiten.

Leben und Kunst – wie hängt das zusammen? Die Ausstellung »Worin unsere Stärke besteht: 50 Künstlerinnen aus der DDR« lädt zu einer veränderten Sicht auf die Wirkung biografischer Erfahrungen auf die Kunstproduktion ein.

Es ist eine so gewagte wie notwendige Unternehmung, die die Künstlerin und Kuratorin Andrea Pichl derzeit im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien unternimmt. Gewagt, weil bereits im Kunstunterricht in der Schule – mitunter auch dem in der DDR übrigens – gelehrt wurde, ein Werk als solches sprechen zu lassen ohne die Biografie der Person, die es geschaffen hat, zu Rate zu ziehen. Pichl macht aber genau das. Sie versammelt in ihrer Ausstellung Werke aufgrund biografischer Kriterien. Die 50 Frauen, deren Arbeiten sie auswählte, sind zwischen den 1930er und den 1980er Jahren geboren. Manche kannten also Gesellschaftssysteme aus der Zeit vor der Gründung der DDR, andere haben ganz knapp nur die ersten Klassen des DDR-Schulsystems erlebt. Weil alle freiwillig an der Ausstellung teilnehmen, muss man aber davon ausgehen, dass sie das Etikett »Künstlerin aus der DDR« auch für sich in Anspruch nehmen.

Bei manchen überrascht das. Else Gabriel etwa betrieb im Kontext der Autoperforationsartisten schon in den 1980er Jahren Performancekunst, die die Enge des offiziellen Kunstbetriebs radikal überschritt – und die im nachfolgenden gesamtdeutschen Kunstbetrieb gern ins Gehege der »oppositionellen Kunst«, also der (kunst-)politisch guten und genehmen, eingepfercht wurde. Auch Erika Stürmer-Alex, die sich mit ihren abstrakten Kompositionen auf Leinwand, aus Holz oder aus Styropor ebenfalls dem verordneten Realismus entzog, ist mit von der Partie. Von ihr sind zwei aus Kugeln, Kästen und Gestellen gebildete Styroporplastiken ausgewählt. Noch stärker am Rande der offiziellen Kunstproduktion agierte Ruth Wolf-Rehfeldt, die lange Zeit meist im Kontext der Mail Art ihres Mannes Robert Rehfeldt bekannt war, seit Kurzem aber eine Wiederentdeckung vor allem wegen ihrer frühen Schreibmaschinengrafiken erfährt. Blätter mit diesen so dynamischen wie minimalistischen Kompositionen werden in der Ausstellung gezeigt.

Wolf-Rehfeldt ist ein gutes Beispiel für die Notwendigkeit dieser Ausstellung. Denn Frauen, die in der DDR ihre künstlerische Laufbahn begannen, hatten es im Kunstbetrieb ab den 1990er Jahren doppelt schwer. Frausein war Handicap, wenn es um große Einzelausstellungen an bedeutenden Häusern ging, aus der DDR zu sein, der vielleicht noch größere Makel. Laut Pichls Analysen waren selbst in Überblicksausstellungen zur Kunst aus der DDR in den letzten drei Jahren Künstlerinnen nur sehr selten vertreten. Zwischen 14 und 23 Prozent zählte sie.

Das ist eine Konstante im Kunstbetrieb. Bereits 2009, bei der Ausstellung »und jetzt. Künstlerinnen aus der DDR«, die ebenfalls im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien zu sehen war und Arbeiten von Gabriel und Stürmer-Alex zeigte, war die Klage über die doppelte Benachteiligung laut und vernehmlich.

In dem guten Jahrzehnt dazwischen hat sich allerdings der Blick auf die Problemlage etwas verändert. Die Ausschlussmechanismen sind immer noch wirksam, und werden immer noch völlig zu Recht kritisiert. Wurde längere Zeit der biografische DDR-Hintergrund aber häufig heruntergespielt oder lediglich zur Markierung einer Außenseiterposition genutzt, so wird er im Kontext der aktuellen Ausstellung als produktives Moment ins Spiel gebracht. Pichl hält in ihrem Vorwort zur begleitenden Publikation die Herkunft aus der DDR für wesentlich für das künstlerische Werk und auch als »Voraussetzung für Substanz, Kraft und Relevanz im zeitgenössischen Kontext«. Am prägnantesten drückt diesen Bewertungswechsel der DDR-Herkunft die Journalistin Charlotte Misselwitz aus. Als Tochter der Mitbegründer des Pankower Friedenskreises, Hans-Jürgen und Ruth Misselwitz, hatte sie zwar einen im neuen System als positiv erachteten, weil oppositionellen Familienhintergrund. Aber selbst sie habe sich, wie sie in ihrem Beitrag in der Publikation erzählt, mit ihren Erfahrungen als nicht »passend« empfunden – und Fragen nach dem Aufwachsen in der DDR schließlich mit Floskeln wie »Ja, auch wir hatten Elektrizität« beantwortet. Erst über den Umweg im Ausland kam sie wieder in ein sprechendes Verhältnis zur eigenen Herkunft.

Daraus lässt sich mittlerweile neues Selbstbewusstsein ableiten. Else Gabriel schreibt in ihrem Beitrag von den Werten, die die Kenntnis von Systemwechseln und Systemverwerfungen habe. »Die damit verbundene spezifische Sensibilisierung zu leugnen, wäre eine Verschwendung künstlerischen Potenzials«, sagt sie in Bezug auf die Kunststudent*innen aus den ostdeutschen Ländern, die gerade mit ihrem Studium angefangen haben und von den Transformationserfahrungen ihrer Eltern geprägt sind. So gesehen wachsen aktuell neue Jahrgänge von Künstlerinnen aus der DDR heran.

Die Ausstellung selbst ist angesichts der Vielfalt der Ausdrucksmittel und Themen nicht summarisch zu beschreiben. Gleich zu Beginn wird man mit Porträts zweier Frauen konfrontiert, die für Ostdeutschland sehr wirkmächtig waren. Else Gabriel malte Beate Zschäpe, die aus Jena stammende NSU-Terroristin, in Öl. Halb versteckt ist sie hinter ihrem schwarzen Vorhang aus Haaren. In der Nähe befindet sich Birgit Breuel, die als Präsidentin der Treuhand für das Ende der Arbeitsbiografien vieler Ostdeutscher sorgte. Susanne Rische und Henrike Naumann setzten Breuels Bildnis vor die Fassade eines Betriebes, der von der Belegschaft besetzt ist.

Die Auseinandersetzung mit der DDR und der ostdeutschen Gesellschaft prägt auch zahlreiche andere Arbeiten. In der Installation »Falscher Hase« spürt Jana Müller nicht nur dem Leben ihres Vaters als Polizist nach. Sie verknüpft auch die rechtsradikalen Attentate von Halle, ihrer Geburtsstadt, und Christchurch in Neuseeland, wo ein Teil ihrer Familie lebt. Ulrike Kuschel verarbeitet Texte aus der politischen Wehrerziehung der DDR zu Plakaten. Bewertungskategorien, mit denen man einst selbst bedacht wurde, werden in Erinnerung gerufen: »klassengemäß«, »im wesentlichen klassengemäß«, »ausweichend«, »nicht klassengemäß«.

Im Kontext dieser Prädikate bekommt der Titel der Ausstellung »Worin unsere Stärke besteht« einen recht schrillen Klang. Deutlich wird aber auch, dass viele Passagen des Solidaritätslieds von Bertolt Brecht und Hanns Eisler, aus dem diese Zeile stammt, heutzutage ähnlich relevant sind wie zur Zeit der Entstehung vor knapp 100 Jahren. Die Ausstellung überschreitet damit gleich mehrere Epochengrenzen.

»Worin unsere Stärke besteht: 50 Künstlerinnen aus der DDR«, bis 30. Oktober 2022, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin.

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