Widerstand wird wieder hip

»Horizont« ist ein Film wie ein Demo-Soundtrack: platt agitierend, aber mitreißend

Die vielseitige Hauptdarstellerin Tracy Gotoas als Adja
Die vielseitige Hauptdarstellerin Tracy Gotoas als Adja

»La pollution – c’est nous!«, krähen die aufgedrehte Adja und ihre Party-Queens, als sie in einen Stau geraten, weil Umweltaktivist*innen die Straße blockieren. »Wir sind die Umweltverschmutzung!« Auf die Instagram-affinen, konsum- und feierfreudigen jungen Frauen wirken die engagierten Jugendlichen, darunter ihr Klassenkamerad Arthur, die in einem Vorort von Paris den Bau eines riesigen Freizeitparks und die Vertreibung der Bauern von diesem Gebiet verhindern wollen, »wie eine Sekte«. »Da haben unsere Eltern das Dorf verlassen, um weiterzukommen, und jetzt bringen die uns das Dorf zurück.«

Erst als das Haus ihrer Familie im Senegal vom steigenden Meeresspiegel bedroht ist, kommt Adja, die außerdem mit der Aussicht auf einen Pflegejob im Altersheim hadert, ins Grübeln. Dass sie auf der Suche nach sich selbst zur Aktivistin der Klima- und Umweltbewegung wird, erklärt der Film »Horizont« allerdings vor allem damit, dass sie sich in Arthur verknallt und bei Besuchen in seiner Ökolandbau-Kommune mehr und mehr seine Beweggründe versteht.

Émilie Carpentier hat sich bei Filmworkshops, die sie in einem Nachbarschaftshaus südlich von Paris angeboten hat, in die »erfrischende Energie und Vorliebe für provokante Rhetorik … der Jugendlichen mit Migrationshintergrund« verknallt, denen sie den Film widmet und die ihren »Blick auf die französische Gesellschaft komplett« verändert haben: »Ich, die ich nach der Vorgabe ›Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‹ einer öffentlichen Schule aufgewachsen war, erkannte, dass dieses Motto nicht der Realität entsprach, in der sie lebten, dass die Ressourcen sich unterschieden, je nach Schule, Bezirk.« Zwei ehemalige Workshop-Teilnehmerinnen, Assmar Abdillah und Dany Bomou, schreiben am Drehbuch von »Horizont« mit.

Herausgekommen ist ein eher hölzernes Skript für einen Selbstverständigungsfilm der Fridays-for-future-Jugend, der allerdings auch Klassismus und Rassismus mit im Blick hat. Während sich Adja zunächst von den privilegierten weißen Hippies abgrenzt, solidarisieren sie sich mit ihr, als die Polizei die Schwarze Mitstreiterin, die überraschend schnell zur Wortführerin mutiert, ins Visier nimmt.

Carpentiers Ehrgeiz, »die Banlieues anders zu betrachten, … nicht als heruntergekommenen, abgelehnten Stadtteil, sondern als Beginn der Landschaft, als Tor zur Natur«, setzt sich mit einer von oben gefilmten Verfolgungsjagd durch ein an die Stadt grenzendes Getreidefeld ins Bild. Die Kamera erlaubt sich manche Kapriolen und steht auch mal Kopf. In der Schlusseinstellung bilden »diese großartigen jungen Menschen«, wie Carpentier schwärmt, die »die kommende ökologische Katastrophe an den Rand des Nichts gedrängt« hat, »eine energetische Linie, wie ein leuchtender Horizont für das Frankreich von morgen«.

»Horizont« ist ein Film wie ein Demo-Soundtrack, platt agitierend, dabei dank der vielseitigen Hauptdarstellerin Tracy Gotoas und mit einem aufputschenden Popmix streckenweise mitreißend und nicht unsympathisch. Nichts dagegen, dass Widerstand wieder hip wird. Aber »Horizont« – laut Carpentier »demütig … inspiriert« von Jean-Luc Godards »Kindern von Marx und Coca-Cola« – überzeugt allenfalls als Jugendfilm, wobei auch dieses Genre mehr Komplexität und Tiefe vertragen könnte.

»Horizont«: Frankreich 2021. Regie: Émilie Carpentier. Mit: Tracy Gotoas, Sylvain Le Gall. 84 Min. Start: 6.10.

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