Aus Russland geflüchtet

Drei junge Russ*innen verließen ihr Land kurz nach der militärischen Invasion in die Ukraine und berichten von ihren Beweggründen

Dan, Diana und Anton sind aus Russland geflohen
Dan, Diana und Anton sind aus Russland geflohen

»Meine Flucht war Protest« – Dan, 26 Jahre

Diese Regierung habe ich nicht gewählt, und ich will nicht, dass militärische Invasionen in Brudernationen stattfinden. Meine Flucht war somit auch eine Form des Protests. In den ersten Wochen haben viele meiner talentierten Freunde Russland verlassen. Ich hatte also das Gefühl, dass ich mit dieser Entscheidung nicht alleine bin. Für mich waren es nicht irgendwelche Leute, die Russland verließen. Es waren Menschen, die Russland zu einem wunderbaren Land gemacht haben.

In den ersten Wochen fiel der Rubelkurs deutlich und die Preise stiegen drastisch an. Vor dem Hintergrund, dass ausländische Unternehmen das Land verlassen und viele Menschen ihren Job verloren hatten, erwartete ich einen ernsthaften Rückgang des Lebensniveaus und eine Zunahme der Kriminalität. Aber die russische Zentralbank fand Wege, den Zinssatz wieder auf ein normales Niveau zu bringen. Gleichzeitig rechnete ich mit einer schnelleren Konflikteskalation und Schließung der Grenzen. Also wollte ich gehen, solange es noch möglich war.

Dan, 26 Jahre
Dan, 26 Jahre

Es gibt für mich keinen Grund für eine Besetzung eines anderen souveränen Landes, insbesondere wenn wir die gleiche Kultur und Geschichte teilen. Es wäre eine Schande für mich, daran teilzunehmen. Es sollte generell keine Konfliktlösungen geben, die mit dem Töten und Verkrüppeln von Menschen einhergehen.

Nach Russland zurückzukehren hätte viele Risiken. Man könnte mich bei der Ankunft aufgrund von »unwahren« Posts in sozialen Netzwerken verhaften, mich nicht mehr reisen lassen oder mich in den Krieg an die Front bringen. Aufgrund der Mobilisierung klopft die »militärische Spezialoperation« nun an jede Haustür.

Der Kontakt zu meiner Familie ist zum Glück gut. Sie sind nur ein wenig ängstlich. Bei meiner Mutter läuft oft der Fernseher. Die Medienmaschinerie der Regierung arbeitet hart daran, Inhalte zu liefern, in denen russische Soldaten als Befreier, Selenskyj als Nazi und Diktator und sowohl die USA als auch die EU als Initiatoren eines hybriden Krieges gegen Russland dargestellt werden.

Viele derjenigen, die im Frühjahr ausreisen wollten, aber zweifelten, sind jetzt ausgereist. Ich wünsche mir, dass dieser Albtraum aufhört. Meiner Familie, der Ukraine und der ganzen Welt wünsche ich das Beste.

»Sie haben Angst vor Ungehorsam« – Diana, 25 Jahre

Ich komme aus Belgorod, der Stadt an der Grenze zur Ukraine. Ab meinem 18. Lebensjahr wohnte ich in Sankt Petersburg. Es war mitten in der Nacht, als sich meine Mutter bei mir meldete und berichtete, dass sie Explosionen hören kann. Mein Freund schrieb mir ebenfalls: »Der Krieg hat begonnen, Russland hat die Ukraine angegriffen.« Ich verließ Russland am 29. März.

Für mich war es zu schwierig, in einem Land zu bleiben, das so aggressive und unmenschliche Verbrechen begeht. Ich fühlte mich, als müsste ich diesem Bösen so schnell wie möglich entkommen. Dies war der erste Grund für meine Flucht. Der zweite Grund war, dass ich Angst hatte, das Land nicht mehr verlassen zu können. Dies lag in der Luft, und es war schwer vorherzusagen, was am nächsten Tag passieren würde – nicht zuletzt weil die Regierung begann, neue Gesetze zu erlassen, die unsere Freiheit offensichtlich einschränken sollten.

Diana, 25 Jahre
Diana, 25 Jahre

Zum Glück war es am Anfang ziemlich einfach auszureisen. Ich musste mich nur zwischen Georgien, Armenien und der Türkei entscheiden. Ich habe mich für Istanbul entschieden, weil Türken gegenüber Russen in der Regel tolerant sind und ich dort einige Kontakte hatte. Ich fühle große Schmerzen und ich mache mir Sorgen um all meine Freunde und meine Familie. Es erschreckt mich, wie die Regierung Menschen behandelt und als Kanonenfutter in den Krieg schickt. Ich möchte schreien und weinen, weil meine Leute zu ahnungslos sind, um zu begreifen, was in Wirklichkeit passiert. Sie haben zu viel Angst davor, nicht zu gehorchen.

Aber es gibt auch Hoffnung. Inspiriert bin ich von Menschen aus Dagestan im Süden Russlands. Sie kamen heraus auf die Straßen und protestierten zusammen für das Recht auf das Leben ihrer Söhne, Brüder, Väter und Freunde. Sie sind mutig und stark.

Ich spreche oft mit meiner Mutter, die in Belgorod lebt und in den letzten sieben Monaten jeden Tag die Detonationen des Kriegs gehört und miterlebt hat. Sie hatte Angst, weil er buchstäblich vor ihrer Tür stattfindet, aber sie hat sich inzwischen daran gewöhnt. Sie arbeitet viel und versucht, nicht die ganze Zeit daran zu denken. Sie unterstützt den Krieg nicht, sieht aber auch nicht alles und glaubt teilweise Putins Lügen. Wir diskutieren nicht darüber, da es immer zu Streit führt.

Ich wünsche mir Frieden überall. Überall dort, wo gerade Kriege stattfinden. Ich wünsche mir, dass die Menschen, egal welcher Nationalität, aufeinander achten, denn nur gemeinsam können wir das Schlechte dieser Welt beenden.

»Traum von einer neuen Regierung« – Anton, 34 Jahre

Geboren wurde ich im fernen Osten Russlands, aber die letzten zehn Jahre lebte ich in Sankt Petersburg. In der Nacht zum 24. Februar schrieb mir mein Bruder, der noch heute in der Region Kamtschatka lebt, dass Präsident Putin gerade in den Nachrichten die »militärische Spezialoperation« ankündigt.

An diesem Februartag habe ich meinen Job, meine Pläne, meine Musikkarriere und mein Land verloren. An diesem einen Tag ist alles, woran ich gearbeitet habe, in Stücke gerissen worden. Also beschloss ich, einen besseren Ort zu finden, an dem ich ein ruhiges Leben führen, neue Pläne schmieden und mich als Künstler weiterentwickeln kann.

Anton, 34 Jahre
Anton, 34 Jahre

Ich habe bald darauf die billigsten Flugtickets für das nächstmögliche Datum gekauft und verließ Russland am 10. März. Ich musste einen Teil meiner Musikausrüstung und meiner Vinylsammlung verkaufen, um etwas Geld für die Flucht zu sammeln.

Ich habe vor zehn Jahren in der russischen Armee gedient, da ich zum Pflichtdienst einberufen wurde. Ich habe das getan, weil ich immer die Gesetze respektiert habe. Aber jetzt will das Gesetz, dass ich und meine Freunde in den Tod ziehen. Wenn die Särge mit Kindern, Ehemännern, Geschwistern und Vätern zurück nach Russland kommen, denke ich, dass sich die Situation und die Stimmung dort ändern werden.

Nach dem 24. Februar habe ich diejenigen von meiner Freundesliste gestrichen, die den Krieg unterstützen. Alle meine Lieben verstecken sich vor der Mobilisierung. Ich rechne mit Repressionen, um all die Menschen zu bestrafen, die nicht in ein anderes Land einmarschieren wollen, um zu töten oder zu sterben.

Meine Eltern arbeiten in sozialen Berufen und werden vom Staat bezahlt. Sie leben schon Jahre in der ständigen Angst, alles zu verlieren, und wurden blind für all die grausamen Dinge, die die Regierung getan hat. Aber jetzt, wo sie sehen, dass nicht alles gut läuft, beginnen sie langsam zu begreifen, wozu sie mit ihrer stillen Unterstützung beigetragen haben.

Istanbul ist ein freundlicher und einladender Ort mit so vielen guten Einheimischen. Sie haben mir sehr geholfen, eine Unterkunft, Anschluss an die lokale Musikszene und einen Job zu finden. Jetzt helfe ich Russen, die vor dem Krieg fliehen, mit Tipps, Betten und allen notwendigen Informationen, um hier ein neues Leben zu beginnen.

Mein Traum ist es, wieder in einem freien Russland zu leben, im Land der herzerwärmenden Menschen, einer wunderbaren Kultur und einer großartigen Natur. Ich träume, dass Russland Teil einer modernen Welt sein wird und mit Menschen weltweit verbunden ist, um eine glänzende Zukunft aufzubauen. Um dies zu erreichen, brauchen wir eine neue Regierung, die aus jungen, aktiven und klugen Köpfen besteht, die nicht mit früheren Regierungen verwoben sind.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal